Joachim Streich am Ball (Quelle: imago images/WEREK)
Audio: Inforadio | 13.04.2021 | Jens Lampe | Bild: imago images/WEREK

Interview | DDR-Fußballidol Joachim Streich wird 70 - "Ein Wechsel zum BFC Dynamo wäre nicht in Frage gekommen"

Was Gerd Müller im Westen war, war er im DDR-Fußball: Am Dienstag feiert Joachim Streich seinen 70. Geburtstag. Im Interview spricht der Oberliga-Rekordtorschütze über verbotene Wechsel, den BFC Dynamo und ein Spiel gegen Diego Maradona.

rbb: Herr Streich, herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag. Ich vermute mal, dass die Geburtstagsparty nicht ganz so üppig ausfällt?

Joachim Streich: Nein, aber wir hatten sowieso nicht geplant, eine große Geburtstagsfeier durchzuführen, sondern wollten eigentlich an die Ostsee fahren. Aufgrund der Pandemie ist das ja aber leider momentan nicht möglich.

Also sind Sie zu Hause in Magdeburg, wo Sie viele Erfolge gefeiert haben. Sie waren der Schrecken aller Torhüter und dank Ihrer vielen Treffer ein Fußball-Idol in Deutschland. Es hieß immer, Sie seien schlitzohrig und raffiniert im Abschluss und hätten ein Gespür selbst für die kleinste Chance. Heißt das, ein schüchterner Mensch wird eher kein guter Stürmer?

Das kann man nicht sagen, aber wenn man versucht, Tore zu erzielen, sollte man schon von sich und seinen Qualitäten überzeugt sein. Das gibt einem die innere Ruhe und das Selbstvertrauen, die Chance zu nutzen. Wenn ich vom Typ her jemand bin, der schon im Vorfeld zweifelt, ist die Chance, ein Tor zu erzielen, weitaus geringer.

Sie haben Ihre ersten Chancen bei Hansa Rostock genutzt und sind dann 1975 nach Magdeburg gewechselt. Konnte man sich als Spieler damals aussuchen, in welchen Klub man kam, oder wurde das angewiesen?

Als ich in Wismar gespielt habe, war Hansa Rostock das nächste Ziel. Weil das der Verein im Norden war. Wie es sich dann so entwickelt hat und ich mich auch als Spieler entwickelt habe, war mein Anspruch etwas höher geworden. Ich war Nationalspieler, und wir sind 1975 leider abgestiegen. Also wollte ich zu einer Spitzenmannschaft der Oberliga wechseln. Mein Wunsch war, zum FC Carl Zeiss Jena zu wechseln, aber das wurde letztlich durch den Fußballverband verboten. Die haben gesagt: Magdeburg oder Rostock. Da war für mich klar, ich wechsle nach Magdeburg, denn in der 2. Liga wären meine Chancen, in der Nationalmannschaft zu spielen, weitaus geringer gewesen.

Als Sie nach Magdeburg gewechselt sind, war eigentlich klar, dass Sie nicht den Titel holen würden, denn der wurde im Prinzip immer zwischen dem BFC aus Berlin und Dynamo Dresden ausgemacht. Wären Sie denn auch gern zum BFC gegangen?

Diese Frage stellte sich für mich überhaupt nicht. Einerseits waren die Ansprechpartner für mich letztlich nur Jena und meine – ich sage mal – Delegierung nach Magdeburg. Als ich in den 70er Jahren angefangen habe, spielte der BFC noch keine Rolle. Man muss im Nachhinein sagen: Der BFC hatte eine gute Mannschaft und gute Stürmer. So stellte sich für mich die Frage gar nicht. Wenn ich persönlich hätte entscheiden können, wäre das sowieso nicht in Frage gekommen.

Der BFC war von den Fans als Stasi-Klub einigermaßen verhasst. Wie war das denn zwischen den Mannschaften? Hatten Sie da auch Ihre Vorbehalte oder hat man die Spieler für ihre Leistung respektiert?

In der Liga war man Gegner, aber in der Nationalmannschaft hatten wir ein gemeinsames Ziel. Im Großen und Ganzen kam man mit den Spielern, die in der Nationalmannschaft waren, aus. Fakt ist, dass die Spieler vom BFC im Trainingslager meistens unter sich waren.

Sie galten in Ihrer aktiven Zeit als einer der besten Stürmer der Welt. Es heißt immer, was Gerd Müller im Westen war, waren Sie für den DDR-Fußball, wobei Sie im Gegensatz zu Gerd Müller auch Weitschüsse im Repertoire hatten. Da gab es schon Unterschiede zwischen ihnen.

Ich hatte die Möglichkeit, ihn auch persönlich kennenzulernen. Jeder, der die Möglichkeit hatte, Bundesliga im Fernsehen zu sehen, dem fiel der Name Gerd Müller auf. Er hatte quasi eine eingebaute Torgarantie – sicherlich auch, weil er bei Bayern München gespielt hat. Aber er hatte im Strafraum Fähigkeiten wie kein anderer. Ich bin vielleicht ein etwas anderer Typ. Ich konnte auch mal aus 20 Metern abziehen, mit rechts und mit links.

Eine andere Legende, gegen die Sie gespielt haben, war Maradona, als der noch beim FC Barcelona war.

Ja, vergessen wir das lieber. (lacht)

Wieso?

Wir hatten mit Magdeburg das Europapokalspiel gegen den FC Barcelona. Er war zu dem Zeitpunkt die schillerndste Figur, vielleicht auch der beste Fußballer. Es war schon etwas Besonderes, gegen ihn zu spielen. Aber wir haben leider mit 1:5 verloren. Das war die höchste Europapokalniederlage für mich.

Damals wie heute sind Sie ehrgeizig geblieben. Aber jetzt mit einem anderen Ball!

Mein Hobby ist seit ein paar Jahren das Golfen. Tiger Woods werde ich bestimmt nicht mehr, aber das Ziel ist auf alle Fälle, dass man wieder verstärkt spielen kann, und ich mich schrittweise verbessere, wenn sich die Lage mit der Pandemie bessert. Wenn ich etwas mache, möchte ich auch sehen, dass man vorwärtskommt. Diesen Ehrgeiz habe ich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Olaf Kosert, Antenne Brandenburg. Es handelt sich um eine gekürzte und leicht redigierte Fassung.

Sendung: rbb UM6, 13.04.2021, 18:00 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Nu ja, über die Überschrift läßt sich sicher streiten, wenn man denn will; zumal Streich damals '75 die Ansage bekam, entweder mit Rostock in der DDR Liga anzutreten oder nach Magdeburg zu wechseln, um dort weiterhin der der Oberliga spielen zu können. Als Nationalsspieler hat er sich dann verständlicherweise für den FCM entschieden.
    Er meint bzgl. eines Wechsels zum BFC aber auch: "Wenn ich persönlich hätte entscheiden können, wäre das sowieso nicht in Frage gekommen.", was er auch bis zum Ende seiner Spielerkarriere durchgezogen hat. Daher ist der Bezug auf diesem Club in der Überschrift eines rbb-Artikels m. E durchaus zulässig, Frank Ramin.

    Und ja, wenn die Nationalspieler des BFC nur unter sich blieben, wie Streich es angibt, kann man wohl davon ausgehen, dass diese keinen Kontakt zu Spielern anderer Clubs wollten.

  2. 4.

    Nachdem die Überschrift auf einer "falschen Frage" basiert und eigentlich geändert werden müsste, könnte man nach Gerd Glaudinos glasklarer Analyse die neue Überschrift folgendermaßen gestalten: Spieler des BFC Dynamo - elitär und unbeliebt. Das Klischee des fragenden Journalisten wird gesteigert durch das des fachkundigen Lesers. Was das mit dem Jubiläum von Achim Streich zu tun, versteht zwar keiner, aber der rbb hätte wieder eine genehme Schlagzeile.

  3. 3.

    Danke für das Interview mit dem Ausnahmespieler Joachim Streich, dem ich alles Gute zum Geburtstag wünsche!

    Und ja, Pete, zu dieser Zeit ging es eher um Dresden und Magdeburg; wobei der BFC dann schon ab der Saison 78/79 die von Mielke zuvor gesäten Früchte trug. Ganz interessant finde ich Streichs Aussage zum Verhalten der BFC Spieler im Trainingslager der Nationalmannschaft. Diese blieben unter sich, da sie, wie ich vermute, sich wohl als 'elitär' als auch als 'unbeliebt' betrachteten.

  4. 2.

    Die BFC-Meister-Ära kam erst später - um jetzt mal genau zu sein. :-)
    1975 war Magdeburg gerade zum dritten Mal Meister geworden, und die Sachen wurden eigentlich zwischen Magdeburg (Europapokalsieger 1974) und Dresden ausgemacht.
    Wobei Magdeburg dann aber nur noch zwei Pokalsiege schaffte... :-)

  5. 1.

    danke, danke, danke für dieses Interview. Ich bin im Bezirk Magdeburg geboren und aufgewachsen. Er war so ein wichtiges Vorbild im Leben meines Bruders und meines Vaters (beide Fußballer).

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