Matheus Cunha liegt im Toraus / IMAGO / Contrast
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Nach Überzahl gegen Gladbach - Hertha BSC bringt sich selbst um den Sieg

Nach 77 Minuten in Überzahl hätten die abstiegsbedrohten Herthaner gegen Gladbach gewinnen müssen. Doch fehlende Reife und Ruhe brachte Hertha BSC um die Führung. Erst eine Umstellung vonTrainer Dardai ermöglichte das Remis. Von Till Oppermann

Leid und Leid lagen in der Nachspielzeit von Hertha BSCs Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach im Olympiastadion sehr nah beieinander. Hertha-Stürmer Matheus Cunha wälzte sich enttäuscht auf einem Werbebanner neben dem Tor, blickte hilfesuchend in den Himmel und bereute, dass auch sein letzter Sprint an die Grundlinie keine Chance auf das Siegtor ermöglichte.

Wenige Meter entfernt musste derweil Gladbach-Keeper Tobias Sippel behandelt werden, nachdem er sich bei der Abwehr von Cunhas letztem Pass das Knie verdreht hatte. Weil sie einen Kreuzbandriss vermuteten, machten die herbeigeeilten Mediziner einen Schubladentest. Sie waren sich schnell sicher: Sippels Bänder scheinen nicht gerissen zu sein. Abzuwägen in welche Schublade Hertha das Remis einordnet, wird wohl etwas länger dauern. Zwar zählt im Abstiegskampf jeder Punkt, doch wäre wegen einer überlegenen zweiten Halbzeit ein Sieg Pflicht gewesen? Kapitän Niklas Stark ist sich nach Abpfiff sicher: "Wir hätten einen Sieg gebraucht."

Trotz Überzahl spielt Hertha "vogelwild"

24:7 Torabschlüsse, 57 Prozent Ballbesitz und 68 Sprints mehr als die Borussen: Die Statistik zeigt, dass die Berliner deutlich mehr vom Spiel hatten. Allerdings war das nicht ausschließlich Herthas couragierter Leistung zu verdanken. Bereits in der 13. Minute sah der etatmäßige Gäste-Torwart Yann Sommer die Rote Karte. 77 Minuten spielten die Blau-Weißen danach in Überzahl. Bezieht man das mit in die Bewertung ein, kann Hertha BSC nach dem 2:2 im Olympiastadion nicht zufrieden sein. Pal Dardai fängt mit seiner Analyse ganz am Anfang an. Seine Mannschaft habe gut begonnen, lobt der Trainer. Tatsächlich suchte die zweitjüngste Hertha-Mannschaft in der Bundesligageschichte des Klubs sofort den Weg in die Offensive. Beispielsweise provozierte ein langer Pass des Innenverteidigers Marton Dardai auf den startenden Jhon Cordoba die Notbremse, wegen der Sommer des Feldes verwiesen wurde. Kurz darauf erzielte Santiago Ascacibar mit einem Distanzschuss die Führung. "Wir hatten das Spiel im Griff", schlussfolgert Routinier Sami Khedira.

Doch Hertha wäre nicht Hertha, wenn dieser perfekte Start einen ruhigen Nachmittag bedeutet hätte. Nur vier Minuten nach der Führung gelang Gladbachs Alassane Plea in der 27. Minute der Ausgleich. Ein Elfmeter von Lars Stindl bescherte den Fohlen noch vor der Pause die Führung. Trotz Herthas Überzahl kombinierten sie sich leichtfüßig über das Feld. Obwohl Hertha einen Mann mehr auf dem Rasen hatte, öffneten sich für Gladbach Räume, die eine Abwehr selbst in Gleichzahl nicht herschenken darf.

Man habe die Ordnung verloren, kritisiert Sami Khedira: "Das war vogelwild." Sein Trainer schließt sich an. Aus Naivität und wegen einer "Hurra-Stimmung" nach der Führung sei der Ausgleich gefallen. "Was ist nach dem 1:0 in den Köpfen los, dass wir so die Kontrolle verlieren?" Eine Erklärung ist die fehlende Erfahrung der Mannschaft. Die Abgänge von Per Skjelbred und Vedad Ibisevic haben ein Führungsvakuum hinterlassen. Wenn es um Ruhe geht, können Spieler wie Cunha oder Matteo Guendouzi diese Lücke noch nicht füllen. Auch wenn Dardai die beiden nach dem Spiel als "Führungsspieler" in die Pflicht nahm.

Erst fehlt die Stabilität, dann stellt Dardai um

An Guendouzi und seinem Nebenmann Ascacibar wird Herthas Kernproblem nach der eigenen Führung ersichtlich. Nur weil Lucas Tousart wegen seiner fünften Gelben Karte fehlte, spielten beide gemeinsam von Beginn an. In der Anfangsphase erwies sich das noch als Glücksfall, weil die agilen Balleroberer für ein hohes Angriffspressing tief in der gegnerischen Hälfte bestens geeignet sind. Mit mehreren Ballgewinne in hohen Zonen halfen sie, zu Torabschlüssen zu kommen. Nach der Führung zeigte sich ihre Schwäche: Sie sind sich defensiv als Spielertypen zu ähnlich. Beide wollen stets sofort den Ball erobern, um in die Offensivbewegung zu kommen. Vorwerfen kann man das weder Ascacibar noch Guendouzi.

Trotzdem fehlt beiden die Ruhe und die Übersicht, um eine Mannschaft zu stabilisieren. Vor dem Ausgleich durch Plea ist es einfach Maxi Mittelstädt vorzuwerfen, dass er den Pass auf den startenden Gladbacher nicht abfangen konnte. Doch der Fehler begann im Mittelfeld, als Guendouzi und Ascacibar auf demselben Fleck standen, einen entscheidenden Zweikampf verloren und ihre Verteidiger hinter sich ohne Absicherung im Stich ließen. Auch vor dem Elfmeter zum 0:2 kombinierten sich die Gladbacher durch das luftige defensive Mittelfeld. Mit der Reife des gesperrten Tousart wäre das wohl nicht passiert.

Weil Trainer Dardai zur Pause drei Wechsel vornahm, gelang es seiner Mannschaft, die Kontrolle zurückzugewinnen. Der Gladbacher Christoph Kramer erinnert sich: "Wir mussten wegen der roten Karte tiefer stehen." Weil es Hertha in der ersten Halbzeit trotzdem nicht gelungen war, sich in der Hälfte der Gäste festzusetzen, tauschte Dardai Mittelstädt, Deyovaisio Zeefuik und Dodi Lukebakio gegen Nemanja Radonjic, Marvin Plattenhardt und Krysztof Piatek. Das 3-4-1-2-System wurde so zu einem 4-4-2 mit Viererkette, klassischen Flügelangreifern und Mittelstürmern. Mehr Flanken in einen besser besetzten Strafraum sollten Gladbach unter Druck setzen.

Ein guter Plan, wie sich bereits vier Minuten nach Wiederanpfiff zeigte. Nach einer flachen Hereingabe von Cunha erzielte Cordoba mit einem langen Bein am ersten Pfosten den Ausgleich. Mit dem Tor krönte der Kolumbianer eine herausragende Leistung. Neben 57 gewonnenen Zweikämpfen, sorgte sein Sprint für Sommers Platzverweis. Immer wieder mussten sich zwei Innenverteidiger der Gäste auf Cordoba konzentrieren. Vor der 1:0-Führung machte er so Platz für Ascacibar, der die Ablage des bulligen Stürmers mit seinem Schuss zur Führung verwertete. Nach seinem Ausgleich rannte Hertha 41 Minuten gegen die immer defensiveren Gladbacher an. Für den Sieg langte es trotz zahlreicher Chancen nicht. Pal Dardai: "Eigentlich müssen 24 Schüsse reichen."

Gegen Mainz muss Hertha gewinnen

Bleibt die Frage, was Dardai und seine Spieler mit dem Unentschieden anfangen können. Man müsse zufrieden sein, sagt der Trainer: "Jeder Punkt hilft." Sami Khedira schätzt das Spiel etwas anders ein. Zwar habe man Ordnung und Stabilität wiedergefunden, am Ende sei die Punkteteilung aber zu wenig. Khedira bleibt trotzdem positiv: "Wir müssen als Mannschaft agieren und die Ruhe bewahren." Denn als Team sei man gut genug, um die Klasse zu halten. Gegen den direkten Konkurrenten aus Mainz sollte man sich einen zwischenzeitlichen Leistungsabfall wie am Samstag sparen. Wie die nächste Woche wird? Darauf kann Dardai angesichts der wechselhaften Leistungen keine Antwort geben: "Ich kann viel reden und Märchen erzählen, aber wir werden es im Spiel sehen." Zumindest Tousart und Vladimir Darida könnten nach ihren Sperren dann wieder helfen, die Zentrale zu stabilisieren.

Sendung: rbb24, 10.04.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Dann gehört also u.a. auch der VFB Stuttgart in die 2. Liga?! (Verweis auf das 0:4 in Überzahl in München)

    Sie haben sehr viel Ahnung von Fußball!!! Ironie aus!

  2. 2.

    Unentschieden, weil der Kölner Keller schon früh Feierabend machte....
    Hertha zittert dich am Saisonende zum Klassenerhalt... aber nur weil andere noch schlechter sind!

  3. 1.

    77 Minuten in Überzahl und trotzdem nicht gesiegt? Das reicht für die 2.Liga.

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