Turbines Ehrenpräsident Bernd Schröder (Quelle: imago images/Jan Huebner)
Audio: Inforadio | 03.03.2021 | Bernd Schröder im Gespräch | Bild: imago images/Jan Huebner

Interview | Bernd Schröder zum 50. Vereinsjubiläum - "Turbine ist meine zweite Familie"

Bei der Gründung von Turbine Potsdam übernahm er einst ohne Erfahrung das Traineramt, heute ist er Ehrenpräsident des Klubs. Kaum jemand kennt den Verein so gut wie Bernd Schröder. Von 50 Jahren war er 45 aktiv im Klub tätig und hat ihn nach vorne getrieben.

rbb|24: Am Mittwoch feiert Turbine Potsdam seinen 50. Geburtstag. Welche Gedanken gehen Ihnen dazu durch den Kopf? Wird man da ein bisschen sentimental?

Bernd Schröder: Natürlich, das ist meine zweite Familie. Ich bin seit 50 Jahren dabei, sicherlich heute nicht mehr so intensiv wie früher. Aber es ist mehr als mein halbes Leben. Ich habe die Familie vernachlässigt, weil ich ständig unterwegs war. Die 50 Jahre haben mich sehr geprägt, weil es auch immer Probleme gab, die wir nicht ohne Weiteres lösen konnten.

Es ist sozusagen Ihr Baby?

Ja, das kann man so sagen, gewissermaßen mein drittes Kind. Mein uneheliches Kind habe ich mal gesagt.

Bei der Gründung des Frauenfußballteams sind Sie eher zufällig Trainer geworden. Eigentlich waren Sie nur zum Essen im Klubheim und wurden dann gefragt, ob Sie das Traineramt übernehmen wollen. Das war ein merkwürdiger Moment, oder?

1970/1971 gab es einen Boom im Frauenfußball in Europa. Es gab ja noch nicht die Medien, aber das muss sich so rumgesprochen haben, dass Frauenfußball ganz modern sein könnte. Da waren wir natürlich dabei, weil wir als großer Sportverein mit 2.000 Mitgliedern und verschiedenen Sektionen nicht außen vor stehen wollten. Von diesem Zeitpunkt an hat man das Gefühl gehabt, dass dieser Verein der richtige für uns sein könnte.

Gab es vor dem Mauerfall ein besonderes Ereignis, was man in der 50-jährigen Geschichte von Turbine unbedingt erwähnen muss?

Das ist natürlich der erste Titel 1981 in der DDR. Das war die sogenannte Bestenermittlung, aber für uns war das ja die Meisterschaft. Nach zwei vergeblichen Anläufen, wo wir schon in der Vorrunde ausgeschieden sind, haben wir in Babelsberg an zwei Tagen - immer vor über 2.000 oder 3.000 Zuschauern - souverän den ersten Titel nach Potsdam geholt. Das ist ein Ritterschlag für uns gewesen. Wir waren ja kein Verein, der bisher Weltruhm hatte. Dieser Titel hat uns schon geprägt und geholfen. Dann kamen natürlich noch zwei hinterher, so dass wir einen Hattrick gemacht haben. Ich denke, das war ein wesentlicher Schritt in die Zukunft.

Nach diesen Erfolgen ist Turbine zu einem Souverän im Frauenfußball in der DDR geworden. War das so zu erwarten? Was war denn die Basis dafür, dass der Verein so eine Bedeutung erlangt hat?

Die Basis war natürlich der Verein. Wir haben Glück gehabt, dass wir vernünftige Leute im Verein gehabt haben. Leute, die wussten, wo das hinführen könnte und uns sehr unterstützt haben. Wenn eine neue Sportart in einen Verein kommt, der schon etwa 15 Sektionen hatte, ist es immer schwierig, sich mit einzubringen, weil die anderen das Gefühl bekommen könnten, ihnen wird was weggenommen. Diese Situation hatten wir bei uns im Verein nicht, da waren wirklich tolle Leute an der Spitze. Wir hatten eine Unterstützung, die glaube ich kaum eine andere Mannschaft hatte. Auch der Energieversorgungsbetrieb hat uns sehr unterstützt, wir haben dort Lehrstellen bekommen. Es hat alles gepasst.

Turbine feiert 2004 die Deutsche Meisterschaft (Quelle: imago images/Alfred Harder)
Feierte 2004 zum ersten Mal die gesamtdeutsche Meisterschaft mit Turbine: Trainer Bernd Schröder. | Bild: imago images/Alfred Harder

Zu sagen, dass Turbine nach der Wende im gesamtdeutschen Raum überrascht hat, wäre vielleicht fast ein bisschen despektierlich. Da haben sich schon einige umgeschaut, dass ein Klub aus dem Osten plötzlich so eine Bedeutung und so eine Qualität hat.

(lacht) Ja, das war natürlich nicht so einfach. Wir waren immerzu am Hungertuch, immer an der Grenze, nicht aufzugeben, aber doch in Bereich zurückzufallen, weil es ja auch eine finanzielle Frage war. Der sogenannte Hauptsponsor fiel nach der Wende plötzlich weg. Wir standen plötzlich bei Null da. Da hat sich auch wieder gezeigt, dass wir eine Menge Freunde in unserem Umfeld hatten, die uns über diese Zeit hinweggeholfen haben. Wenn wir 2004 nicht zum ersten Mal ins DFB-Pokalfinale gekommen wären, weiß ich nicht, wie es weitergegangen wäre, weil da die ersten Gelder für uns flossen. Ich glaube aber, dass diese Zeit auch zeigt, dass man auch als Ost-Verein mit einem vernünftigen Umfeld diese Schwierigkeiten überwinden und in das gesamtdeutsche System einsteigen kann. Wir haben es nicht einfach gehabt, aber immer an uns geglaubt. Und aus der gesamten Ost-Region haben wir so viel Zustimmung und Beifall für das bekommen, was wir geleistet haben. Das hat uns immer wieder bestärkt, auf der Basis weiterzumachen.

Turbine Potsdam feiert den Champions-League-Titel 2010. Quelle: imago images/Oliver Schneider
Turbine Potsdam feiert den Champions-League-Titel 2010. | Bild: imago images/Oliver Schneider

Ist der Sieg in der Champions League 2010 in Getafe der Moment, der am meisten strahlt?

Normalerweise ja, weil es ein hoher internationaler Titel war, dann auch noch geadelt mit dem Titel Champions League, denn vorher hieß es ja UEFA-Pokal. Aber ich denke, dass die erste gesamtdeutsche Meisterschaft 2004 am meisten strahlt, weil damit haben wir uns wirklich auch auf ein Podium gestellt. Da haben auch einige Leute den Kopf hochgemacht und gesagt, "Mensch, es geht!". Der einzige Ost-Verein im Fußball im Erwachsenenbereich, DFB-Pokal, Meisterschaft. Ich glaube, das hat uns auch gestärkt. Wenn ich bedenke, was hier los war, wo wir mit dem 7:2 in Frankfurt den Titel geholt haben. Da hat die ganze Stadt dahintergestanden. Die ganze Sportfamilie war im Mercure-Hotel versammelt, es war absolut. Das hat natürlich auch nach Außen hin eine Wirkung gehabt, die bekommst du heute nicht mehr, weil heute alles selbstverständlich geworden ist. Dieser Titel hat uns geprägt, das muss ich ehrlich sagen.

Bernd Schröder verabschiedet sich 2016 von den Fans. Quelle: imago images/foto2press
2016 beendete Bernd Schröder seine Tätigkeiten bei Turbine Potsdam und verabschiedete sich sichtlich gerührt von den Fans. | Bild: imago images/foto2press

Auch heute wird noch um die Meisterschaft und die Champions-League-Plätze gekämpft. Platz drei würde in diesem Jahr reichen, um sich für diesen lukrativen Wettbewerb zu qualifizieren. Es wird auch in dieser Saison schwierig, denn viele Vereine sind mittlerweile an Männer-Bundesligisten angegliedert. Turbine noch nicht – wird das so bleiben?

Solange wir hier noch atmen können, die Leute, die den Verein nach oben gebracht haben, wird es das nicht geben. Wir müssen einfach davon ausgehen, dass es ein Produkt ist und wir über 50 Jahre eine Philosophie entwickelt haben, die man nicht über den Haufen werfen kann. Das ist genau der Grund, warum viele Ost-Vereine gescheitert sind: indem sie sich einen neuen Namen zugelegt haben oder Fusionen eingegangen sind, die natürlich nach hinten losgegangen sind.

Wir werden das nach Lage der Dinge nicht machen, denn wir haben in Potsdam keinen Verein, zu dem wir gehen könnten. Und wir wollen damit auch dokumentieren, dass es möglich ist, mit einem Verein, mit so einer Tradition und Philosophie die Leistung zu bringen. Obwohl es natürlich immer problematisch wird, denn es geht ja nur um finanzielle Dinge.

Es geht ja nicht darum, dass die großen Vereine wie der FC Bayern oder der VfL Wolfsburg, die vorne stehen, irgendwas im Frauenfußball retten. Die schmeißen viel Geld rein und können sich ein paar neue Spieler holen. Aber das Spielermaterial ist ja gar nicht mehr da. Wir müssen ausbilden und haben unsere Eliteschule, da müssen wir dran arbeiten. Wir haben ein Konzept, das wir durchziehen, damit wir die Nachwuchsspieler wieder rauskriegen. Und so werden wir versuchen, das weiter zu ziehen. Ich denke schon, dass wir gute Voraussetzungen haben.

Ist es wahrscheinlich, dass der Verein noch weitere 50 Jahre schafft?

Ich denke schon. Ich denke, Potsdam ist ein ganz anderer Kulturkreis, der das auch verträgt. Der verträgt natürlich keine fünf Bundesligisten. Die Volleyball-Mädels haben sich voll nach vorne geschoben, natürlich auch durch ausländische Spielerinnen. Das wollen wir nicht. Wir wollen versuchen, mehr mit eigenem Spielermaterial zu arbeiten. Aber es lässt sich nicht verhindern, dass wir auch die ein oder andere Spielerin aus Europa kriegen. Aber der Markt ist gar nicht mehr da. Die Zeiten, wo wir Weltklassespielerinnen gekriegt haben, sind vorbei. Das muss man eindeutig sagen. Eins, zwei Spielerinnen würden uns schon weiterhelfen.

Sie sind Ehrenpräsident des Klubs und bleiben es auch weiterhin. Was machen Sie in den nächsten Jahren für den Klub?

Die Verbindung, die wir jetzt geknüpft haben, unter anderem mit Hertha BSC, wird natürlich immer über Personen gemacht. Wenn man über Jahre dabei ist, findet man auch in diesem Verein Menschen wieder, die erkannt haben, was man für die Region tun muss. Auch die Politik, die momentan andere Probleme hat, wird wieder den Blick auf uns werfen und uns gegebenenfalls auch ihre Hilfe anbieten. Das ist unser Ziel, dass wir uns in einem Kulturkreis wie Potsdam gut aufgestellt fühlen. Ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Torsten Michels, rbb Sport.

Sendung: rbb UM6, 03.03.2021, 18 Uhr

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