Nach Kopfverletzungen im Spiel gegen Bielefeld - Fischer über Luthe und Ryerson: "Die Jungs fühlten sich gut"

Unions Torhüter Andreas Luthe (links) stützt Teamkollege Julian Ryerson (2. v. links). Bild: imago-images/Matthias Koch
Bild: imago-images/Matthias Koch

Der Zusammenprall der Union-Profis Andreas Luthe und Julian Ryerson im Spiel bei Arminia Bielefeld sorgt einmal mehr für Diskussionen über den Umgang mit Kopfverletzungen im Profifußball. Trainer Fischer verteidigt, dass beide Spieler auf dem Platz blieben. Von Simon Wenzel

Es sind heftige Bilder, die früh im Spiel des 1. FC Union bei Arminia Bielefeld zu sehen sind. In der dritten Minute springt Unions Torhüter Andreas Luthe hoch, um eine Freistoß-Flanke der Bielefelder wegzufausten, auch Linksverteidiger Julian Ryerson will den Ball per Kopf klären. Luthe ist schneller da, erwischt den Ball, dann rasseln beide Berliner Spieler heftig mit den Köpfen ineinander.

Lange müssen sie behandelt werden. Erst nach acht Minuten wird das Spiel fortgesetzt. Luthe hat einen Cut an der Nase, Ryerson nimmt das Spiel mit einem Kopfverband und einem blauen Auge wieder auf. Beide spielen die vollen 90 Minuten durch. Auch am Montag trainieren die beiden regulär, wie Trainer Urs Fischer bei einer virtuellen Medienrunde erklärt.

Fischer findet es "heftig", das Netz reagiert entsetzt

Die Entscheidung, Luthe und Ryerson, die nach dem Zusammenprall zunächst angeschlagen wirkten, weiterspielen zu lassen, verteidigt der Schweizer dabei: "Die Rückmeldung der medizinischen Abteilung war positiv, die Jungs haben sich entsprechend positiv geäußert, darum haben wir das so entschieden", begründet Fischer am Montagnachmittag. Er selbst habe den Zusammenprall aber erst nach dem Spiel nochmal richtig gesehen. "Es war schon heftig", sagt der Trainer zu den Bildern im Fernsehen.

Das fanden auch einige Zuschauer und Experten. Im sozialen Netzwerk Twitter beispielsweise, fragten sich mehrere Beobachter vor den Bildschirmen, ob Fußballer in solchen Fällen nicht präventiv ausgewechselt werden müssten. Eine Frage, die man sich ob der Gesichtsausdrücke der beiden Akteure nach der Behandlungspause durchaus stellen kann. Vor allem der Blick von Julian Ryerson wirkte arg leer in einer prägnanten Nahaufnahme (zu sehen in einem der Tweets).

Experte Helmich: "Hätte beide Spieler vom Platz nehmen müssen"

Auch ein Experte zweifelt - zugegebenermaßen aus der Ferne - an der Spielfähigkeit der beiden Akteure. "Aus gesundheitlicher Perspektive hätte man beide Spieler vom Platz runternehmen müssen", sagt Mediziner Ingo Helmich der Agentur SID. Helmich forscht an der Sporthochschule Köln zur Diagnose von sportbedingten Gehirnerschütterungen. Er zweifelt an, dass eine vorliegende Verletzung unmittelbar auf dem Platz zweifelsfrei diagnostiziert werden kann. "Manchmal treten die Symptome erst nach Stunden auf", erklärt Helmich.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) sieht in einem Fall, wie dem von Luthe und Ryerson ein sogenanntes "Baseline-Screening" auf Basis des SCAT5-Verfahrens vor. SCAT5 [fifa.com] ist ein Protokoll, nach dem die großen internationalen Sportverbände wie der Fußball-Weltverband FIFA verfahren, um Anzeichen einer Gehirnerschütterung schnell zu erkennen. Dabei wird der Zustand des betroffenen Sportlers oder der betroffenen Sportlerin anhand eines standardisierten Testschemas mit seinem oder ihrem Normalzustand verglichen.

Ryerson war "etwas schummrig"

Die Mediziner auf dem Platz sollen die Spieler unter anderem mehreren kognitiven Tests unterziehen, um festzustellen, ob eine Beeinträchtigung vorliegen könnte. Laut Trainer Fischer sei die Untersuchung am Platz positiv ausgefallen, deshalb hätten Ryerson und Luthe weitergespielt, auch nach dem Spiel habe es noch einmal eine Untersuchung gegeben, die ebenfalls nichts Bedenkliches ergeben habe.

Torhüter Andreas Luthe selbst sagt nach dem Spiel in der ARD zwar, er habe zunächst "nur Schmerzen gehabt", aber auch, dass er und Ryerson ja "gesund geblieben" seien. Also: "kein Problem." Der Norweger Ryerson gab in einem Interview beim Bezahlsender "Sky" zu, in den Minuten nach dem Zusammenprall "etwas schummrig" gewesen zu sein.

Das Problembewusstsein im Fußball steigt

Nun ist es naheliegend, Profifußballern einen Hang zum übermäßigen Ehrgeiz vorzuwerfen und auch daran zu zweifeln, ob ein Trainer in der Anfangsphase eines Spiels gerne zwei Spieler auswechselt. Andererseits wandten der 1. FC Union und Torhüter Andreas Luthe die Verhaltensregeln bei einer drohenden Gehirnerschütterung bereits ein Mal konsequent an: Im Spiel gegen Gladbach war Luthe nach einem Zusammenprall ausgewechselt worden. Anschießend hatte er in einer Medienrunde gesagt: "Wir müssen vorsichtig bleiben nach solchen Verletzungen und die Spieler vor sich selbst schützen."

Und in der Bundesliga haben die Trainer seit etwa einem Jahr auch ausreichend Wechsel zur Verfügung, um bei Kopfverletzungen zu reagieren. Fünf Mal dürfen die Trainer tauschen, auch wenn der Anlass dafür die gestiegene Spielbelastung durch die Corona-Pandemie war und nicht etwa Kopfverletzungen. Deshalb versichert Urs Fischer: "Das spielt keine Rolle. Es geht nur um die Gesundheit der Jungs." Er ist sich auch sicher, "dass wir mit dem Thema heutzutage etwas sensibler umgehen, als noch zu meiner Zeit (als Spieler, Anm.d.Red.)." Das will auch Mediziner Helmich nicht bezweifeln. Der Experte, der mit dem Bundesligisten 1. FC Köln im Jugendbereich zusammenarbeitet, beobachtet, dass sich der Profifußball der Problematik "immer mehr öffnet".

Bei diesem Spiel sind die Spieler wohl sprichwörtlich - oder wie in Ryersons Fall sogar wortwörtlich - mit einem blauen Auge davongekommen. Und festgestellt werden dürfte wohl auch, dass das Thema inzwischen einen deutlich höheren Stellenwert als noch vor einigen Jahren hat. Damals waren Fußballspieler mit Turban einfach kultig, heutzutage fragen sich auch viele Fans: Muss der da noch rumlaufen? Glaubt man den Experten, ist das eine begrüßenswerte Entwicklung.

 

Sendung: UM6, 08.03.2021, 18 Uhr

Beitrag von Simon Wenzel

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  1. 1.

    Karius kann ein Lied davon singen, wie es ist mit einer Gehirnerschütterung weiterzuspielen

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