Analyse | Union-Pleite in Frankfurt - 84 gute Minuten sind sechs zu wenig

Sa 20.03.21 | 21:13 Uhr | Von Lukas Scheid
  6
Union-Profi Robert Andrich ärgert sich. / imago images/Jan Huebner
Audio: Inforadio | 21.03.2021 | Johannes Mohren | Bild: imago images/Jan Huebner

Union wusste um die Angriffsstärke der Eintracht. Dennoch schafften sie es nicht, diese unter Kontrolle zu bringen. Sechs Minuten lang sahen sie aus wie Schuljungen - zum Ärger von Trainer Urs Fischer. Das Comeback wäre trotzdem möglich gewesen. Von Lukas Scheid

Union-Profi Robert Andrich hatte im rbb|24-Interview vor dem Spiel bereits auf die "brutale Offensive" der Eintracht aus Frankfurt hingewiesen. Dennoch wurde die Köpenicker Dreierkette aus Nico Schlotterbeck, Robin Knoche und Marvin Friedrich schon nach 105 Sekunden überrollt von Filip Kostic und André Silva - eben jenen Spielern, vor denen Andrich zuvor explizit gewarnt hatte.

Was war passiert? Frankfurts Djibril Sow hebelte die gesamte Abwehr der Eisernen mit einem Pass aus, weil der auf Links heranschnellende Kostic komplett allein gelassen wurde. Der für ihn zuständige Christopher Trimmel konnte nur noch zuschauen, wie Kostics flacher Pass auf Silva das frühe Gegentor aus Sicht der Berliner einleitete. "Frankfurt hat das eiskalt gemacht, aber wir haben es ihnen auch leicht gemacht", gab Union-Torhüter Andreas Luthe nach dem Spiel beim Bezahlsender "Sky" zu.

Union schlägt sich wortwörtlich selbst

Frankfurts Abwehr wirkte allerdings nicht viel stabiler. Ein hoher Pass aus der eigenen Hälfte in die Spitze erreichte Julian Ryerson nur wenige Minuten nach dem Gegentreffer. Diesmal war es die Frankfurter Defensive, die mit einem einzigen Pass ins Hintertreffen geriet. Zwar hatte der Norweger Glück, dass sein hartes Einsteigen im Zweikampf gegen Makoto Hasebe vom Video-Schiedsrichter nicht als Foul gewertet wurde, doch der anschließende Treffer von Max Kruse war verdient und das Spiel nach sieben Minuten wieder offen.

Die erste halbe Stunde des Spiels ging zweifellos an die Berliner. Union spielte frech und kreierte Chancen. Luthe gestand anschließend, so viele Chancen habe er in der Bundesliga noch nicht gesehen. Erst brachte Trimmel eine Flanke gefährlich in den Strafraum des Gegners. Friedrich stand genau richtig und köpfte aufs Tor, doch Eintracht-Keeper Kevin Trapp parierte. Den Nachschuss von Joel Pohjanpalo kratzte Sow von der Linie.

Frankfurt dagegen war beeindruckt vom frühen Gegenpressing der Eisernen und wirkte verunsichert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Union hier in Führung gehen würde - so schien es zumindest. Dann kam die 35. Minute: Union schlug sich wortwörtlich selbst. Unbedrängt und ohne Not spielte Andrich einen viel zu fest getretenen Rückpass in Richtung des eigenen Tors. Doch statt auf Luthe am kurzen Pfosten zu zielen, ging der Ball ins lange Eck und unerreichbar für den Keeper ins eigene Tor. "Sollte nicht passieren, aber passiert leider", kommentierte der Eigentorschütze selbstkritisch. Sein Torwart wollte ihm ebenfalls keinen Vorwurf machen. "Er hat den Ball zu gut getroffen", sagte Luthe

Fischer: "So dürfen wir nicht Fußball spielen"

Das Eigentor brachte die Wende, denn die darauffolgenden sechs Minuten dürften die am schwersten zu verdauenden Bundesliga-Minuten für Union-Trainer Urs Fischer gewesen sein. "So geht das nicht. So dürfen wir nicht Fußball spielen", tadelte der Schweizer das fahrlässige Abwehrverhalten seiner Mannschaft zwischen der 35. und 41. Minute. Union war beim 1:3 zu weit nach vorne aufgerückt und lud die für ihr schnelles Spiel bekannte Eintracht ein.

"Wir haben uns in die Breite ziehen lassen", analysierte Kruse. Das schnelle Umschaltspiel habe seine Mannschaft nicht in den Griff bekommen. Am Ende ließen Kostic und Silva ihre Gegenspieler Luthe, Andrich und Friedrich wie Schuljungen aussehen. Beim 1:4 waren die Frankfurter abermals zu schnell für die Gäste aus Berlin. Eine sehenswerte One-Touch-Ballstafette über Luca Jovic und Daichi Kamada landete bei Silva, der humorlos einschob. "Keine Kompaktheit", attestierte Fischer seiner Defensive. Die erste Liga sei kein Wunschkonzert, "wenn du nicht organisiert bist, wird's schwierig", fügte er hinzu.

Union brach in der Folge dennoch nicht auseinander, sondern spielte weiterhin nach vorne - selbst wenn die Lage zu diesem Zeitpunkt schon aussichtslos schien. Das zahlte sich zunächst aus. Friedrichs langer Ball landete auf dem Kopf von Kruse und schließlich im Tor. Frankfurt war zu diesem Zeitpunkt keineswegs die bessere Mannschaft, führte jedoch zur Halbzeit mit 4:2 - mit gerade einmal drei Schüssen aufs Tor.

Klarer Sieg nach Torschüssen

Unions Hoffnungen auf die zweite Halbzeit waren berechtigt. Die Gäste übernahmen die Spielkontrolle, als hätten sie nichts zu verlieren. Joel Pohjanpalo ackerte und gab mit seiner Körpersprache die Marschrichtung vor. Nach schönem Zuspiel von Kruse scheiterte der Finne an Trapp im Frankfurter Tor. Union war näher am Anschlusstreffer als Frankfurt am Wiederherstellen des Drei-Tore-Vorsprungs. Keita Endo zielte in der 69. Minute nur knapp daneben. "Das war genauso, wie wir uns das vorstellen", sagte Fischer über die zweite Halbzeit.

Dennoch: Union machte zu wenig aus den vielen Chancen, die die Eintracht zuließ. Einen Freistoß in der 72. Minute nur Zentimeter vor der Strafraumkante setzte Andrich harmlos in die Mauer. In der 88. Minute landete sein Schuss auf dem Querbalken statt im Tor. Doppeltorschütze Kruse trauerte den vielen Chancen hinterher: "Wenn wir die Tore machen würden, hätten wir das Spiel vielleicht sogar gewonnen." Und er hatte Recht. Nach Torschüssen hätten die Berliner das Spiel mit 24:9 deutlich gewonnen.

Kein Zweifel an den Ambitionen

Umso bitterer, dass Frankfurt noch zu einem weiteren Treffer kam und für den 5:2-Endstand sorgte - ein Ergebnis, das sicherlich zu hoch ausfällt, gemessen an der Leistung der Köpenicker. Letztlich waren die katastrophalen sechs Minuten in der ersten Halbzeit der Knackpunkt für die Niederlage, weiß Andrich, "aber wir hatten schon die Möglichkeiten, hier etwas mitzunehmen." Daran müsse man nun anknüpfen.

Union verpasst zunächst das anvisierte 40-Punkte-Ziel, lässt jedoch mit einer engagierten Leistung keinen Zweifel an den Ambitionen des Vereins. Urs Fischer hatte es vor dem Spiel bereits angekündigt: Wenn die 40 Punkte erreicht sind, wird es ein neues Saisonziel geben. Dies dürfte schon bald der Fall sein.

Sendung: rbb24, 20.03.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Lukas Scheid

6 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 6.

    Sind die Verlustängste ob der verlorengegangen Alleinstellung immer noch so massiv?
    Sollte es sich um Paranoia handeln, so kann man Ihnen sicherlich helfen.
    Ansonsten gewöhnen Sie sich langsam daran, dass es außer dem Projekt "Goldelse" noch andere spannende Entwicklungen im sportlichen Berlin gibt.

  2. 5.

    Zitat: ". . . das waren nicht einfach nur sechs schlechte Minuten. Das Team hat fünf Tore kassiert. Da ist ein bisschen mehr schiefgegangen.

    Der FCU hat innerhalb von sechs Minuten drei Tore kassiert - inklu Eigentor. In den restlichen 84 Min. + Nachspielzeit gabs 2:2 Tore. Was soll da also Ihrer Meinung nach "ein bisschen mehr schiefgegangen" sein, KE?

    Und bitte hören Sie damit auf den RBB als Hertha-Schlechtreder und FCU-Abfeierer zu bezichtigen, das wirkt mittlerweile nur noch peinlich.

  3. 4.

    bleib doch bei deinem Team. Es ist gut analysiert und wenn du das Spiel gesehen hast und die blaue Brille mal abnimmst, dann ist das wirklich so. Das eigentor und dann kam Unordnung ins Spiel. Mehr Chancen für Union davor und danach, aber ist eben so, das Runde muss in das eckige.
    Übrigens Glückwunsch an hertha heute.

  4. 3.

    Tja, ist nicht ganz untypisch für den RBB. Dort sind ja die Sympathien seit dem Köpenicker Aufstieg mehr oder weniger klar verteilt. Und Nein, lieber RBB- das waren nicht einfach nur sechs schlechte Minuten. Das Team hat fünf Tore kassiert. Da ist ein bisschen mehr schiefgegangen.

  5. 2.

    Auch ne interessante Art, Spiele zu analysieren.
    Diese gemeinen sechs Minuten, es wäre so gut gewesen! Union wird hier behandelt wie der Hundewelpen im Schonaum. Solch ein Spiel sollte sich der andere Berliner Klub erlauben, dann wäre das wiedermal böses Versagen und peinlich für die Stadt!

  6. 1.

    So ist ist das? Klasse, dann braucht es also nur 6 min um Union platt zu machen? Das ist ja mal ein echt guter Hinweis für die Zukunft.

Nächster Artikel