Interview | Olympia-Bewerbung für Tel Aviv und Berlin - "Eine Idee, die nach vorne blickt"

Archivbild: Richard Meng, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft Berlin. (Quelle: dßa/P. Zinken)
Audio: Inforadio | 07.04.2021 | Thomas Hollmann | Bild: dpa/P. Zinken

Sie wären ein Großereignis mit historischer Bedeutung: Olympische Spiele 2036 in Tel Aviv und Berlin – 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von 1936. Warum diese Idee zukunftsträchtig für Berlin sein könnte, erklärt DOG-Präsident Richard Meng im rbb|24-Interview.

Berlin und Tel Aviv sollen gemeinsam die Olympischen Spiele 2036 austragen. Das haben Richard Meng, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) Berlin, und Frank Kowalski, Geschäftsführer und Organisationschef der Leichtathletik-EM Berlin 2018, vergangenen Samstag in einem Gastbeitrag für die Berliner Morgenpost vorgeschlagen.

Rückendeckung bekamen sie vom Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD), der den Symbolcharakter eines solchen Turniers 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von 1936 positiv bewertete. Doch sämtliche Bewerbungen für Olympische Spiele in Deutschland sind in den vergangenen Jahrzehnten krachend gescheitert. Warum das mit dieser Bewerbung anders laufen könnte, darüber hat DOG-Präsident Richard Meng im rbb|24-Interview gesprochen.

rbb|24: Richard Meng, wie sind Sie auf die Idee für eine gemeinsame Bewerbung von Tel Aviv und Berlin gekommen?

Richard Meng: 2036 ist für Deutschland ein schwieriges Datum, vor allem für Berlin. 100 Jahre nach den Nazi-Spielen – kann man sich da überhaupt bewerben? Bekommt man die Befangenheit weg, die dieses Datum mit sich bringt? Es muss also ein Signal für die Zukunft sein. Unsere Idee war deshalb, diese Verbindung zwischen den Nachkommen der Opfer und den Nachkommen der Täter herzustellen – so banal das klingt. Es geht darum, eine Gemeinsamkeit zu zeigen und die Verantwortung gegen Rassismus und gegen Gewalt zu verdeutlichen. Eine gemeinsame Bewerbung könnte das ausdrücken.

Wie müsste Deutschland mit dieser historischen Verantwortung umgehen?

Das geht nur, indem man sich offensiv mit dem Datum 1936 auseinandersetzt. Natürlich würde man sich erinnern müssen an das, was in brutaler Weise an Instrumentalisierung und Missbrauch der Olympischen Ideale passiert ist. Für mich ist es aber vor allem eine Idee, die nach vorne blickt und ein Signal für die Zukunft sein soll. Nur dann macht es Sinn. Es sollen keine Erinnerungsspiele werden, sondern ein Zeichen, wie wir uns eine friedliche und verständnisvolle Welt vorstellen. Ich finde, das fehlt bei Olympia häufig, dass da eine größere Idee hinter so einem Sportfest sichtbar wird.

Wäre die historische Vorbelastung förderlich oder hinderlich bei einer Bewerbung?

Das wissen wir nicht. Der Weltsport muss sich entscheiden, was er für 2036 will. Ich finde aber, aus Berliner Sicht darf man gar nicht über eine Bewerbung nachdenken, ohne diesen historischen Bezug herzustellen. Aber das geht nur, indem man die Leute neu fasziniert und klar macht, dass man von dieser Zeit ganz weit weg ist und dort nie wieder hinmöchte.

Sie sagen, Berlin müsse sich mehr trauen im Bezug auf eine Olympia-Bewerbung. Wie meinen Sie das?

Man braucht eine attraktive Idee, daran ist Deutschland bei vergangenen Kandidaturen so oft gescheitert. Und das ist eine Idee, die über Berlin hinausstrahlt. Vielleicht ist es eine Hilfe, mit einer großen Idee über solche Hürden hinweg zu kommen.

… eine Idee, die die Berlinerinnen und Berliner nach der fehlenden Unterstützung für die letzten Bewerbung umstimmen könnte?

Ja. Es wäre diesmal nicht der Ansatz, nur zu überlegen, ob wir uns als Berlin selbst genug sind und auf der ganzen Weltbühne so toll wahrgenommen werden, wie wir uns selbst sehen. Es ist auch ein bisschen zu klein gedacht, darüber zu diskutieren, ob wir das Geld lieber in Schultoiletten statt in Sportanlagen stecken. Sondern lasst uns die Zeit bis zur Bewerbung für die Spiele nutzen, um zu überlegen, welche Ideen der Stadt in der Zukunft guttun.

Sollte Tel Aviv nicht mitziehen, wäre auch eine alleinige Berliner Bewerbung denkbar?

Das wäre ja erst der zweite Schritt. Die Reaktionen auf unseren Vorschlag sind zunächst mal positiv und wir hoffen, dass daraus eine Diskussion entsteht. Vielleicht hilft es dabei, diese Blockade und den Widerstand, wenn es um Olympia geht, zu lösen. Wenn Tel Aviv nicht bereit wäre mitzumachen, trägt die Idee natürlich nicht mehr. Dann müsste man neu überlegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Lars Becker aus der Sportredaktion. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung.

Sendung: Inforadio, 07.04.2021, 15:15 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Berlin soll gemeinsame Sache mit einem Land machen, das die Menschenrechte der Palästinenser missachtet und Gebiete für den Siedlungsbau einfach anektiert??? Ein klares Nein unter diesen Bedingungen für Olympia. Auch weil Politik und Sport vermischt werden.

  2. 15.

    Der Bund sollte aufhören, bei Berlin geizig zu sein und etwa bei Bayern, insbesondere München, spendabel. Ist nun Berlin die Bundeshauptstadt oder nicht? Die Kosten können nicht dem armen Land Berlin aufgebürdet werden, dessen Konzerne wie Siemens, Allianz, Knorr-Bremse, Deutsche Bank usw. seit um 1950 ihre Steuern nicht mehr in Berlin zahlen, sondern in München und Frankfurt am Main usw., wohin diese Berliner Pflanzen teilungsbedingt gezwungen wurden. Olympische Spiele in Berlin sollten eine Aufgabe für das ganze Land sein. Für 2036 braucht es Mut. Den sollten wir in Berlin und dem gesamten Land, dessen Hauptstadt Berlin darstellt, aufbringen. Zusammen mit Tel Aviv und Israel.

  3. 14.

    Der Bund sollte aufhören, bei Berlin geizig zu sein und etwa bei Bayern, insbesondere München, spendabel. Ist nun Berlin die Bundeshauptstadt oder nicht? Die Kosten können nicht dem armen Land Berlin aufgebürdet werden, dessen Konzerne wie Siemens, Allianz, Knorr-Bremse, Deutsche Bank usw. seit um 1950 ihre Steuern nicht mehr in Berlin zahlen, sondern in München und Frankfurt am Main usw., wohin diese Berliner Pflanzen teilungsbedingt gezwungen wurden. Olympische Spiele in Berlin sollten eine Aufgabe für das ganze Land sein. Für 2036 braucht es Mut. Den sollten wir in Berlin und dem gesamten Land, dessen Hauptstadt Berlin darstellt, aufbringen. Zusammen mit Tel Aviv und Israel.

  4. 11.

    Nolympia in Berlin!

  5. 10.

    Die Olympischen Spiele stehen für Korruption, Doping, für einen psychopathischen Höher-Schneller-Weiter-Wahn. Sie sollten ersatzlos abgeschafft werden.

  6. 9.

    Olympische Spiele würden die Stadt voranbringen, so wie sie etwa Barcelona voranbrachten. Olympische Spiele sollten nicht immer wieder nur in London, Paris und LA stattfinden, sondern auch endlich mal wieder hier, bei uns. Und erstmals in Tel Aviv. Es wird Zeit.

  7. 7.

    Berlin will keine Olympischen Spiele!

  8. 6.

    Ich teile insgesamt Ihre Auffassung. Die Olympischen Spiele sind sowohl finanziell als auch organisatorisch vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Es gäbe kein sinnfälligeres Beispiel für Korruption als das besagte IOC. Berlin war für die Bewerbung 2024 zu gewagt, weil die Bevölkerung zu sehr gespalten war, Hamburg schien da schon eindeutiger. Und doch hat es nicht gereicht.

    Die Nolympia-Kampagne war ausgesprochen erfolgreich. Dies auch deshalb, weil der seinerzeitige Innenminister, der auch für den Leistungssport zuständig war, den einschlägigen Medaillenertrag als Rücklauf für die vorgeschossene Finanzierung durch den Bund quasi zur Bedingung machte. Das aber weiß kein Mensch.

    Das erscheint den Menschen zu spekulativ. Immer noch und auch zukünftig. Das Völkerverbindende ist faktisch eine Illusion, soweit es sich auf den Leistungssport konzentriert.

  9. 5.

    Auch solche Großkopferten sollten sich mal ehrlich fragen, warum die letzten Anläufe für Olympiabewerbungen aus Deutschland allesamt gescheitert sind. Die Menschen wollen mehrheitlich keine Steuergelder für eine korrupte IOC-Bande verschwenden lassen. Und daran ändert auch die Beschwörung von vermeintlich symbolträchtigen Jahreszahlen nichts - siehe 2000. Und dann noch Städte mit hineinziehen, die davon nichts ahnen. Warum auch nicht gleich Jerusalem? Mehr abstruse Symbolik geht nicht!

  10. 4.

    Olympische Spiele ja, aber nur ohne IOC.

  11. 3.

    Berlin bekommt kein Stadion gebacken für DFB Ansprüche der 3. Liga, träumt aber schon wieder von Olympia.
    Kommerz hoch 10, Sponsoren hofieren, das wird nichts!
    Olympia in Berlin ist mit der Bewerbung für 2000, gescheitert!
    No Olympia, pro Breitensport!
    Kein Geld für den IOC!

  12. 2.

    In welcher Realität lebt der DOG-Präsident? Liest es manchmal die Zeitung? Wer soll das bezahlen?

    Berlin ist eine hochverschuldete Stadt, in der nicht einmal Geld für marode Schulen, fehlende Lehrer und zur Beseitigung des allgegenwärtigen Deckers bereitgestellt werden kann. 2036 wird die zusätzliche Verschuldung durch die Corona-Krise noch lange nicht getilgt sein.

    Die marode S-Bahn wird bis 2036 nicht erheblich zuverlässiger funktionieren als derzeit. Die Mieten sind jetzt schon sehr hoch. Sie würden noch mehr steigen. Das merkt ein DOG-Präsident natürlich alles nicht. Aber ein DOG-Präsident sollte zumindest mitbekommen haben, dass hiesige Politiker noch nicht einmal eine Empfangshalle für einen Flughafens wie geplant zeitlich und finanziell errichten lassen können?

    Ich als Steuerzahler hoffe, dass wir Berliner von einer derart teuren Großveranstaltung verschont bleiben, bei der vor allem das Olympische Komitee großzügig absahnt.

  13. 1.

    Gute Idee! Würde ich befürworten.
    Vielleicht auch mal ein Anreiz für Berlin sich rauszuputzen und dass die Stadt mal eine Grundreinigung bekommt und eine dauerhafte Entmüllung erfährt.
    So wie es hier zur Zeit teilweise aussieht, schäme ich mich jedes Mal, wenn Besuch kommt.

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