Ein Kind macht einen Handstand-Überschlag. (Quelle: dpa/Alexander Heinl)
Audio: Inforadio | 13.04.2021 | Lukas Scheid | Bild: dpa/Alexander Heinl

Interview | Landessportbund Brandenburg - "Es werden Defizite bleiben"

Die Sportvereine trifft Corona schwer. Die Leidtragenden sind vor allem Kinder und Jugendliche. Denn ohne Sport könnte ihnen auch langfristig etwas fehlen, sagt Andreas Gerlach, Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes Brandenburg, im Interview.

rbb|24: Wie ist der Wasserstand, was die Mitgliederzahlen der Brandenburger Sportvereine betrifft?

Andreas Gerlach: Es gibt einen Mitgliederrückgang, aber der ist ganz einfach zu erklären. Ein Sportverein ist ein lebendes System: Leute gehen raus, Leute kommen rein. Jetzt, wo nur Leute rausgehen - was glücklicherweise nicht allzu viele sind -, aber keine dazukommen, ist das automatisch ein Rückgang. Es flüchtet also niemand aus den Vereinen, aber die normale Fluktuation führt zu dem Rückgang.

Welche Probleme ergeben sich daraus für die Vereine und das Sportland Brandenburg?

Es gibt ein finanzielles Problem. Jeder Verein hat einen Haushaltsplan, der auf bestimmten Ideen, Mitgliederzahlen und Einnahmen aus Veranstaltungen basiert. Durch den kompletten Stillstand fallen Aktivitäten weg und man verliert das ein oder andere Mitglied. Das ist ein herber finanzieller Verlust. Wir sehen zwar: Viele Vereine haben sehr gut gewirtschaftet und nur sehr wenige mussten Corona-Hilfen beantragen. Das heißt aber auch, dass sie jetzt dabei sind, Ihre Rücklagen aufzuzehren. Für die Schlagkraft der Vereine ist das ein hohes Defizit.

Inwieweit wirkt sich dieses Defizit auf die Kinder und Jugendlichen in den Vereinen aus?

Es fehlt etwas, das ist das Allerwichtigste: zum einen im gesellschaftlichen Miteinander, zum anderen, um die physische Fitness der Kinder und Jugendlichen zu gestalten. Es gibt keinen Sportunterricht in der Schule und auch nicht in den Vereinen. Für die Eltern, die sowieso schon mit Home-Schooling konfrontiert sind, ist es sehr schwer, das zu kompensieren. Wir hoffen dennoch, dass die Motivation bei den Kindern so hoch ist, dass wir sie auf den Hallen und Plätzen auch wieder begrüßen können, wenn es wieder los geht.

Welche langfristigen Folgen befürchten Sie für die Kinder und Jugendlichen? Gibt es Strategien, wie man damit umgeht?

Die Ausfälle werden kurzfristig und langfristig nur schwer aufzuholen sein. Wichtig sind aber die Brennpunkte: Schwimmen lernen oder Kinder mit motorischen Schwierigkeiten. Dort sollten Programme von Landessportbund und der Landesregierung ansetzen. Wir sind uns zwar sicher, dass die Kinder wieder in die Vereine strömen werden, wenn die Angebote wieder möglich sind. Es werden aber Defizite bleiben.

Welche Relevanz hat der Sport in den Debatten über mögliche Öffnungsstrategien?

Sport fördert die Gesundheit, stabilisiert die Psyche und lehrt Gemeinsinn. Auch die Solidarität unter den Vereinen im Umgang mit der derzeitigen Situation sind für mich Grund genug zu sagen, dass man uns vertrauen kann bei Öffnung des Sportangebots.

Wie kann eine möglichst schnelle Rückkehr auf die Trainingsplätze gelingen?

Das können wir nicht beeinflussen. Die Inzidenzzahlen müssen stimmen und Betten in den Krankenhäusern müssen frei sein. Es würde aber auch dann noch eine gewisse Zeit dauern, bis man mit dem Sport wieder anfangen kann. Wir merken, dass es äußerst kompliziert ist. Im Moment bräuchte man einen Taschenrechner und jeden Morgen eine Direktverbindung zu den Corona-Zahlen, um sagen zu können, wann man wieder Vereinssport machen kann. Denn da hängt ja noch mehr dran: Du musst die Übungsleiter informieren, den Platz organisieren und auch den Kindern und Erwachsenen Bescheid geben, dass der Sport stattfindet.

Wie schnell können die Vereine den Trainingsbetrieb wieder aufnehmen?

Man hat inzwischen schon ein Jahr geübt und wir sehen, alle stehen in den Startlöchern. Dennoch braucht man eine gewisse Vorlaufzeit und eine gewisse Sicherheit, denn man muss ja auch das Hygienekonzept umsetzen. Man muss dafür sorgen, dass Seifenspender oder Masken vorhanden sind. Wir sind aber sehr optimistisch, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird und der Sportbetrieb dann auch wieder starten kann.

Was erwarten Sie vom nächsten Bund-Länder-Treffen und der brandenburgischen Landesregierung im Bezug auf den Sport?

Für uns ist wichtig, dass man das Vertrauen in den Sport hat. Wenn die Möglichkeit besteht, im Freien Sport zu machen, sollten wir das auch in Gruppen machen können. Die Ansteckungsgefahr im Freien ist nicht allzu hoch. Wir haben außerdem genaue Hygienekonzepte, die gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und den Spitzensportverbänden ganz speziell für die einzelnen Sportarten zugeschnitten sind.

Welche Hoffnungen haben Sie für den Sommer?

Ich hoffe, dass zumindest im Freien der Sport wieder beginnen kann. Vielleicht sind wir sogar schon so weit, dass wir auch mal wieder ein Handballspiel sehen können. Dabei ist aber ganz wichtig, wie die Bürgerinnen und Bürger sich verhalten, auch die Mitglieder der Vereine. Für uns ist es nur schwer erklärbar, dass man nach Mallorca fliegen kann, aber nicht auf dem Platz trainieren. Da ist auch durch die Politik noch bisschen was zu tun, damit das Gleichgewicht wieder hergestellt ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Lukas Scheid aus der Sportredaktion. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung.

Sendung: rbb Inforadio, 13.04.2021, 9:15 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Es besteht immer die Möglichkeit mit den Kindern raus zu gehen und sich zu bewegen. Zu wem besteht im übrigen denn dieses Bewegungsdefizit? Wo liegt der Referenzwert? Das Problem ist doch schlicht, dass man als Elternteil aktiv werden muss und das Kind nicht in irgendeinem Verein abgeben kann um es betreuen zu lassen. Weniger meckern und mehr Wald- und Spielplatz ersuche...das ist immer eine gute Alternative...

  2. 1.

    Na ja das war doch völlig klar, nur unsere lockdown Fetischisten wollen das nicht wahrhaben, die böse Rechnung kommt noch und zwar nicht in Form von langzeit covid, sondern an langzeit Bewegungsmangel !

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