Prof. Dr. Ingo Froböse (imago images/Christoph Hardt)
Audio: Inforadio | 23.04.2021 | Interview mit Ingo Froböse | Bild: imago images/Christoph Hardt

Interview | Sportwissenschaftler Ingo Froböse - "Wir erwarten ein Defizit, weil die körperliche Stimulation fehlt"

Für Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln sind die aktuellen Sport-Verbote im Zuge der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zumindest fragwürdig. Im Interview spricht er über Langzeitfolgen und Ansteckungsgefahren.

rbb|24: Herr Froböse, mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist auch der Amateursport zum Erliegen gekommen. Sie forschen an der Deutschen Sporthochschule in Köln zu Prävention und Rehabilitation im Sport. Fangen wir bei den Kleinsten an: Was droht denen aktuell?

Ingo Froböse: Ich befürchte, dass unsere Kinder und Jugendlichen bestimmte Entwicklungsfortschritte gar nicht mehr durchlaufen können. Wir wissen, dass die Bewegung ganz wichtig ist dafür, dass sich diese Entwicklungsschritte einstellen. Wir haben Lernprozesse im Gehirn, wir haben Wachstumsprozesse vom Knochensystem, von Gelenken, Muskeln, Bändern und von Sehnen.

Aber auch Persönlichkeitsmerkmale, die in dieser Zeit entwickelt werden. Unter anderem, dass der Bewegungsvirus geweckt wird, für nachhaltiges Sporttreiben. Das ist bei den Kindern und Jugendlichen ganz entscheidend. Hormonelle Prozesse, gerade auch im Übergang zum Erwachsenendasein, sind ebenfalls sehr stark an körperliche Aktivitäten gebunden und auch hier erwarten wir gerade ein Defizit. Weil die körperliche Stimulation fehlt.

Kommt man im Alter glimpflicher davon?

Bei jungen Erwachsenen treten deutlich früher Alterserkrankungen auf. Wir wissen, dass wir gerade eine große Epidemie haben, was Diabetes betrifft. Wir haben Übergewicht. Also viele, viele Deutsche haben etwa drei bis fünf Kilo im Schnitt zugenommen. Wir haben eine deutliche Epidemie von Bluthochdruck zu erwarten und insbesondere auch Muskelschwund, der viel zu früh eintritt, weil wir zu lange Sitzzeiten haben aktuell. Bei den Erwachsenen registrieren wir zu frühe Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, weil bestimmte, körperliche Reize die Durchblutung reduzieren und dementsprechend viele Funktionen eingeschränkt sind. Bei den Älteren setzt die Pflegebedürftigkeit viel zu früh ein, weil die Muskulatur eben abgewirtschaftet wurde durch die Mobilitätseinschränkungen.

Welche Rolle spielt dabei die Politik - welche Fehler hat sie gemacht und was fordern Sie von den Verantwortlichen?

Wir haben im ersten Lockdown vieles gelernt, aber dann in der zweiten Phase nicht umgesetzt. Wir haben gerade ganz viele Menschen, die psychotraumatisiert sind. Dadurch, dass sie weggeschlossen sind, keine sozialen Kontakte mehr haben. Es hat Studien gegeben, Wissenschaftler haben viele Aussagen getroffen dazu. Die Aerosol-Forscher, die Bewegungswissenschaftler, die Psychologen, die Psychotherapeuten, all die haben ihre Forschungsaufgaben gemacht, sind aber leider nicht gehört worden. Insofern hat die Wissenschaft teilweise ihr Vertrauen in die Politik verloren und dementsprechend zweifeln wir auch viele vernünftige Entscheidungen an, die gerade auch in den letzten Tagen getroffen worden sind.

Viel diskutiert wird vor allem über die Ansteckungsgefahr bei Mannschaftssport im Freien.

Wenn man es organisiert, und das kann man in der Regel sehr gut machen, tendiert das Risiko gegen Null. Denn die Kontakte liegen maximal im unteren Sekundenbereich, da passiert in der Regel gar nichts. Dementsprechend sind die Entscheidungen gefällt worden, ohne dass eine wissenschaftlich valide Aussage getroffen wurde. Das bedeutet, dass wir dem Sport eher schaden und gerade auch dem Mannschaftssport, der hier ein schlechtes Image bekommen hat.

Sind die Folgeschäden noch aufzuhalten? Wie müssten Gegenmaßnahmen aussehen?

Knochenwachstum ist Knochenwachstum, Persönlichkeitswachstum auch. Es gibt bestimmte Lernphasen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Das heißt, wir haben auf jeden Fall bei bestimmten Generationen ein Defizit beim motorischen Lernen. Aber ich kann mir vorstellen, wenn wir wirklich ganz engagiert sind, etwa mit einer täglichen Sportstunde, dass wir das Image des Sports wieder aufpolieren, und in der Gesellschaft wieder deutlich akzeptierter auch körperliche Reize fordern und stimulieren können. Da würde ich mir wünschen, dass die Politik voranschreitet.

Sie weisen immer wieder darauf hin, dass es sich auch um eine soziale Krise handelt, bei der soziale Strukturen aufgelöst werden.

Das ist wirklich gravierend. Das Ehrenamt etwa hat dadurch gelebt, dass Menschen sich engagiert haben. Und sie engagieren sich natürlich jetzt in anderen Bereichen. Denn die Menschen sind so gestrickt, Verantwortung zu übernehmen. Die wieder zurückzugewinnen in den Sport, das ist das Erste. Zweitens gibt es viele junge Menschen, für die Sportgruppen Bindung war. Und wenn diese wegbrechen, dann bricht die ganze Sportgruppe auseinander. Dementsprechend brechen viele ehrenamtliche Strukturen weg und auch da werden die Vereine in der Zukunft natürlich sehr leiden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview ist eine leicht redigierte Fassung eines Radio-Interviews. Das Gespräch führte Lars Becker, Inforadio.

Sendung: Inforadio, 23.04.2021, 21.15 Uhr

13 Kommentare

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  1. 13.

    Ach? Mein homeoffice sah wie folgt aus: arbeiten von halb 8 bis 18:00. Rasch die Aufgaben im homeschooling checken. Essen machen, aber nur was schnelles, ab 18:30 homeschooling bis 23 Uhr. Haushalt, duschen, schlafen. Seit Beginn der Pandemie ist nicht nur mein Sportverein geschlossen bis auf 2 Monate im Sommer, nein, ich komme auch nicht dazu, alleine Sport zu machen, wie all die Leute auf Kurzarbeit null, die den ganzen Tag locker bei uns durchs Viertel cruisen...

    Und nein, nachts alleine joggen ist überhaupt nicht mein Ding!

  2. 12.

    Schade, dass hier nur von Negativbeispielen berichtet wird. In meinem Umfeld beobachte ich genau das Gegenteil: früher gestresste Mütter mit Übergewicht haben nun im Homeoffice 10 bis 20 kg abgenommen, weil sie mehr Zeit haben, für sich und die Familie gesund zu kochen und mehr Bewegung in den Alltag einbauen(Spazierengehen mit der Familie, Walken mit einer Freundin, Onlinesport). Wenn man das nach der Pandemie beibehalten könnte, wäre das sehr positiv. Die Vereine haben hier auf Onlineangebote oder Sport im Freien umgestellt. Fussball findet derzeit draussen statt( BAR hat Inzidenz unter 100). Wer das Beste aus der aktuellen Situation macht, kann nach wie vor gesund leben und findet auch Sportangebote.

  3. 11.

    Es gibt aber durchaus geliebte und gelebte Sportarten, die nicht ohne weiteres möglich sind. Nicht jeder joggt oder fährt Fahrrad. Was macht die Kanutin ohne eigenes Boot - freu - hab eins, die Kampfsportlerin ohne Partner - so'ne Dummy-Puppe ist auf Dauer auch nicht die Lösung - das Mistding wehrt sich einfach nicht, die Schwimmerin ohne Schwimmbad - und die Havel ist noch saukalt. Ok - dann tobt man halt mit dem Hund querfeldein, zerfetzt Therabänder, macht Klimmzüge am Türrahmen, Mukke an und Gymnastik bei gefühlten 90 dB - das isses aber nicht - es ist fast ein "abarbeiten" um nicht zum Couchpotato, Bewegungslegastheniker, SpongeBob zu werden. Ok - macht auch Spass - aber Sport ist was anderes.
    Ehrlich - Autofahren im Simulator macht auch nur sehr begrenzt Spass.

  4. 10.

    Vom GROßSCHREIBEN wird die Pandemie auch nicht schlimmer. Woher nehmen Sie denn Annahme, dass Fußball nicht möglich ist? Irgendwelche Beweise?

  5. 9.

    Ich (56) habe jetzt monatelang in Sportverein und Chor eingezahlt, ohne hingehen zu dürfen. Ich habe KEINE Hoffnung mehr, dass sich für Volleyball und Singen je wieder was ändert. Deswegen trete ich jetzt aus. Mein Vertrauen in die Regierung, die aus Menschen wie Helge Braun und Peter Altmaier oder Angela Merkel besteht, ist hinsichtlich medizinischem Grundlagenwissens gleich null.
    Wir desinfizieren weiter Oberflächen, müssen uns abends daheim auf der Bude anstecken, weil die Schulen bis 165 offen sind, und dürfen keine Schuhe kaufen, aber mit 200 Mann im Kaufland feiern, nachdem wir 10 Stunden mit den Kollegen auf der Arbeit waren. Aber SPORT, neee, das geht nicht!

    Wider besseren Wissens wird seit Monaten in der Sch... gequirlt, und die Fallzahlen steigen munter weiter. Weil gequirlte Sch.. trotzdem Sch.. bleibt.

    Sorry für die Deutlichkeit - aber die Wespen in Zehlendorf und der DFB spielen gerade einfach weiter!!! >_<

  6. 8.

    Man kann auch jetzt Sport treiben. Jeder ist fuer sich selbst verantwortlich. Jeder entscheidet selbst, was und wieviel er täglich isst.

  7. 7.

    Vielen Dank für diesen Text. Zu den Entwicklungsdefiziten durch mangelnde Bewegung kommen noch die durch fehlende soziale Kontakte. Die armen Kinder.
    Persönlich wäre ich wohl schon psychisch richtig krank, wenn ich nicht hunderte km Fahrrad fahren würde. Das ist seit Monaten das einzige, bei dem es mir gut geht. (Für die Fahrradanfeinder: auch bei den minus 10° und Schnee bin ich gefahren.) Die fehlende Wassergymnastik macht sich in Form von Bewegungseinschränkungen sehr bemerkbar (bin ü70)...

  8. 6.

    Klar, dass Politiker, die kaum bis nie Sport treiben, diesen auch nicht im Blick haben. Die Quintessenz - und das ist nichts Neues - ist, dass Sport neben Deutsch, Mathe und Englisch ein Hauptfach an allen deutschen Schulen sein muss, mit mindestens 5 Unterrichtsstunden je 45 Minuten die Woche. Darüber hinaus muss Sport als Leistungsfach wählbar in der gymnasialen Oberstufe sein. Das wäre mal Prävention.
    Erwachsene, die keinen Sport treiben, müssten ihre Arztrechnungen selbst bezahlen müssen. Die Krankenkassen müssten die Beiträge gestaffelt nach „(Über)Gewichtsklassen“ erheben. Schließlich funktioniert in diesem Land alles nur über den monitären Anreiz bzw. Einschnitt.

  9. 5.

    Schon an den DFB gewandt? Und den Leuten, die damit Geld verdienen? Nicht zuletzt an die Politik? Bin gespannt auf die Antworten. Hier wird einfach mit zweierlei Maß gemessen. Kommerz geht vor. Mit gesunden Kindern und Jugendlichen, die sich bewegen, ist nun mal kein Geld zu verdienen. Sie haben keine lobby. Da ist es einfacher die Spätfolgen auf die Eltern abzuwälzen.

  10. 4.

    So ist das in einer PANDEMIE, wenn das eine aber erlaubt ist, schreien andere auch nach Ihren Bedürfnissen. So kriegen wir das nie in den Griff. Fußball und andere mannschafts Sportarten sind unmöglich in dieser Situation.

  11. 3.

    Sehr gut, dass Herr Froböse zu Wort kam. Eine kurze sachliche wie ernüchternde Betrachtung der Zusammenhänge von Bewegung, körperlicher und! geistiger Entwicklung in dieser Zeit. Ich gebe zu, mir geht vieles auf den "Keks"! Aber die Vernunft, dass mit Disziplin und Ausdauer, Ziele zu erreichen sind, hilft in allen Lebenslagen, meine ich.
    Ganz schlimm finde ich, dass Kinder nicht mehr schwimmen lernen können. Weil diese wichtige Aktivität von einer Vielzahl anderer Probleme überlagert wird, wird es wohl jedes Jahr schwerer, diese Lücken zu schließen.
    Hier sollte der Berliner Senat auch ein Auge drauf haben, nicht nur auf König Fußball.

  12. 2.

    In dem Interview liegt eine tiefe Wahrheit. Die nächste Generation von Risikopatienten wird so herangezüchtet. Denn ob, oder wie lange das Allheilmittel Impfung greift,steht in den Sternen. Statt an die Ursachen, wie ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung in der Breite heran zu gehen, wird, wie seit Jahrzehnten, ausschließlich auf irgendwelche Mittelchen gesetzt. Denn wichtiger als Gesundheit ist Kommerz. Die Schäden werden dann sozialisiert.

  13. 1.

    Danke dem rbb und Hr. Froböse für das aussagekräftige Interview. Es legt sehr deutlich die zu erwartenden Probleme dar.

    Sport muss wieder überall möglich sein ... mindestens jedoch an der frischen Luft.

    Für mich und viele Andere ist Sport wichtiger als shoppen oder ein Restaurantbesuch. Die Wiedereröffnung der Sportstätten sollte mMn an oberster Stelle stehen.

    Jedoch befürchte ich, dass sich alle Sportler und Wissenschaftler die Finger wund schreiben können.

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