Hertha- und Union-Spieler gemeinsam nach dem Abpfiff des Stadt-Derbys. Quelle: imago images/Contrast
imago images/Contrast
Audio: Inforadio | 05.04.2021 | Dennis Wiese | Bild: imago images/Contrast

Analyse | 1:1 zwischen Union und Hertha - Zuviel Respekt prägt das Stadt-Derby

Das umkämpfte Berlin-Derby hatte seine großen Aufreger in der ersten Halbzeit. Nach einer frühen Führung luden die Unioner Hertha mit individuellen Fehlern zum Ausgleich ein. Pal Dardai schrieb den Sieg in der zweiten Halbzeit trotzdem früh ab. Von Till Oppermann

 

28 Minuten dauerte es am Sonntag im Berliner Stadtderby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC, bis die Emotionen erstmals überkochten. An der Mittellinie rangen Grischa Prömel und Matteo Guendouzi um den Ball. Nachdem der Unioner Prömel Herthas Guendouzi erst umklammerte, schlug dieser nach hinten aus und traf seinen Gegenspieler leicht im Gesicht. Eine rote Karte – befanden zumindest die Gastgeber und eilten energisch zu Schiedsrichter Sascha Stegemann. Auch Unions Co-Trainer Hoffmann war sich sicher und brüllte gut zu vernehmen: "Das ist eine klare Tätlichkeit."

Doch der erfahrene Referee tat das einzig Richtige: Er verwarnte beide Spieler. Stegemanns angenehm lockere Linie bei Karten verhinderte in der Folge, dass die vielen Nickeligkeiten den Spielverlauf durch einen Platzverweis bestimmen konnten. Trotz insgesamt 25 Fouls und 228 Zweikämpfen gab es nur vier weitere gelbe Karten. Obwohl der Kampf beider Mannschaften das Spiel bestimmte, beendeten sie jeweils das Spiel in voller Mannschaftsstärke.

Union verschenkt Sieg in erster Halbzeit

Für Hertha-Trainer Pal Dardai war die Szene mehr als der Beweis für Stegemanns besonnene Spielleitung. Nach einer zweiten Halbzeit ohne nennenswerten Torabschluss auf beiden Seiten erinnerte er sich nach der Partie gerne an den Zusammenstoß der beiden Mittelfeldspieler: "Die Tumulte mit Guendouzi haben uns aufgeweckt."

Tatsächlich kann man die 28. Spielminute als den entscheidenden Wendepunkt einer zweigeteilten ersten Halbzeit bezeichnen. Während die Unioner nach einem druckvollen Start mit einem satten Schuss von Robert Andrich verdient in Führung gegangen waren, sorgte Dodi Lukebakio drei Minuten nach der Aufregung um die Tumulte per Strafstoß für den Ausgleich. Union-Routinier Gentner stützte Dardais These: "Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir wegen der Emotionalität ein wenig den Faden verloren haben." Nach einer guten Anfangsphase habe man sich zu wenig auf Fußball konzentriert, so Gentner.

Ein genauerer Blick auf die Entstehung des Ausgleichs erklärt, was er meint. Nach einem Angriff der Herthaner über die linke Außenbahn hatte Unions Kapitän Christopher Trimmel nach einem ungenauen Pass nahe der Eckfahne den Ball erobert. Direkt neben ihm wartete Innenverteidiger Marvin Friedrich auf ein kurzes Anspiel, um die Situation mit einem langen Befreiungsschlag zu klären. Doch Trimmel drehte sich nach außen und spielte einen schwachen Pass an der Seitenlinie, den der sichtlich aufgestachelte Guendouzi am Strafraumeck abfing.

Einige Sekunden und einen schnellen Doppelpass später zog Friedrich dem Franzosen im Strafraum das Standbein weg. "Ein dummer Elfmeter", schimpfte Union-Coach Urs Fischer berechtigterweise. Jedoch: Die Fehler hatten sich angedeutet. Schon wenige Minuten nach der Führung stellte Union das Pressing ein und setzte Hertha weniger unter Druck. Zwei ungestüme Aktionen des aus der Dreierkette stürzenden Robin Knoche zogen eine gelbe Karte für den rettenden Julian Ryerson und Freistöße nach sich. Torhüter Andreas Luthe spielte mehrere lange Pässe in Folge zum Gegner. In dieser Phase gewann Hertha zwei von drei Zweikämpfen und hatte 58 Prozent Ballbesitz.

Langweilige zweite Halbzeit

Dardai schimpfte trotzdem über die Leistung seiner Truppe. Seinem Team hätten Tiefe und Dynamik gefehlt, monierte der Trainer. "Wir hatten keine Frische und uns gelangen keine Spielzüge." Auch sein Torhüter Alexander Schwolow beklagte die fehlende Spritzigkeit seiner Vorderleute. In der gesamten zweiten Halbzeit gelang den Herthanern kein Torschuss mehr. Insgesamt legten die Gäste nur 108,1 Kilometer zurück – acht weniger als im Durchschnitt der 26 vorangegangen Spiele. Mehr als mit konsequenter Abwehrarbeit ein Unentschieden zu erkämpfen, war für die Gäste am Sonntag nicht möglich.

Dardai erkannte das und wechselte in der 65. Minute für den Angreifer Lukebakio den defensivstarken Santi Ascasibar ein, um das Feld noch enger zu halten. Ein kluger Schachzug, wenn man den Aussagen der Köpenicker glaubt. Union-Torschütze Robert Andrich und sein Trainer Urs Fischer sprachen beide mit viel Respekt über Herthas tiefstehende Deckung. Man müsse vorsichtig sein, so Fischer. "Der Gegner steht in der zweiten Hälfte sehr tief, fast lockend." Andrich ergänzte: " "Bei Herthas schnellen Umschaltspielern kann man nicht ganz aufmachen."

So entwickelte sich nach der Pause ein Spiel, in dem Union zwar feldüberlegen war, aber zu selten echte Gefahr erzeugen konnte. Zu groß war die Angst vor Herthas Kontern, zu zufrieden war man selbst damit, das Spiel nicht zu verlieren. Andrich hätte sich trotzdem einen Sieg gewünscht. Ein Punkt sei zu wenig. "Hertha hat nur verteidigt."

Besonders gut gelang das gegen Unions besten Offensivspieler Max Kruse. Während die Zentrale spätestens nach der Einwechslung Ascasibars endgültig dicht war, schaffte es die Alte Dame auch, Kruse auf seiner Lieblingsposition im linken Halbfeld zu stören. Selten konnte er von hier seine gefürchteten direkten Pässe spielen. Auch deshalb fehlte den Köpenickern über die gesamte zweite Halbzeit die Tiefe im Angriffsspiel. Irgendwann war Kruse so entnervt, dass er es auf der rechten Seite versuchte. Hertha hielt auch hier stand.

Beide Trainer zufrieden

Die Unioner schossen in der Nachbetrachtung drei Mal häufiger aufs Tor als Hertha, hatten 58 Prozent Ballbesitz und die um fünf Prozent bessere Passquote. Ohne die Schwächephase vor der Pause, wäre den Köpenickern der Sieg wohl kaum zu nehmen gewesen. Doch aufgrund der fehlenden gefährlichen Abschlüsse in der gesamten zweiten Halbzeit geht das Remis am Ende in Ordnung.

Obwohl Dardai mit der Leistung seines Teams nicht einverstanden war, äußerte er seine Freude über den Punkt. Der sei ein Fortschritt, denn: "Früher haben wir solche Spiele verloren." Sein Konterpart Urs Fischer sieht das nach eigenen Angaben ähnlich. Zwar habe seine Mannschaft die Partie dominiert und vieles richtig gemacht, sagte er, aber: "Am Schluss ist es ein Punkt und damit muss man zufrieden sein."

In der Tabelle hilft das Unentschieden den Köpenickern etwas mehr. Hertha braucht im Abstiegskampf dringend Siege – Dardais Ansatz ab 25 Minuten vor Abpfiff auf ein Remis zu spielen, sollte deshalb die Ausnahme bleiben.

Sendung: rbb24, 05.04.21, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

3 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 3.

    Ganz ehrlich, Tore entstehen immer durch Fehler sonst gäbe es keine Tore, also dieser Spruch sollte endlich auch mal ins phrasenschwein verschwinden.

  2. 2.

    Gute Analyse mit der ich weitestgehend d'accord bin, Till Oppermann.

  3. 1.

    Endlich vorbei und ein Unentschieden. Abgehakt und nach vorn schauen.

Nächster Artikel