Amputierten-Fußball in Berlin - Des Fußballs Kern

Die Amputierten-Fußball Benito Salazar (l.) und Marco Reinecke (rbb)
Bild: rbb

In England und der Türkei gibt es längst Ligen für Amputierten-Fußball. In Berlin ist Tennis Borussia nun der erste Verein, der ebenfalls eine Mannschaft stellen wird. Warum das zunächst nur mit einer Spielgemeinschaft geht, sich aber bald ändern könnte. Von Ilja Behnisch

Das Runde muss ins Eckige, ein Spiel dauert 50 Minuten und Abseits - gibt es nicht. Die Regeln des Amputierten-Fußball mögen leicht andere sein, im Wesenskern bleibt sich der Sport aber auch auf einem Bein treu. So sagt Marco Reinecke (43), der bereits 2013 sein erstes Länderspiel im Amputierten-Fußball absolvierte und demnächst für die nun neu gegründete Mannschaft von Tennis Borussia Berlin aufläuft: "Fußball ist einfach Deutschlands liebstes Kind. Man ist unter Kollegen, Gleichgesinnten und hat Spaß."

Reinecke verlor sein linkes Bein im Alter von vier Jahren und im Zuge einer Knochenkrebs-Erkrankung. Dennoch war Fußball immer Teil seines Lebens. Doch auch wer im höheren Alter eine Amputation erleidet, kann weiter Fußball spielen, so Reinecke: "Es heißt nicht, dass man aufstecken muss. Es geht immer weiter." Ob mit Prothese oder ohne. Wobei Reinecke für die Variante mit den Krücken plädiert: "Weil es der Körperhaltung dient, sich von der Prothese zu lösen und die Koordination mit den Krücken zu üben. Weil vieles geht im Leben auch leichter mit Krücken als mit Prothese."

Besondere Regeln

Beim Amputierten-Fußball [amputierten-fussball.de] sind die Krücken derweil sogar Pflicht. Mit Ausnahme der Torhüter müssen die jeweils sieben Spieler eines Teams mit Krücken und also ohne Prothesen auflaufen. Einzig der Schlussmann darf zwei Beine haben, dafür aber nur eine Hand. Das Spielfeld und die Tore sind etwas kleiner als im sonstigen Fußball. Den Ball mit den Krücken zu berühren ist verboten und ähnelt dem sonstigen Handspiel. Gemischte Teams aus Frauen und Männern sind häufig gesehen. Und schaut man auf die nun avisierte Spielgemeinschaft, die Tennis Borussia Berlin zusammen mit den Sportfreunden Braunschweig und dem Hamburger SV bildet, so gehen auch die Altersklassen fließend ineinander über.

Benito Salazar zum Beispiel ist 13, Schüler und bald also Mitspieler von Marco Reinecke. Salazar wurde mit einem verkürzten rechten Bein geboren, er spielt schon seit der Grundschule Fußball. "Aber nicht im Verein, sondern auf dem Schulhof und Bolzplatz", zumeist mit seiner Prothese. Allerdings: "Mit den Krücken ist es schwer bei einem normalen Verein. Deswegen finde ich es toll, dass ich jetzt eine Möglichkeit bei Tennis Borussia Berlin habe."

Der Spielbeginn ist noch dieses Jahr geplant

Dass TeBe diese Möglichkeit als erster Berliner Verein bietet, liegt an der Organisation "Anpfiff ins Leben" [anpfiffinsleben.de] aus Baden-Württemberg. Diese hat sich unter anderem der Amputiertenförderung verschrieben und über den Berliner Fußball-Verband zu Tennis Borussia gefunden. Rund ums Mommsenstadion zeigte man sich schnell dankbar. So sagt Tobias Schulze, Vorstandsmitglied des Vereins und für die Koordinierung des Amputierten-Fußballs verantwortlich: "Spieler wie Marco Reinecke mussten bisher immer in andere Städte fahren, um die Sportart betreiben zu können. Oder ein Spieler wie Benito, für den das vorher überhaupt nicht möglich war, im Verein spielen zu können. Dieser Schritt war total überfällig."

So richtig losgehen sollte es dabei am 8. Mai. An diesem Tag "würden wir gern mit einem offenen Trainingstag loslegen, wo jeder kommen kann", so Schulze. Allzu optimistisch, den Termin halten zu können, sei man angesichts von Corona allerdings nicht. Dennoch, so Schulze, "prinzipiell soll es in diesem Jahr losgehen, auch mit dem Spielbetrieb."

Es braucht mehr Öffentlichkeit

Perspektivisch wolle man ein eigenes Team haben, am besten auch eigenen Jugend- und Kindermannschaften. In der Türkei etwa gäbe es längst ein richtiges Lizenzsystem. Doch "erstmal klein anfangen", so Schulze. Bis dahin treffen sich die bundesweit bisher existierenden Mannschaften aus Hoffenheim, Düsseldorf und der Spielgemeinschaft um TeBe, um an mehreren Wochenenden im Jahr eine Meisterschaft auszuspielen.

Das sportliche Abschneiden ist Marco Reinecke dabei allerdings nicht sonderlich wichtig. Auch, weil momentan kein Training stattfinden kann und die Teams noch gar nicht final bekannt sind. Außerdem, so Reinecke, "ist es egal, ob man Erster oder Letzter wird, der Sport ist entscheidend." Für Tobias Schulze liegt der Reiz von Tennis Borussias neuester Mannschaft auch darin, dass es "etwas Besonderes sein könnte, mal nicht etwas Besonderes zu sein." So oder so, einig sind sich Reinecke und Schulze vor allem in einem Punkt: "Die Öffentlichkeit muss davon erfahren, dass es diesen Sport gibt."

Sendung: rbb24, 23.04.2021, 22 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

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