Der Deutschlandachter bei der EM (Quelle: imago images/Laci Perenyi)
Video: rbb UM6 | 14.04.2021 | Jonas Schützeberg | Bild: imago images/Laci Perenyi

Rudern | Deutschlandachter - Das Ende der deutschen Ruder-Dominanz?

Der Deutschlandachter mit zwei Berlinern an Bord war lange Zeit ein Medaillengarant. Doch vor Olympia in Tokio ist alles anders. Der erste Saison-Härtetest bei der Corona-EM in Varese legte erhebliche Probleme offen. Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Es wird nicht viel geredet in den Minuten danach. Jeder scheint in seiner ganz eigenen Welt zu sein. Im italienischen Wald von Varese versammelt sich die Crew des Deutschlandachters um den Berliner Steuermann Martin Sauer am Team-Zelt - mit hängenden Köpfen und leeren Gesichtsausdrücken. Die wenigen Worte, die gesprochen werden, ähneln sich allesamt.

"Irgendwie sind wir auf den letzten Metern auseinandergefallen", analysiert ein sichtlich mitgenommener Johannes Weißenfeld. "Die Konkurrenz ist uns dann eiskalt um die Ohren gefahren", ergänzt der 26-Jährige.

"Dann kriegst du halt hier den Arsch voll"

Das 2.000-Meter-Finale bei der Europameisterschaft und dessen Verlauf hat die Mannschaft hart getroffen: Platz vier, ein Horror-Start in diese olympische Saison. "Das war einfach beschissen", platzt es aus Steuermann Martin Sauer vom Berliner Ruder-Club heraus. Es ist das erste Mal seit 2008, dass das deutsche Vorzeigeboot bei einem Großereignis keine Medaille holt.

"Das war kein Unwille heute. Viel mehr werden wir langsam von der Realität, die wir uns in den letzten drei bis vier Jahren geschaffen haben, eingeholt", redet sich Sauer in Rage. Der 38-Jährige steuert den Deutschlandachter seit 2009. "Die Vorbereitung auf dieses Ereignis war, ehrlich gesagt, eine ziemlich amateurhafte Veranstaltung. Dann kriegst du halt hier den Arsch voll." Sauer kritisiert das Training und die Planung, mit der der Verband in diese Europameisterschaft gegangen war. Die scheinbar Unschlagbaren, die seit dem Finale von Rio 2016 über die Olympische Distanz kein Rennen mehr verloren hatten, sind für die Konkurrenz wieder greifbar.

Von Hygienekonzepten und Corona-Blasen

Rückblende, zwei Tage zuvor.

Sein Ruder-Einteiler über dem Stuhl, bedruckt mit schwarz-rot-goldener-Flagge. Bundespolizist Olaf Roggensack vom Ruder-Club Tegel liegt auf dem Bett und tippt am Laptop. Währenddessen filmt Hannes Ocik mit seinem Handy für die Sportschau. Die Athleten liefern Eindrücke aus dem EM-Alltag, denn Journalisten dürfen ihr Hotel nicht betreten. In Doppelzimmern verbringt die Nationalmannschaft die Nächte, direkt neben der Trabrennbahn von Varese.

Es gibt ein strenges Hygienekonzept mit geregelten Essenszeiten, denn neben den Deutschen wohnen Athletinnen und Athleten aus acht Nationen hier. Dass überall eine Maske getragen werden muss, wird gar nicht mehr hinterfragt. "Ich finde die ganze Situation immer noch erschreckend", sagt Ocik. "Aber auf der anderen Seite genießen wir das Privileg, wieder Wettkämpfe zu haben. Es ist unfassbar wichtig, 18 Monate lang haben wir nur trainiert. Wir wollen wieder Gegner neben uns spüren."

Hochsicherheitstrakt Regattastrecke

In Kleinbussen fahren die deutschen Ruderer zur Regattastrecke. Mehr als 30 Fahrzeuge haben sie, denn pro Bus dürfen nur fünf Personen mitfahren. Alles ein Teil des Hygienekonzeptes. Es wirkt fast wie inszeniert, dass direkt neben dem Bootsplatz an der Regattastrecke ein italienisches Impfzentrum liegt. So wie sich die Boote entlang der Stege in Stellagen stapeln, reihen sich auch die Patienten in Schlangen vor den Impfzelten im Flecktarnmuster. 35 Nationen sind bei dieser EM am Start, insgesamt sind das mehr als 600 Sportler, aufgeteilt auf 236 Boote.

Wer den Regattaplatz betreten will, dem wird die Pistole auf die Stirn gesetzt - zum Fiebermessen, mit einem Infrarot-Thermometer. Knapp 500 Coronatests werden durchgeführt, keiner davon ist positiv. Zuschauer gibt es keine, neben den Sportlern und Trainern sind lediglich Helfer und Pressevertreter auf der Anlage zu finden.

Eine Medaille ist nicht mehr selbstverständlich

Dass diese EM nicht nach Wunsch der Deutschen laufen würde, hatte sich schon beim misslungenen Bahnverteilungsrennen zum Auftakt angedeutet. Doch am Sonntag läuft dann zunächst alles nach Plan: Der Deutschland-Achter dominiert auf den ersten 1.000 Metern.

Das aber kostet viel Kraft - zu viel. "Wenn man anderthalb Jahre quasi keine Rennen fährt und dann gleich zu einer EM kommt, ist das nicht ganz ohne", gibt Schlagmann Hannes Ocik zu.

Nach der deutlichen Führung, verpassen sie letztendlich sogar das Podest. Dass der Deutschlandachter immer eine Medaille mit nach Hause bringt, galt vor der EM fast schon wie selbstverständlich. Doch nicht bei dieser EM.

"Die Dominanz der 90er Jahre ist vorbei"

Am Ende bleiben für den deutschen Ruder-Verband drei Medaillen aus 14 olympischen Bootsklassen, ein ernüchterndes Ergebnis, verglichen mit den medaillenreichen Zeiten vergangener Tage. "Die Dominanz aus den 90er Jahren, aus der Wiedervereinigungszeit, ist vorbei. Andere Nationen arbeiten seitdem viel professioneller. Diese Vormachtstellung werden wir auf absehbare Zeit nicht mehr erreichen", erklärt Chef-Bundestrainer Ralf Holtmeyer.

Eine Medaille aus regionaler Sicht gewinnt der Frauen-Doppelvierer. Die Athletinnen kommen ursprünglich aus ganz Deutschland, sind aber mittlerweile größtenteils nach Berlin an den Bundesstützpunkt am Hohenzollernkanal gezogen. "Ich glaube die Corona-Pause hat uns gutgetan, wir sind einen Schritt weitergekommen und haben uns physisch stark verbessert. Die Zeit hat uns geholfen, um als Vierer besser zusammen zu kommen", beschreibt Carlotta Nwajide die Situation.

Die Weltspitze ist dichter zusammengerückt, vielleicht auch wegen der Corona-Pandemie, die vielen Nationen mehr Zeit gegeben hat. Großbritannien scheint das genutzt zu haben. Die Ruder-Großmacht dominiert das Großereignis. "Auf vier Medaillen hatte ich gehofft, drei davon haben wir gewonnen. Das ist nicht erschreckend schlecht, aber wir haben schon in einigen Bootsklassen einen Dämpfer bekommen", lautet Bundestrainer Holtmeyers Fazit.

Gut drei Monate Zeit bleiben bis Olympia

"Ich glaube, wir im deutschen Ruderverband unterliegen Träumereien, was die anderen können. Die können nämlich richtig was", analysiert Steuermann Martin Sauer die Konkurrenz. "Das wäre totaler Quatsch zu erzählen, dass das hier gut aussieht. Wir haben große Probleme und es ist auch wenig Hilfe in Aussicht", sagt Sauer. "Wir müssen uns etwas ausdenken."

Schon in drei Wochen geht es für den Deutschlandachter zum Weltcup nach Zagreb. Eine Chance zur Wiedergutmachung.

Es scheint, der deutsche Ruder-Verband hat in einigen Bootsklassen die Entwicklung verschlafen. Noch aber bleiben mehr als drei Monate, um die Topform von früher zu erreichen. Denn erst wenn im Juli die Medaillen aus Gold, Silber und Bronze in Tokio verteilt werden, wird sich zeigen, auf welchem Weg sich der deutsche Ruder-Verband befindet.

Sendung: rbb UM6, 11.04.2021, 18 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

3 Kommentare

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  1. 3.

    Wie wäre es denn damit, zur Motivation die Galeerenszenen aus "Ben Hur" nachzuspielen?

  2. 1.

    Das ist doch nicht nur in Rudern so, daß die deutsche Dominanz in vielen Sportarten schwindet! Auch in Eisschnelllaufen oder im Biathlon ist das so! Auch da hat man die Entwicklung verschlafen! Sind nur zwei Beispiele! Könnte noch mehr nennen, wo das der Fall ist! In anderen Ländern wird mehr für den Sport getan! Dann braucht man auch nicht zu wundern, daß andere Länder uns schon längst eingeholt haben! Und die Pandemie wird der deutsche Sport noch weiter zurückfallen! Davon gehe ich aus! Woher soll denn der Nachwuchs kommen? Ist doch alles zu! Keine rosigen Zeiten für den deutschen Sport! Traurig aber Wahr!

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