Kommentar | Freistellung von Zsolt Petry - Für Hertha ist Vielfalt keine Marketingphrase

Herthas Ex-Torwarttrainer Zsolt Petry gibt Anweisungen. / imago images/Nordphoto
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Mit der Freistellung des Torwarttrainers Zsolt Petry beweist Hertha BSC, dass das Engagement für Vielfalt und Toleranz kein Lippenbekenntnis ist. Für den Verein ist das eine große Chance, endlich anders wahrgenommen zu werden. Ein Kommentar von Till Oppermann.

Die "Charta der Vielfalt" soll Vielfalt und Toleranz in Unternehmen und Institutionen fördern. Als Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und Kommunikationschef Paul Keuter sie im März 2018 im Olympiastadion unterschrieben, war Hertha BSC erst der zweite Bundesligaverein, der der Initiative beitrat. Man wolle die Vielfalt der Gesellschaft aktiv fördern, erklärte Keuter damals. Drei Jahre danach beweist der Verein, dass dieses Engagement kein bloßes Lippenkenntnis ist.

Einen Tag, nachdem ein Interview von Zsolt Petry aus seiner ungarischen Heimat durch die deutsche Presse ging, hat Hertha den Torwarttrainer mit sofortiger Wirkung freigestellt. Denn der 54-Jährige äußerte sich ablehnend zu Homosexualität und Einwanderung. Ein Verstoß gegen die Werte des Klubs, wie Geschäftsführer Carsten Schmidt in einer Pressemitteilung begründete. "Hertha BSC setzt sich als Verein aktiv für Werte wie Vielfalt und Toleranz ein, weil uns diese Werte wichtig sind."

Das Engagement ist echt und kein Marketing

Seit Jahren setzt sich der Verein sichtbar für genau diese Werte ein und warb beispielsweise mit der Kampagne "In Berlin kannst du alles sein" für Diversität und Weltoffenheit. 2019 erklärte Hertha das letzte Saisonspiel gegen Bayer Leverkusen zum "Vielfaltsspieltag". Weltweite Wellen schlug eine andere Aktion während der Kontroverse um Proteste gegen Rassismus von schwarzen US-Sportlern im Jahr 2017. Weil mehrere Athleten während der Nationalhymne gekniet hatten, bezeichnete der damalige US-Präsident Trump sie als "Hurensöhne". Aus Solidarität kniete die gesamte Hertha-Mannschaft vor einem Bundesligaspiel im Mittelkreis nieder. Weil die Idee dafür aus der Abteilung von Marken-Chef Paul Keuter kam, witterten Kritiker einen Werbegag. Der Tagesspiegel fragte: "Große Geste oder Effekthascherei?"

Seit Dienstagmorgen kann man diese Frage leicht beantworten: Herthas Einsatz für Vielfalt und Toleranz ist mehr als eine Marketingphrase. Die Geschäftsführung reagierte schnell und konsequent. Dabei sind Zsolt Petrys Qualitäten als Torwarttrainer unbestritten. Viele schreiben es seiner Arbeit zu, dass sich Rune Jarstein vom Ersatzkeeper zu einem der zwischenzeitlich besten Torhüter der Bundesliga entwickelte. Selbst die sportlich schwierige Lage im Abstiegskampf hinderte die Verantwortlichen nicht daran, die Werte des Vereins durchzusetzen.

In einem Geschäft, in dem ein Abstieg in die zweite Liga große finanzielle Einbußen nach sich ziehen würde, ist das keineswegs selbstverständlich. Außerdem erwähnenswert: Auch die Kommunikation lief vorbildlich. Während Ex-Coach Bruno Labbadia von seiner Entlassung noch auf der Tartanbahn durch Medienvertreter erfahren musste, war die Pressemitteilung zu Petrys Freistellung Herthas erste Reaktion auf das kontroverse Interview. Zudem durfte der Ungar sich offiziell entschuldigen.

Hertha präsentiert sich als würdiger Hauptstadtklub

Von dieser klaren Haltung könnten andere Vereine und Verbände noch lernen. Nach den Rassismusvorwürfen gegen Union-Profi Florian Hübner Ende Januar gaben sich der 1. FC Union, Bayer Leverkusen und der DFB alle Mühe den Disput möglichst intransparent aufzuklären. Der Öffentlichkeit wurden von allen Seiten verschiedene, teilweise widersprüchliche Aussagen präsentiert. Am Ende wurde Hübner vom Sportgericht entlastet.

Natürlich war dieser Fall weniger eindeutig als Petrys teilweise menschenverachtenden Kommentare in dem Interview in der ungarischen Zeitung. Im Fußballgeschäft, das sich gerne damit brüstet, besonders weltoffen zu sein, sollte trotzdem ein anderer Umgang mit sensiblen Themen wie Homophobie oder Rassismus herrschen. Wie das aussehen könnte, zeigt Hertha BSC mit seiner konsequenten Reaktion.

Für das Image der Alten Dame ist das eine große Chance. Für die offensiv formulierten sportlichen Ambitionen nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst wird der "Big City Club" oft verspottet. Der Ruf als graue Maus der Bundesliga, für die sich außer den vielen Hertha-Fans auch in Berlin niemand wirklich interessiert, verfolgt den Verein hartnäckig. Mit Petrys Freistellung präsentiert sich Hertha als Klub, der wirklich bereit ist, für Weltoffenheit einzustehen. Diese Identität passt viel besser zur Hauptstadt als Großmannssucht und Geldverschwendung.

Sendung: rbb24, 06.04.2021, 21:45 Uhr

32 Kommentare

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  1. 32.

    Ich sag doch.
    Ein toller Artikel von Herrn Oppermann.
    Für jeden was dabei. Sogar für sie Herr Glaudino.

  2. 31.

    So sieht es aus. Dem ist nicht mehr hinzuzufügen... Wer weiß, was unsere anderen Spieler, Trainer u.s.w. denken. Doch die halten die Klappe. Was man privat denkt, muss ja nicht jeder Idiot (ich schließe mich mit ein) wissen...

  3. 30.

    Die von Ihnen zitierte Stelle, Gerd, war auch meine Lieblingsstelle. Einfach auf den Punkt gebracht und den Status Quo beschrieben. Hätte von mir sein können ;-)

  4. 29.

    Zitat: "Aber mittlerweile verliert man in Deutschland bereits seinen Job, wenn man als ungarischer Staatsbürger einer ungarischen Zeitung in ungarischer Sprache ein Interview gibt, weil man dort eine Meinung vertritt, welche in Deutschland nicht gerne gesehen wird."

    Herr/Frau "Meinungsfreiheit?",
    der Ungarische Staatsbürger Zsolt Petry wurde von diesem, ich will es mal Propagandablatt nennen interviewt, weil er in Deutschland eine gewisse Position inne hat. Als bspw. ungarischen Automechaniker eines deutschen Kleinbetriebes hätte man ihn sicher nicht zum Gespräch gebeten. Petry hätte sich also bewusst sein müssen, dass er als Angestellter von Hertha BSC diese Aussagen nicht hätte treffen sollen. Dass er es trotzdem tat, war sein freiheitliches Recht, nur muss er dann eben mit den Konsequenzen leben. Soviel Reflektion bzgl. der eigenen Lebensumstände sollte ein 'Mittfünfziger' in dieser Position eigentlich auf der Pfanne haben.

  5. 27.

    Zitat: "Aber mittlerweile verliert man in Deutschland bereits seinen Job, wenn man als ungarischer Staatsbürger einer ungarischen Zeitung in ungarischer Sprache ein Interview gibt, weil man dort eine Meinung vertritt, welche in Deutschland nicht gerne gesehen wird."

    Herr/Frau "Meinungsfreiheit?",
    der Ungarische Staatsbürger Zsolt Petry wurde von diesem, ich will es mal Propagandablatt nennen interviewt, weil er in Deutschland eine gewisse Position inne hat. Als bspw. ungarischen Automechaniker eines deutschen Kleinbetriebes hätte man ihn sicher nicht zum Gespräch gebeten. Petry hätte sich also bewusst sein müssen, dass er als Angestellter von Hertha BSC diese Aussagen nicht hätte treffen sollen. Dass er es trotzdem tat, war sein freiheitliches Recht, nur muss er dann eben mit den Konsequenzen leben. Soviel Reflektion bzgl. der eigenen Lebensumstände sollte ein 'Mittfünfziger' in dieser Position eigentlich auf der Pfanne haben.

  6. 26.

    ZItat: "Mir gefällt am Besten folgendes Zitat:
    "Von dieser klaren Haltung könnten andere Vereine und Verbände noch lernen. Nach den Rassismusvorwürfen gegen Union-Profi Florian Hübner Ende Januar gaben sich der 1. FC Union, Bayer Leverkusen und der DFB alle Mühe den Disput möglichst intransparent aufzuklären. Der Öffentlichkeit wurden von allen Seiten verschiedene, teilweise widersprüchliche Aussagen präsentiert."

    Tja, und mir gefällt folgendes Zitat:
    "Für die offensiv formulierten sportlichen Ambitionen nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst wird der "Big City Club" oft verspottet. Der Ruf als graue Maus der Bundesliga, für die sich außer den vielen Hertha-Fans auch in Berlin niemand wirklich interessiert, verfolgt den Verein hartnäckig."

    Ich verweise (zu Ihrer 'Beruhigung') aber gerne auf meinen Beitrag #28 im damaligen Kommentarstrang, Berndinho.

    https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2021/01/union-berlin-bayer-leverkusen-nadiem-amiri-rassismus-bundesliga.html

  7. 24.

    Zitat:
    "Florian Hübner wird aufgrund unsportlichen Verhaltens im Bundesliga-Spiel des 1. FC Union Berlin gegen Bayer 04 Leverkusen für zwei Spiele gesperrt und mit einer Geldstrafe belegt. Für die Beleidigung seines Gegenspielers Nadiem Amiri hatte sich Unions Abwehrspieler bereits im Anschluss an die Partie bei diesem entschuldigt. "

    War nix

  8. 23.

    @ M&M: Innerhalb eines Teams, welches jeden Tag auf relativ engem Raum zusammen ist und sehr viel miteinander kommuniziert, kennt man sich relativ bald, dazu muss nichts konkret abgefragt werden.
    Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, dass bislang niemand bei der Hertha von Petrys Einstellung gewusst haben will. Es wäre interessant, mal ein paar seiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen vor Ort zu diesem Thema zu hören.

  9. 22.

    Ich wäre mal sehr dankbar, wenn mir dummen jemand irgandwann erläutern könnte, was man unter Homophobie verstehen sollte. Ist das etwa eine psychische Störung oder gar Krankheit, wie sozusagen Klaustrophobie, Agoraphobie oder die anderen Phobien? Wenn ja, wer wagt die Diagnose stellen, ohne dabei eine Klassification der Krankheiten (ICD-10 oder DSM-5) hervorzunehmen? Wenn nein, ist das vielleicht bloß ein Gewehr, gegenüber denen, die in der angesagten Progression nicht mitschwimmen? Oh nein, diese Art Progression kennt ja Europa wohl, hier östlich von der Elbe. Wer nicht mit uns, ist gegen uns...
    Tut mir leid , da sehe ich weder Vielfalt, noch Toleranz, nur Einfalt und Fremdenhass. Über die Folgen kann man östlich der Elbe nachfragen. Ich wünsche es nicht einmal meinen Gegnern.

  10. 21.

    "Werte des Fußballvereins". So in etwas wie ein nicht sozialistischer Verein in der Oberliga.
    Das hätte ich natürlich jetzt nicht geschrieben, wenn ich in diesem Land nicht meine Meinung frei äußeren darf.

  11. 20.

    Wie ist der Fall Hübner vom 1.FC Union zu werten?
    Ganz einfach, - wie es das Sportgericht entschieden hat.
    War nix!
    Herr Oppermann - Objektiv? Eher nicht.

  12. 19.

    Nur gut, dass Kommentar über diesem Artikel steht. Ich dachte schon, ich wäre auf der falschen Website gelandet ;-)

  13. 18.

    Ich halte Herrn Petry für unehrlich. Entweder hat er im Interview gelogen, um den Mainstream in seiner ungarischen Heimat zu bedienen und sich bei Herrn Orban einzuschleimen oder er hat sich und seinen Arbeitgeber betrogen, weil er dessen Werte nicht mittragen kann. Das ist als wenn ein Atomkraftgegner in einem AKW arbeiten würde.

  14. 16.

    Ich scheine irgendwas nicht zu verstehen. Wer hat dem netten Herrn Petry seine Meinung verboten? Gab es da schon ein entsprechendes Urteil? Wird er verfolgt, verhaftet oder ausgewiesen?
    Der Verein Hertha BSC hat ihn freigestellt. Er bezahlt also weiter. Er braucht nur nicht mehr kommen.
    Das ist so, wie wenn der Besuch jedes mal in den Flur kackt. Der darf dann auch wegbleiben.
    Zum Thema Meinungsfreiheit und Grenzen empfehle ich dringend Artikel 5 GG!
    Dummheit, Intoleranz und Rassismus ist keine Meinung.

  15. 15.

    Es ist ganz einfach. Wer gegen die Hausordnung in einem Einkaufscenter verstößt, kann dieses verwiesen werden. Wer wieder der Hausordnung und Werte eines Unternehmens/Arbeitgebers verhält, missachtet dieses/diesen und den bestehenden Arbeitsvertrag. Das sind Kündigungsgründe. Als Trainer eines Sportvereines, egal ob namhaft oder unbekannt, steht man in einer besonderen Verantwortung als Vorbild. Wer als Vorbild die eigenen aufgestellten Vereinsregeln und Werte öffentlich infrage stellt, stellt den gesamten Verein und deren Mitglieder, Ziele und Werte infrage. Kinder und Jugendliche schauen auf Trainer und nehmen deren Worte und Aussagen ernst, im besten Fall befolgen sie diese. Somit sind diese leichte Beute für solche unhaltbaren Äußerungen, die besagter Torwarttrainer von sich gegeben haben soll. Der Verein hat konsequent reagiert. Ich bin dafür als Trainer von Jugendmannschaften dankbar. Auch ich dulde keine, welch auch immer gearteten menschenunwürdigen Äußerungen auf und neben dem Spielfeld, sowohl bei Spielern als auch bei deren Eltern oder Trainerkollegen.

  16. 14.

    Man kann den Rausschmiss gut oder schlecht finden. Aber genau so wie die katholische Kirche sich herausnimmt, neben den in Deutschland geltenden Gesetzen ihre eigenen Vereinsregeln zu entwerfen, die Homosexuelle, Frauen et cetera diskriminieren, so hat sich eben Hertha BSC der Charta der Vielfalt verpflichtet. Da soll sich dann bitte auch keiner bescbeschweren.

  17. 13.

    Für alle anderen Kommentatoren. Rassissmus ist KEINE Meinung. Irgendwann sollte man das kapieren. Und wenn man as nicht kapieren will, ist das schlichtweg ein Bekenntnis für Braunis

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