Anstimmerpodest (Quelle: imago images | Matthias Koch)
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Ein Jahr Fußball vor leeren Rängen - So erlebt ein Union-Ultra die Zeit ohne Stadionbesuch

Vor mehr als einem Jahr war das Stadion An der Alten Försterei zum letzten Mal ausverkauft. Statt inmitten leidenschaftlicher Atmosphäre spielt auch Union Berlin nur noch vor leeren Rängen. Die Fans trifft das hart. Ein Treffen vor dem Stadion, während drinnen der Ball rollt.

Berlin-Köpenick: Gleich wird das Bundesliga-Spiel zwischen Union Berlin und der TSG Hoffenheim angepfiffen. Doch am S-Bahnhof, wo sich normalerweise vor einem Spiel hunderte von Union-Fans treffen, herrscht an diesem Tag Menschenleere. Kein Bratwurst-Geruch, keine Bierstände, keine herzlichen Umarmungen, nichts. Nur ganz vereinzelt sieht man Menschen mit rot-weißem Schal oder Mütze.

Einer von ihnen ist Holger Keye. Er ist Ultra, immer dabei, egal ob Heim- oder Auswärtsspiel. Auch für ihn ist die Situation auf dem Bahnhofsvorplatz völlig ungewöhnlich: "Es ist irgendwie komisch. Normalerweise hast du hier hunderte von Leuten und hier ist so ein Trubel. Man glaubt gar nicht, dass hier ein Fußballspiel gleich ist", sagt er.

So ist es nun schon seit mehr als einem Jahr. Am 4. März 2020 war Keye das letzte Mal im Stadion, beim DFB-Pokal-Auswärtsspiel in Leverkusen. Heute begleitet ihn ein Team der ARD-Sendung "Sportschau-Thema" auf dem Weg Richtung Alte Försterei.

Polizei fährt Patrouille

Auch wenn die Fans fehlen, die Polizei ist trotzdem da. Eine Streife fährt ums Stadion herum und kontrolliert vereinzelt Personen, die versuchen, einen Blick auf das Spielfeld zu erhaschen. Doch das ist in Zeiten von Corona verboten. Die Beamten sprechen ein Verweilverbot aus. Die Fans müssen weiterziehen. Ihnen bleibt nur noch der Blick aufs Handy.

Keine von Leidenschaft geprägte Geräuschkulisse, wie sie sonst bei jedem Heimspiel um das Stadion herum zu hören ist. Statt Fangesängen und Stadionsprecher herrscht an diesem Sonntag eine vergleichbar trostlose Akustik. Nur vereinzelt lassen sich die Rufe der Spieler oder Tritte gegen den Ball aus dem Inneren vernehmen. "Es klingt wie so ein Trainingsspiel, aber es ist ein Bundesligaspiel", analysiert auch Holger Keye.

Einige Union-Spieler, die erst seit dieser Saison unter Vertrag stehen, haben ihr "Wohnzimmer", wie es der Trainer Urs Fischer bezeichnet hat, noch nie mit Fans erlebt. Das stimmt auch Keye nachdenklich, sagt er. Man merkt ihm an, wie gerne er wieder die Mannschaft auf dem Platz anfeuern möchte. "Das ist schade. Und vielleicht geht der eine oder andere im Sommer weg und hat hier nicht ein Spiel erlebt mit Zuschauern. Das ist richtig bitter, ja", sagt er.

Aktionen während der Pandemie

Während der Pandemie im vergangenen Jahr, als die Patientenzahlen in den Krankenhäusern am höchsten waren und die Pflegekräfte und Ärzte extrem belastet waren, gab es viele Solidaritätsaktionen der Union-Fans. Sie hängten zum Beispiel motivierende Spruchbanner am Krankenhaus Köpenick auf. "Wir haben auch einen Gabenzaun für Bedürftige eingerichtet, mit Hygieneartikeln und anderen Dingen, die Mangelware waren. Es wurden Masken genäht, für Leute, die keine hatten", sagt Keye.

Distanz zum Fußball

Holger Keye hatte in den vergangenen Wochen und Monaten viel Zeit, sich mit Fußball zu beschäftigen. Einige Entwicklungen, die vor allem der Profi-Fußball durchlaufen hat, sieht der Familienvater kritisch: "Wenn man sieht, dass bestimmte Bereiche wie der Profi-Fußball scheinbar keinen Verzicht ausüben und hier wild durch die Republik reisen, durch Europa und nach Dubai fliegen, um irgendwelche komischen Turniere zu bestreiten - dann ist das schon merkwürdig, wenn man aber selber mit seinen Kindern gar keinen Ausflug machen kann. Das schafft vor allem eine Distanz zum Fußball".

Er merke, wie sich sein eigenes Verhältnis zum Fußball während der Pandemie geändert habe. "Das, womit man eigentlich immer so verbunden war. Jetzt hat man das Gefühl, die Verbindung ist gar nicht mehr so da", beschreibt er seine Gedanken. Am meisten beschäftige ihn dabei das Gefühl, dass Geld wichtiger sei, als der Zuschauer. "Dort wo die Regeln das Spiel nicht zulassen, wird eben in den Ostblock geflogen, um zu spielen. Keinem Fussballer hängen die Haare in den Augen. Hier entkoppelt sich der Fussballer von der Realität der meisten Menschen und diese soziale Distanz, ich glaube, die wird bleiben", sagt er.

Kritik an Rummenigge und Derby-Empfängen

Auch das Themen Impfen und die Aussagen des FC-Bayern-Vorstandschefs Karl-Heinz Rummenigge werden innerhalb der Fanszene diskutiert. "Wir haben schon mal flapsig gesagt, lasst uns mal ein Spruchband machen mit "Ultras zuerst impfen", sagt Keye. Er spielt damit spöttisch auf die Aussagen von Rummenigge an, Profis könnten als Vorbilder dienen, wenn sie früh geimpft werden würden - Rummennigge war dafür scharf kritisiert worden.

In den vergangenen Wochen gab es, speziell nach Derbys, mehrmals Bilder von gemeinsam feiernden Fans, die ihre Mannschaft nach einem Spiel empfingen und dabei gegen geltende Corona-Maßnahmen verstießen - zum Beispiel nach Borussia Dortmunds 4:0-Sieg gegen Schalke. Keye lehnt das seinen Worten zufolge ab. Er betont, daß solche Aktionen nicht nur verboten sind, "sondern auch tatsächlich aus gesundheitlicher Sicht riskant und somit eher als verzweifelter Versuch anzusehen, seiner Mannschaft in irgendeiner Weise Aufmerksamkeit zukommen zu lassen."

Viel mehr Möglichkeiten gibt es für aktive Fußballfans in der aktuellen Situation allerdings nicht, am Geschehen ihres Teams auf dem Platz in irgendeiner Weise Anteil zu nehmen. "Ich kann das verstehen, aber es ersetzt das Stadionerlebnis in keiner Weise", sagt Keye.

Wie sich der Fußball in Zukunft verändern könnte

Er sagt, er glaube, dass sich der Fußball und auch der Blick der Fans durch Corona verändert habe. "Ich glaube aber vor allem, dass die Zuschauer kritischer sein werden. Weniger vielleicht bei Union als anderswo. Die Pandemie hat, trotz aller Lockdown-Müdigkeit, eine breite gesellschaftliche Solidarität erzeugt. Alle mussten Einschränkungen hinnehmen und das ist ja letztlich auch ein Trost. Dass nicht nur wir Fussballfans auf unser Stadionerlebnis verzichten müssen, sondern auch alle anderen Verzicht üben müssen", sagt Keye.

Dieser Verzicht, da braucht man ihn nicht zweimal fragen, kann gerne lieber früher als später Geschichte sein. Auch wenn sich das erste Spiel mit Zuschauern sicher komisch anfühlen werde: "Ich glaube, dass es noch ein bisschen verhalten sein wird. Ich glaube, so leicht werden die Leute das nicht ablegen können, dass man ein Jahr lang alles auf Distanz hat und auf einmal kann man wieder mit 1.000 Leuten zusammenstehen und sich umarmen und rumhüpfen und singen", prognostiziert Holger Keye.

Doch die Hoffnung bleibt, dass auch sich bald wieder am S-Bahnhof Köpenick wieder hunderte Leute gemeinsam auf den Stadionbesuch freuen können: "Ich hoffe, dass es mal wieder so sein wird. Aber ob das so schnell passieren wird, das glaube ich fast gar nicht", sagt er.

Das Spiel gegen Hoffenheim, das Holger Keye nicht sehen, sondern höchstens ein bisschen hören kann, endet mit 1:1. Max Kruse trifft für Union per Elfmeter. Das elfte Heimspiel in Folge bleiben die Eisernen ungeschlagen.

Sendung: rbbUM6, 02.03.21, 18:15 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Wahrscheinlich haben sie recht , aber der Amateursport bleibt bis Ende des Jahres zu. Gilt leider für alle Sportbereiche
    bgbl.de

  2. 5.

    Sobald alles wieder normal läuft sind diese ganzen Gedanken weggeblasen, Menschen sind anpassungsfähig und vergessen negatives auch wieder. Das Zauberwort heißt Geduld ;-) Und das betrifft alle Lebensbereiche und beim Fußball alle Vereine.

  3. 4.

    Zitat: "Und genauso denken die andern ueber das Publikum.."

    Weil ein Kölner Profi in welchem Zusammenhang auch immer einen Spruch gemacht hat, glauben Sie zu wissen, wie die mehr als 500 Spieler der Bundesliga über das Publikum denken, Paul?

  4. 3.

    Der Spieler (Drexler ) hat damit nur die sinnlose Aktion der Idioten gemeint. Damit hat er auch recht. Diese ''Fans'' haben vielen Vereinen schon viel Geld gekostet.
    Bin selbst Dauerkarteninhaber seit 1992 bei der alten Dame

  5. 2.

    Nicht so viel B..d lesen. Der Kölner Drexler hatte mit seiner Aussage (auch wenn sie etwas heftig war) vollkommen recht. In Pandemie-Zeiten muss man keine Pyroaktionen veranstalten und ohne Abstand Party machen. (und dass sich Union-Fan Holger von solchen Fanaktionen disanziert, ist gut). Reicht schon, wenn man weiß, dass Lukas Podolski wegen der Kölner Äußerung rumgestänkert hat- aber von Podolski kann man intellektuell ohnehin nicht viel erwarten.

  6. 1.

    Die Millionäre wollen doch gern unter sich bleiben.. Wie nannte ein koeln Profis die sogenannten ultras.. Ich zitiere. Das sind solche spacken.. Und genauso denken die andern ueber das Publikum..

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