Die Spieler von Hertha BSC bilden einen Kreis (Quelle: imago images/Bernd König)
Audio: Inforadio | 25.04.2021 | Interview mit Dr. Rene Paasch | Bild: imago images/Bernd König

Interview | Sportpsychologe über Hertha - "Wenn man die Quarantäne für sich als Team nutzt, kann da etwas Großartiges wachsen"

Hertha BSC ist bisher der einzige Fußball-Bundesligist, der geschlossen in Quarantäne musste - und das mitten im Abstiegskampf. Sportpsychologe Rene Paasch erklärt im Interview, wie man damit umgehen sollte und welche Chancen sich bieten können.

rbb: Hertha BSC ist komplett raus aus dem normalen Trainings- und Spielrhythmus: Was macht so eine Situation mit einem Mannschaftsgebilde?

Rene Paasch: Es ist natürlich eine außergewöhnliche Situation für alle Beteiligten, ganz besonders, wenn die vorhandenen Strukturen verlorengehen. Da ist die Sorge, was das vielleicht mit dem Team macht, vor allem für die, die im Moment infiziert sind: Infizieren sie auch die anderen Kollegen und wie gehen sie körperlich damit um? Dazu kommt natürlich noch die Situation, dass man sich im Abstiegskampf befindet, nicht spielen kann und auch nicht weiß, wie die Zukunft aussehen könnte.

Wie sollte die Vereinsführung - nach innen und nach außen - auf eine solche Krisensituation reagieren? Was gibt es da zu bedenken?

Nach innen ist es ganz wichtig, jeden einzelnen zu stärken und ernst zu nehmen. Besonders auch vorhandene Konflikte aufzugreifen und sie aufzuarbeiten, zusammenzurücken, viel zu kommunizieren. Aber natürlich auch Kontakt zur Familie zu halten. Also alle Faktoren, die uns zu Menschen machen, brauchen die Spieler ganz genauso. Aber in solchen Momenten können auch ganz viele Dinge intern stattfinden. Das heißt, man setzt sich wieder kleine Ziele, rückt zusammen, macht Teamspiele und hält den Humor vor. Ich glaube, es ist jetzt wichtig, ganz eng zusammenzurücken. Nach außen muss man sich deutlich und stark zeigen, sich hinter die Mannschaft stellen und eine klare Linie vorgeben.

Für die 14-tägige Quarantäne hat der Verein den Spielern Laufbänder und Fitness-Geräte fürs Training nach Hause geliefert. Fußballspezifisch kann aber eigentlich gar nicht trainiert werden. Worauf kommt es jetzt an?

Natürlich darauf, an dem festzuhalten, was man hatte. Immer wieder versuchen, auch gegen den Ball zu treten, soweit es möglich ist. Aber auch jetzt kann man mental sehr viel arbeiten. Das ersetzt zwar nicht das praktische Training, schafft aber sehr wohl Sicherheit und Bekanntes, gerade auf der Kopfebene. Durch die Digitalisierung kann man heute einiges machen und diese Mittel sollte man auch ganz bewusst nutzen.

Hertha hat das gemeinsame, virtuelle Mannschafts-Training vor dem Bildschirm zusammen mit dem Fitness-Coach auch in die Öffentlichkeit getragen. Sie haben es schon angesprochen: Das ist nicht nur mit Risiken verbunden, sondern bietet auch Chancen. In so einer Krisensituation zusammenzuwachsen, ist vermutlich eine große Chance für Hertha.

Absolut, und das sollte man auch für sich erkennen. Und die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und nach vorne schauen, um zu sehen, was möglich ist, Ressourcen zu aktivieren, Stärken herauszukristallisieren. Also alles, was die Mannschaft und das Umfeld um Hertha wirklich auch besonders macht. Wenn man das lebt, hat man eine große Chance, auch die restlichen Spiele richtig gut zu überstehen.

Hertha steckt in der besonderen Situation, dass sie zusehen mussten, wie die gesamte Konkurrenz um den Klassenerhalt punktet. Die Aufholjagd startet am Montag in einer Woche dann von einem direkten Abstiegsplatz. Wie geht man damit um?

Erstmal ist es wichtig, gar nicht auf die Tabelle zu schauen und darauf, was die anderen machen. Viel wichtiger ist es zu gucken, was Hertha leisten kann und worauf sie sich konzentrieren können. Eine Grundvoraussetzung, um die Sicherheit zu gewinnen, ist von Spiel zu Spiel zu denken. Alles andere führt nur zur Verunsicherung.

Hertha hat einen etwas anderen Weg gewählt. Arne Friedrich hat gesagt, wir kommunizieren das offen. Im schlimmsten Fall könnte man von ganz unten starten. Das sollten die Spieler wissen. Das empfinden Sie als schwierig?

Man kann da nicht grundsätzlich für alle Spieler sprechen. Ich spreche für die jungen Spieler oder die, die momentan Ängste aufbauen. Man kann das nicht generalisieren. Aber wenn man das tut, muss man auch in die Einzelgespräche gehen, um zu schauen, wie es dem Einzelnen geht und wie er damit umgeht. Grundsätzlich kann man jetzt noch nicht sagen, ob es der richtige Weg ist. Aber ich würde es nicht so aufleben, sondern andere Faktoren vordergründig sehen. Nämlich was können wir heute tun, damit es morgen besser funktioniert.

Für Hertha stehen dann sechs Spiele in 20 Tagen an, die ersten fünf jeweils im Drei-Tage-Rhythmus. Wie hoch ist die Verletzungsgefahr nach einer solchen Quarantäne und wie kann man dem vorbeugen?

Ich hoffe, dass sie viele Karten ausgespielt haben. Das heißt: ein gutes Fitnesstraining, gute Belastungssteuerung. Die Ernährung sollte optimiert werden, aber ich denke, dafür sind die entsprechenden Fachleute da. Sie sollten reichlich Schlaf haben, aber sich auch mental darauf vorbereiten, dass es eine hohe Belastung für alle ist. Und nicht nur für die, die auf dem Platz stehen, sondern auch die, die auf der Bank sitzen. Das heißt, sie müssen ganz eng zusammenrücken und vielleicht auch mit außergewöhnlichen Situationen rechnen.

In der 2. und 3. Liga waren einzelne Klubs in Quarantäne. Zweitligist Holstein Kiel ist mit einem Sieg aus der Quarantäne zurückgekommen. In der 3. Liga hat Dresden eine klare Heimpleite kassiert. Kann das Zufall sein oder lassen die Ergebnisse Rückschlüsse zu?

Ich denke, es ist beides, aber man kann vieles gut vorbereiten. Wenn man die Quarantäne für sich als Team nutzt, kann da etwas Großartiges wachsen. Aber wenn man denkt, dass man einfach so zurückkommt, stelle ich es mir sehr schwierig vor. Man muss das Gewinnen auch wirklich vorbereiten, nicht nur körperlich, sondern auch mental.

Zum Schluss noch die Frage: Wie beurteilen Sie jetzt die Situation von Hertha BSC? Sie haben drei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und noch drei Spiele weniger. Sollte man mit diesen Möglichkeiten, dass man noch drei Spiele hat, spielen?

Grundsätzlich sollte man nach jeder Möglichkeit schauen, die man bekommt. Das heißt, das erste Spiel so gut wie möglich zu spielen und auch zu punkten, damit das Selbstvertrauen wächst. Wenn sie gewinnen, bin ich sicher, dass sie auch in der nächsten Zeit punkten werden, um dann auch den Klassenerhalt zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lars Becker, rbb Sport. Es handelt sich um eine leicht redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs. Das komplette Interview können Sie mit einem Klick ins Titelbild anhören.

Sendung: Inforadio, 25.04.2021, 14:15 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    WENN und KANN .... Fußball spielen und Punkte sammeln, keine Doktorarbeit schreiben !!!

  2. 3.

    Liebe Herthaner, vielleicht entsteht ja in der Quarantäne ein Big City Club. Gewinnt das Spiel gegen Mainz, das wird schwer genug. Die sind nämlich richtig gut drauf.

  3. 2.

    Wenn man nichts zu sagen hat einfach mal die Klappe halten. Hohler Kommentar.

  4. 1.

    Was soll in Quarantäne großartiges wachsen? Ein blau-weisses Furunkel?!?

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