Barbara "Charly" Streuffert, ehemals Trainerin der TeBe-Frauen (Stephanie Baczyk)
Video: rbb UM6 | 29.03.2021 | Stephanie Baczyk | Bild: Stephanie Baczyk

Porträt | Fußball-Trainerin Barbara Streuffert - Gestatten, Charly!

Als Spielerin trainierte sie bei Tennis Borussia unter Jack White, machte dann als erste Berlinerin ihren B- und A-Trainer-Schein und coachte die TeBe-Frauen in der Bundesliga. Barbara "Charly" Streuffert ist ein Vorbild, bis heute. Von Stephanie Baczyk

Es gibt Momente, die einen von einem Atemzug zum nächsten in die Vergangenheit katapultieren - durch einen Duft, einen Song oder ein Bild - aus dem Gedächtnis hervorgekramt und wieder fühlbar. Als Barbara Streuffert an einem sonnigen, aber kühlen Donnerstagnachmittag im März durch Tor elf die Tartanbahn des Berliner Mommsenstadions betritt, ist das so ein Augenblick. Die 76-Jährige schaut sich um und breitet die Arme aus. "Mein Mommsenstadion, toll", sagt sie, lacht ehrlich und schiebt noch ein: "Der Rasen ist dahin" hinterher. Man merkt sofort, dass dieser Ort im Westen der Stadt für Streuffert bis heute ein besonderer ist.

In weiten Trainingsjacken an der Seitenlinie

Vor 30 Jahren coachte sie hier an den Wochenenden von der Trainerbank aus die Frauen von Tennis Borussia, hatte mit ihnen gerade den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Damals waren weite, bunte Trainingsjacken in – Streuffert besaß mehrere, wie alte Aufnahmen belegen – und sie war laut und direkt an der Seitenlinie. Einmal schüttelt sie resigniert den Kopf mit den Worten: "Oh, oh, oh, müssen wir lernen! Müssen wir noch lernen!". Einmal geht sie beim Angriff ihrer Spielerinnen mit dem Oberkörper mit, während ihre Augen das Geschehen auf dem Platz fixieren – als würde sie gleich den Rasen entern.

Streuffert ist in Reinickendorf aufgewachsen, in Heiligensee, hat ihren Spitznamen "Charly" seit der Schulzeit. "Da kam dieses Lied auf 'Charly Brown, das ist ein Clown' – und da ich damals mit 16, 17 schon Gitarre gespielt habe, hatte ich den Namen auf einmal weg." Eigentlich wollte sie nach der Schule Sportlehrerin oder Journalistin werden. "Die Fußball-Trainer-Tätigkeit war dann so ein kleiner Ersatz dafür", erinnert sie sich. Aber erst einmal wird sie Spielerin.

Der Plumpsack geht um

1969 sieht sie eine Annonce von Tennis Borussia – der Klub hat gerade frisch eine Frauen-Abteilung gegründet – ruft an und trainiert wenig später unter Horst Nußbaum, besser bekannt als Jack White. Der ehemalige Fußballprofi und spätere Musikproduzent leitet die Frauen an – so gut es eben geht. "Ich kam auf den Platz, da saßen die alle im Kreis und haben unter ihm gerade 'Der Plumpsack geht um' gespielt", erzählt Streuffert. "Da hab ich gedacht: Was ist denn hier los?" Für White ist der Job Neuland. "Frauenfußball und dann die Mädels auch noch trainieren, hatte er vorher nie gemacht, obwohl er Ahnung hatte."

Sie unterstützt ihn, motiviert ihn, die Einheiten ernsthafter und fordernder zu gestalten. Als er mit der Zeit immer bekannter wird als Produzent, übernimmt die junge Frau mit den dunkelblonden Locken mehr und mehr Verantwortung. "Er war teilweise nachts in den Studios unterwegs und hat immer öfter zu mir gesagt: 'Du Charly, ich kann heute das Training nicht leiten, mach Du das doch.'" Sie merkt: Das ist mein Ding, lernt unter White-Nachfolger Helmut Jonas. Unter ihm schaffen es die TeBe-Frauen 1976 bis ins Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft, scheitern als krasse Außenseiterinnen in der Verlängerung am FC Bayern.

Trainer-Lehrgang allein unter Männern

Eine Fußball-Trainerin gibt es zu der Zeit in der Hauptstadt nicht, Streuffert ist die erste Berlinerin, die Ende der Siebziger ihren B- und kurz darauf auch ihren A-Trainer-Schein macht – in Wannsee, allein unter Männern. Sie selbst denkt nicht groß darüber nach, aber die ungewöhnliche Konstellation lockt auch TV-Reporter an. In einem Beitrag des SFB wird der Leiter des Lehrgangs interviewt, gefragt, wie der vorläufige Eindruck von "Fräulein Streuffert" sei. "Es ist so, dass sie sich recht gut hier anpasst", sagt der. Das Rollenverhalten der Gruppe, insbesondere der Männer, sei ausgezeichnet.

Als Streuffert das Video jetzt, 44 Jahre später sieht, lacht sie von Herzen. "Er hatte, glaube ich, auch so ein bisschen gemischte Gefühle, hat überlegt: Na hoffentlich geht das gut mit der da zwischen all den Jungs und den Männern", vermutet sie. Die anderen in ihrem Lehrgang seien super gewesen. "Nur ich kann mich gar nicht mehr erinnern, dass ich da so flink auf den Beinen war." In dem Beitrag pest sie im gelben schlabbrigen Langarm-Shirt mit drei bekannten Streifen auf dem Ärmel und passender dunkelblauer Trainingshose über den Hallenboden, den Ball eng am Fuß.

Barbara "Charly" Streuffert und das Frauen-Team von Tennis Borussia Berlin, Deutsche Vizemeisterinnen 1981 (Privat)"Deutscher Vizemeister 1981" hat "Charly" Streuffert (ganz rechts) unter dieses Bild schreiben dürfen.

Sie verbiegt sich nicht

Streuffert wird dank ihrer bescheidenen, aber taffen Art nicht nur bei Tennis Borussia zum Vorbild, sie gilt bis heute als Wegbereiterin des Berliner Frauenfußballs. Auch, weil sie sich nicht verbiegen lässt. Als es darum geht, ihren selbst komponierten Fußball-Song bekannter zu machen, "wollten die mich in eine bestimmte äußere Form zwingen. Ganz mädchenhaft. Mich so anziehen, wie ich mich nicht wohlfühle. Da habe ich gesagt: Nee, das ist mir alles zu affig, da mache ich nicht mit."

Unpassende Kommentare schiebt sie schon damals lächelnd mit einer Handbewegung weg. "Werde ich nie vergessen", sagt sie. "Ein paar Sachen, die auch ein bisschen schlüpfrig waren. Wir hatten eine etwas vollbusigere Dame und die bekam den Ball von vorne auf die Brust, ließ den klatschen und dann schrie da einer von der Tribüne: Jawoll, klemm‘ ihn fest! Wir haben’s gelassen genommen."

Auf Tour durch Texas

Alte Artikel aus der Zeit hat sie aufgehoben. In einigen ist die Amerika-Reise 1979 nachzulesen, als die TeBe-Frauen zwei Wochen durch Texas tourten – und von fünf Testspielen fünf gewannen, "ich glaube mit 19:0 Toren". Die Fachzeitschrift "Fußball-Woche" berichtet damals von vor Ort, "sodass mein Vater, den ich immer angerufen habe, mir sagte: 'Du Mädel, brauchst Dich gar nicht mehr zu melden. Ich bin jeden Tag bestens informiert.'"

Im Mai 1998 verlässt Streuffert TeBe, die FuWo titelt "Klarer Sieg zum Abschied, 'Charly' hinterlässt intakte Truppe". Noch einige Zeit danach sind die Frauen weiter erfolgreich, "aber dass das nach den Jahren 2003, 2004 hier so eingeschlafen ist bei TeBe und ein bisschen den Bach runterging - das tut mir wirklich in der Seele leid. Woran es lag, ist schwer zu sagen." Barbara Streufferts Liebe zum Verein jedenfalls ist geblieben. Der Klub hatte ihr für die mittlerweile abgebrochene Regionalliga-Saison eine Dauerkarte geschenkt, "und ich hab mir auch vorgenommen, wenn wieder Zuschauer ins Stadion dürfen, mich auch öfter auf der Tribüne sehen zu lassen". Willkommen, und das ist Fakt, ist "Charly" immer.

Sendung: rbbUM6, 29.03.2021, 18 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

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