Hertha vor dem Derby - "Meine Stadt Berlin sehe ich Blau-Weiß"

Fr 02.04.21 | 16:03 Uhr | Von Dennis Wiese
Herthas Co-Trainer Andreas "Zecke" Neuendorf (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 03.04.2021 | Dennis Wiese | Bild: imago images/Matthias Koch

Vorhang auf für das einzige Stadtduell der Fußball-Bundesliga. Hertha fährt mit einem Erfolgserlebnis, frischen Kräften und sehr gutem Gefühl nach Köpenick. Und will mit dem dritten Derbysieg in Folge wichtige Punkte im Abstiegskampf sammeln. Von Dennis Wiese

Das Personal

Trainer Pal Dardai setzte in der Pressekonferenz am Freitagmittag sein breitestes Grinsen auf: Vor dem Hauptstadtderby bei Union am Sonntag (18 Uhr, live im Inforadio, bei Facebook und hier auf rbb|24 mit Hertha-Legende Axel Kruse und Union-Urgestein Christian Beeck) sei alles optimal. Er habe ein sehr gutes Gefühl, so Dardai: "Das gibt es selten. Ich will mich nicht bequem hier hinsetzen und sagen 'wir schaffen das', aber was ich gesehen habe, war sehr positiv. Das muss so bleiben."

Dardais gutes Bauchgefühl hat auch mit zwei Routiniers zu tun, die er am Sonntag mit nach Köpenick nehmen wird: Sami Khedira, bislang erfolgreichster Titelsammler im Hertha-Kader, ist nach drei Spielen Verletzungspause zurück. Sehr zur Freude seines Trainers: "Sami hat die Woche sehr gut mittrainiert. Er ist immer ein klarer, ehrlicher Junge. Er kann uns immer helfen, vielleicht wechsle ich ihn ein." Ein weiterer Kopf, ein Leader, ist Kapitän Dedryck Boyata. Für Hertha machte der Abwehrchef in diesem Jahr noch kein Spiel. Nach einem Ermüdungsbruch lief er vor wenigen Tagen aber eine Halbzeit lang für die belgische Nationalmannschaft auf. Auch Boyata ist bei der kurzen Auswärtsfahrt nach Köpenick dabei.

Es fehlen: Vladimir Darida (Rotsperre) Luca Netz (Mittelfußbruch) und Eduard Löwen (angeschlagen).

Die Form

Der letzte Eindruck war einer zum Augenreiben: Hertha kombinierte, harmonierte und erspielte sich gegen Europapokalanwärter Leverkusen reihenweise Torchancen. Am Ende stand ein starker 3:0-Erfolg. Dann kam die Länderspielpause. Die ist eigentlich so etwas wie das ewige Unwort des Jahres für jeden Bundesligatrainer. Doch aus Herthas erfolgreicher Startelf gegen Leverkusen fehlten nur Torwart Rune Jarstein, Rechtsverteidiger und Torschütze Deyovaisio Zeefuik und Mittelfeldstratege Matteo Guendouzi. Dardai konnte in der bundesligafreien Zeit richtig arbeiten auf dem Trainingsplatz.

Zufrieden wirkte auch Sportdirektor Arne Friedrich, bei der Pressekonferenz neben Cheftrainer Dardai: "Die Lage war prekär, wir standen vor dem Spiel gegen Leverkusen mit dem Rücken zur Wand. Die Reaktion war sehr gut. Das macht mich optimistisch. Auch wenn ich sehe, wir die Jungs und das Trainerteam arbeiten."

Der Gegner

…spielt und trainiert rund 30 Kilometer von Hertha entfernt. Und, Stichwort "Entfernung": In der Bundesligatabelle steht der 1. FC Union sieben Plätze und vierzehn Punkte vor Hertha.

Die zweite Saison nach dem Bundesligaaufstieg gilt gerne als besonders anspruchsvoll. Für den 1. FC Union wird es, aller Voraussicht nach, die erfolgreichste Spielzeit der Vereinsgeschichte. Drei Punkte fehlen den Köpenickern bis zum bisherigen Bestwert (41 Punkte) aus dem Vorjahr. Acht Spiele stehen noch aus. Unter Trainer Urs Fischer ist in nun beinahe drei Jahren eine Mannschaft zusammengewachsen, die stabil verteidigt und, seit dieser Saison, im Angriff vor allem mit Max Kruse eine Waffe hat. Lob gibt es vom Stadtrivalen Pal Dardai: "Das sieht richtig gut aus, nach einer Einheit".

Während Hertha mit dem 3:0-Sieg gegen Leverkusen im letzten Spiel beeindruckte, setzte es für den 1. FC Union die höchste Saisonniederlage: In Frankfurt ging Union mit 2:5 unter. Innerhalb von sechs Minuten kassierten die Eisernen drei Gegentreffer, die sonst so stabile Defensive verhielt sich "naiv", monierte Trainer Fischer. Sie machte Fehler, aus denen seine Mannschaft lernen müsse.

Herthaner im Fokus

Andreas "Zecke" Neuendorf. Berliner Schnauze, Trockener Humor, ewiger Fanliebling. Zecke trainierte nach seinem Karriereende erfolgreich den Hertha-Nachwuchs, war bis zum Januar Chef der U23. Bis Pal Dardai seinen Kumpel Zecke zum Co-Trainer der Profis machte.

Vor dem Derby halten sie sich bei Hertha mit markigen Sprüchen zurück. Zecke aber lieferte in einer Medienrunde am Mittwoch: "Meine Stadt Berlin sehe ich Blau-Weiß." Jeder Stromkasten, an der Autobahn - überall sehe er Hertha und Blau-Weiß. Das könne auch an der blau-weißen Brille liegen, mit der er durchs Leben gehe, so der Steglitzer Straßenfußballer.

Er wisse um die Bedeutung, die das Derby für viele Menschen in der Stadt habe. Hertha aber habe ein anderes Problem: "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir brauchen Punkte, weil wir in der Liga bleiben wollen." Deshalb müsse Hertha kleine Brötchen backen: "Wir können nicht durch die Stadt laufen und sagen: 'Wir sind hier die Nummer Eins.'" Für Zecke hätte nicht das Derby einen besonderen Charakter, sondern die drei Punkte, die es zu holen gibt.

Besonderheiten

Zum vierten Mal treffen Hertha und der 1. FC Union in der Bundesliga aufeinander. Zum dritten Mal sind wegen der Coronapandemie keine Fans im Stadion. Nicht nur die Anhänger aus der Hauptstadt gucken in die Röhre, auch Hertha-Trainer Pal Dardai muss sich mit einer Art Derby light begnügen: "Für mich ist das ein normales Fußballspiel, die Fans machen es zum Derby."

Beim einzigen Bundesligaduell mit Zuschauern im Stadion flogen im November 2019 Raketen aus dem Hertha-Block auf Spielfeld und Tribünen, einzelne Union-Anhänger stürmten den Platz. Die Ausschreitungen bestimmten die Schlagzeilen. Sportlich gesehen gewann bislang jeweils die Heimmannschaft: Union feierte sich nach dem 1:0-Erfolg 2019 als Stadtmeister. Hertha zog durch ein 4:0 im Mai und ein 3:1 im Dezember 2020 an den Köpenickern vorbei.

Die noch kurze Geschichte des Hauptstadt-Derbys

Sendung: rbb24, 02.04.2021, 18 Uhr

Beitrag von Dennis Wiese

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