Analyse | Lukas Klünter glänzt bei Hertha-Sieg - Dardais neuer Führungsspieler

Lukas Klünter im Zweikampf mit Andre Hahn / imago images/Contrast
Audio: Inforadio | 07.03.21 | 9:15 Uhr | Jakob Rüger | Bild: imago images/Contrast

Nach einem Fehlstart gelingt Hertha BSC gegen Augsburg doch der erlösende erste Sieg unter Pal Dardai. Der Trainer konnte sich dabei auf einen neuen Führungsspieler verlassen: Lukas Klünter ist mit seiner Flexibilität enorm wichtig für das Team. Von Till Oppermann

Auch ohne seine ehrlichen Worte im Interview nach dem ersten Hertha-Sieg seit über zwei Monaten war Lukas Klünter die Erleichterung anzusehen. Doch als er dem Fieldreporter des Bezahlsenders Sky sagte, "Wir haben fast geweint", wurde wohl auch dem Letzten klar, welch großer Druck auf den Spielern von Hertha BSC lastete. Trotz aller Beteuerungen der verantwortlichen Funktionäre Pal Dardai und Arne Friedrich, dass man positiv bleibe und weiter konzentriert arbeite, nagte die Serie teilweise unglücklicher Misserfolge an den Spielern. Kein Wunder.

Trotz guter Leistungen sprang in den ersten fünf Partien des zurückgekehrten Trainers Dardai kein einziger Sieg heraus. Individuelle Patzer und eine schlechte Chancenauswertung gaben genug Anlass zur Verzweiflung. Herthas teuer zusammengekaufte Mannschaft rutschte immer tiefer in den Abstiegskampf. Selbst Dardai gab nach dem lang ersehnten Sieg zu, dass die Spieler nach einer guten Trainingswoche bis Donnerstag einen Tag vor dem Spiel, am Freitag, eingebrochen seien.

Änderungen in der Pause bescheren Hertha den Sieg

Der Beginn des Spiels passte zu diesem Eindruck. Nachdem Hertha in Wolfsburg erst in der 87. Minute den ersten Schuss aufs eigene Tor zugelassen hatte, stand es zuhause gegen Augsburg bereits nach 109 Sekunden 0:1. Alles was Dardai nach dem Spiel kritisierte, war in der Entstehung dieses frühen Gegentreffers zu beobachten. "Die Aggressivität hat gefehlt", kommentierte der Trainer. Tatsächlich begleitete die gesamte Hintermannschaft der Berliner ihre Gegenspieler aus Schwaben, anstatt sie zu stören. Dardais Urteil über den ersten Durchgang ist hart: "Ich habe elf blasse Herthaner gesehen." Dass er knapp zwei Stunden danach trotzdem freudestrahlend Interviews geben konnte, verdankt der Ungar einer deutlich verbesserten zweiten Hälfte. Denn nach der Pause war seine Hertha plötzlich deutlich engagierter

Es dauerte keine Minute, bis Stürmer Jhon Cordoba den Ex-Unioner Rafal Gikiewicz im Tor der Augsburger zu einer hervorragenden Parade zwang. Die Hauptstädter spielten wie eine neue Mannschaft. Laut Dardai eine Folge einiger Änderungen in der Pause: "Wir haben einiges korrigiert." Die offensiven Einwechslungen von Luca Netz und Matteo Gouendouzi seien ein Zeichen an die Mannschaft gewesen. "Wir sind mit einem klaren Plan rausgekommen", erklärt Kapitän Niklas Stark. Teil dieses Plans war eine der Kernaufgaben im Abstiegskampf. Was vor dem Rückstand noch fehlte, gelang ab dem Wiederanpfiff: "Wir sind deutlich besser in die Zweikämpfe gekommen", so der Mannschaftskapitän.

Die Zahlen geben Stark Recht. Nachdem seine Mannschaft vor der Pause nur vier von sieben Tacklings (57%) gewann, waren es in der zweiten Halbzeit acht von zehn (80%). Und auch im eigenen Ballbesitz gelang mehr. Man habe agiert und agiert, lobt Dardai. Am Ende führte das erst zum Ausgleich von Krzysztof Piątek und schließlich zu dem Elfmeter in der 89. Minute, den der eingewechselte Dodi Lukebakio zum erleichternden Siegtreffer versenkte. Dardai: "Wenn man arbeitet und an Dinge glaubt, dann kann man den Fußballgott provozieren."

Lukas Klünter ist die größte Entdeckung unter Dardai

Natürlich war es nicht nur göttlichem Beistand zu verdanken, dass Hertha endlich dreifach punktete. Die Entwicklung innerhalb der 90 Minuten am Samstagnachmittag lässt sich beispielhaft an Klünter erklären. Nachdem der 24-Jährige beim Gegentreffer noch am Ende der langen passiven Fehlerkette den Torschützen Lazlo Benes zu leicht entwischen ließ, zeigte Klünter nach dem Seitenwechsel, wie wichtig er für Dardais Fußball ist. Es war sein hervorragender langer Ball, der Vorlagengeber Vladimir Darida vor dem Ausgleich in Szene setzte. Und auch den Elfmeter hätte es ohne Klünters Steilpass auf den dann gefoulten Lucas Tousart nicht gegeben. Generell war der Innenverteidiger quasi immer beteiligt, wenn Hertha BSC in der zweiten Hälfte Druck auf das Tor der Augsburger machte. Nachdem Klünter letzte Woche in Wolfsburg noch mit seinem Eigentor sinnbildlich für das Pech der Berliner stand, avancierte er gegen den FCA zum leuchtenden Beispiel, wie man innerhalb eines Spiels Fehler mit guten Aktionen ausgleichen kann.

Zu seinem Amtsantritt vor sechs Wochen beklagte Trainer Dardai die fehlende Hierarchie im Kader. Der neu zusammengestellten Truppe würden Führungsspieler fehlen. Lukas Klünter scheint eine Antwort auf dieses Manko zu sein. Bis zu seinem Einsatz gegen Frankfurt in der ersten Partie unter Dardai spielte er in der gesamten Saison keine Minute. Trotzdem sprach er mit seiner ruhigen Art schon in den vergangenen Wochen in Interviews nach dem Spiel sachlich für die ganze Mannschaft. Sportlich bestätigt er diesen Wert. Seitdem Dardai gegen Leipzig das erste Mal auf eine Fünferkette setzte, spielt Klünter. Mit seinem enormen Tempo hilft er auf der rechten Halbposition in der Innenverteidigung dabei, Tiefenläufe hinter die Abwehr zu verhindern. Heute zeigte er zusätzlich ungeahnte spielerische Qualitäten. Doch der größte Wert für seinen Coach ist Klünters Flexibilität. Weil er problemlos auf seine Stammposition als rechter Außenverteidiger rücken kann, erlaubt Klünter es Dardai, schnell von der Fünferkette auf eine Viererkette umzustellen. Das ermöglichte am Samstag die Einwechslung des späteren Siegtorschützen Lukebakio, der Deyovaisio Zeefuik ersetzte. Das passt zu Dardais pragmatischem Ansatz: "Wir arbeiten systemisch."

Hertha will mehr

Mit dieser taktischen Anpassungsfähigkeit kann die Mannschaft schnell vom defensiven in den offensiven Modus umschalten. Bei den schweren Aufgaben gegen Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und den 1. FC Union wird das helfen. Um den Abstiegskampf schnell hinter sich zu lassen, möchte Hertha auch in diesen Spielen punkten. "Wir sahen gegen starke Mannschaften immer gut aus", erinnert sich Stark. Man wolle eine Überraschung schaffen, kündigt auch Pal Dardai an: "Wir werden einen guten Plan machen." Vorher sollte seine Mannschaft sich ein Beispiel an Lukas Klünter nehmen. Auf die Frage wie er seinen Samstagabend verbringen würde, antwortete er: "Ich mache mir vielleicht ein Bierchen auf." Er hat es sich verdient.

Sendung: rbb24, 06.03.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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