Analyse | 3:1 gegen Bremen - Kalkulierte Hässlichkeit bringt Union den Sieg

Sa 24.04.21 | 21:35 Uhr | Von Till Oppermann
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Union-Trainer Urs Fischer (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 25.04.2021 | Lars Becker | Bild: imago images/Matthias Koch

Im Heimspiel gegen Werder Bremen tut sich der 1. FC Union lange schwer. Urs Fischer lässt seine Mannschaft gegen den Abstiegskandidaten bewusst tief stehen. Eine Tempoverschärfung nach der Pause und ein kluger Wechsel sorgen für den Sieg. Von Till Oppermann

17 Minuten reichten dem 1. FC Union Berlin am Samstagnachmittag in der Alten Försterei für die Tore zum 3:1-Erfolg im Bundesligaspiel gegen Werder Bremen. Angreifer Joel Pohjanpalo entschied das Spiel mit seinem Hattrick zu Beginn der zweiten Hälfte, nachdem der Mannschaft im gesamten ersten Durchgang nur zwei Torabschlüsse gelangen. Aber obwohl die Berliner im Saisonfinale weiter um den Einzug in den Europapokal spielen, wollte nach Spielende niemand auf dem Feld so wirklich jubeln. Denn in der dritten Minute der Nachspielzeit war Angreifer Petar Musa so heftig mit seinem Kollegen Cedric Teuchert zusammengeprallt, dass Letzterer mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen blieb. Rasch bildeten seine besorgten Mitspieler eine Traube um den Verletzten. Schließlich mussten Sanitäter Teuchert vom Feld tragen. Es könnte sich um eine Bänderverletzung im Knie handeln.

Urs Fischer setzt auf Bremens Schwäche

Das Drama um 24-Jährigen dämpfte zwar die Feierlaune, eine ähnlich miese Stimmung wie bei den Gästen von der Weser ist dieser Tage in Köpenick trotzdem weiter ausgeschlossen. Während Union schon jetzt auf die beste Ligasaison der Vereinsgeschichte zurückblickt, bauten die Bremer ihren eigenen Negativrekord auf nun sieben aufeinanderfolgende Niederlagen aus. Selbstredend geht eine solche Serie nicht spurlos an einer Mannschaft vorbei. Das wussten auch die Eisernen. Christian Gentner erklärt nach dem Spiel: "Uns war klar, dass die nicht vor Selbstvertrauen strotzen." Deshalb sei es wichtig gewesen, keine guten Konter zuzulassen. Der erfahrene Gentner liefert damit den passenden Ansatz, um die passive Herangehensweise an die erste Halbzeit zu erklären. Urs Fischers Matchplan könnte man als kalkulierte Hässlichkeit bezeichnen.

Nur zwei Gelegenheiten in der ersten Halbzeit, zahlreiche Fehlpässe und eine defensive Formation: Was viele als Antifußball bezeichnen würden, folgte einem Plan. Das im 5-3-2-System formierte Team ging im Pressing wenig Risiko ein und war sehr darauf bedacht, keine Räume hinter den tiefstehenden Innenverteidigern Nico Schlotterbeck, Marvin Friedrich und Robin Knoche zu öffnen. Werder Bremen fehlt die Kreativität: Florian Kohfeldts Mannschaft gibt beispielsweise nur 57 Prozent ihrer Schüsse innerhalb des Strafraums ab. Kein Team in der Bundesliga ist in dieser Kategorie noch schlechter. Schnelles Umschalten mit langen Pässen auf die schnellen Angreifer Josh Sargent und Milot Rashica sind häufig das einzige Mittel, um für Gefahr zu sorgen. "Da haben wir Absicherung gebraucht", kommentiert Gentner. Neben der tiefen Deckung passte Fischer offenbar auch das Offensivspiel seiner Mannschaft an, um diese Umschaltsituationen zu vermeiden. Bis zur Pause spielte Union 92 Prozent der Angriffe über die beiden Außenbahnen, wo Ballverluste deutlich ungefährlicher sind als in der Zentrale - das sind 15 Prozent mehr als im Saisonschnitt.

Nach dem Seitenwechsel geht Fischers Plan auf

Einziges Problem: Die vielen Versuche, Bremen über die Flügel zu knacken, waren nicht sonderlich erfolgreich. Es sei nicht einfach gewesen, entschuldigt Fischer. Weil Werder sehr tief stand, hätten Union die Lösungen gefehlt. Dreifachtorschütze Pohjanpalo präzisiert: "Die standen mit zehn Spielern hinter dem Ball." Weil beide Mannschaften sehr darauf bedacht waren, dem Gegner keine Räume zu bieten, entwickelte sich ein zähes Spiel. Drei erfolgreiche Pässe in der gegnerischen Hälfte am Stück hatten Seltenheitswert. Fischer beschreibt, wie Union nach dem Seitenwechsel schnell für klare Verhältnisse sorgen konnte. "Wir waren gradliniger, haben konsequent den Weg nach vorne gesucht und uns belohnt." Stellvertretend dafür steht Petar Musa, der für Max Kruse in die Partie kam. Seine körperliche Präsenz beschäftigte stets einen Gegenspieler, seine schnellen Tiefenläufe sorgten für Verwirrung in der Bremer Innenverteidigung. Gegen den Ball störte der aggressiv anlaufende Musa den Spielaufbau der Gäste. Zu viel für die verunsicherten Bremer, die in der Folge bei keinem der Gegentore eine gute Figur machten.

Vor dem 1:0 ließen sie Pohjanpalo nach einer Ecke am zweiten Pfosten völlig allein. Der Finne staubte ab und brachte seine Mannschaft in eine komfortable Lage. Denn von nun an mussten die Bremer mehr Risiko gehen. Für Pohjanpalo ist das der Grund für seinen schnellen Dreierpack: "Die mussten aufmachen und wir konnten schnell das zweite und dritte Tor schießen", erklärt er. Tatsächlich nutzten die Unioner in den folgenden Minuten jeden Bremer Fehler eiskalt. Vor dem 2:0 verlängerte Musa einen langen Ball von der Außenbahn auf den in seinem Rücken einlaufenden Torschützen. Kurze Zeit später fing Marcus Ingvartsen einen Pass im Spielaufbau ab, bevor Musa den Ball in Pohjanpalos Lauf chippte, der zum 3:0 verwandelte. "Das mit Petar hat sehr gut gepasst, er hat zwei tolle Vorlagen gegeben", lobt der Torjäger selbstlos. Urs Fischer zufrieden: "Wir waren heute sehr effizient." Angesichts der gut formierten Defensive reichte das gegen Werder Bremen.

Union will nach Europa

Das macht Mut für kommenden Aufgaben im Endspurt. Leverkusen, Wolfsburg und Leipzig werden weniger anfällig sein als die verunsicherten Bremer. Wollen die Unioner wirklich in den Europapokal einziehen, ist in diesen Spielen offensive Effektivität gefragt. Der sachliche Fischer bremst die Erwartungen etwas. Man werde sehen, was noch drin sei, so der Schweizer. Christian Gentner formuliert die Träume im Namen seiner Mitspieler etwas offensiver: "Wir haben uns entwickelt und wollen uns vor niemandem verstecken." Ganz glauben kann er die "verrückte Saison" trotzdem noch nicht. Das 3:1 gegen Bremen klinge etwas selbstverständlich, aber: "Es ist nach wie vor eine unfassbare Leistung dieser Mannschaft." Sollte der überraschende Einzug in den Europapokal gelingen, wird der Jubel sicher anders ausfallen. Und Cedric Teuchert kann dann hoffentlich mitfeiern.

Sendung: rbb24, 24.04.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

4 Kommentare

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  1. 4.

    Petar Musa hat mir besonders gefallen. Denn auch aufgrund seines Engagements konnte Pohjanpalo glänzen und 'Unne' den Sieg einfahren. Tolle Leistung des jungen Angreifers!

  2. 3.

    Was soll man sagen? Ein super Trainer. Ganz im Gegensatz zum SVW...

  3. 2.

    Frag mich echt, wie Bremen an 30 Punkte kommen konnte. Das ist ja ne Offenbarung, fast schon Klassenunterschiede zu Union.

  4. 1.

    Kalkulierte Hässlichkeit ist es für die Einen. Für die Anderen ist es gute Taktik. Letztere ist aufgegangen - Glückwunsch an FCU.

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