Philipp Boy beim Warm-Up mit Stretching-Band / IMAGO / Peter Hartenfelser
Video: rbb24 | 08.04.2021 | Jörg Klawitter | Bild: www.imago-images.de

Zehn Jahre nach Philipp Boys EM-Gold - "Rückblickend fühlt sich alles richtig an"

Vor genau zehn Jahren holte Philipp Boy die Goldmedaille im Mehrkampf bei der Turn-Europameisterschaft in Berlin. Nach enttäuschenden Olympischen Spielen 2012 in London beendete er überraschend seine Karriere - bereut hat er diese Entscheidung nie.

Der 8. April 2011 begann eigentlich gar nicht nach dem Geschmack von Philipp Boy. Die große deutsche Turnhoffnung ging als einer der Favoriten in das Mehrkampfturnier bei der Europameisterschaft in der Berliner Max-Schmeling-Halle. Doch gleich beim ersten Gerät – dem Pauschenpferd – unterliefen dem Uckermärker einige kleine, aber schwerwiegende Unsauberkeiten. Das vorläufige Ergebnis: Platz 20 von 24 Startern.

Was dann folgte, war eine Aufholjagd, wie sie der Turnsport auf so großer Bühne nur selten gesehen hat. Nach solider Vorstellung an den Ringen, verbesserte sich Philipp Boy auf Rang Zwölf. Nach einem fulminanten Doppelsalto vorwärts im Sprung lag er schon auf Platz Sieben. Nach seinem Lieblingsgerät, dem Reck, ging er erstmals auf Tuchfühlung mit den Medaillen: Rang Vier. Die finale Kür im Bodenturnen sicherte ihm schließlich EM-Gold mit einem hauchzarten Vorsprung von 0,5 Punkten auf seinen Verfolger Flavius Koczi aus Rumänien.

Europameister in seiner "Lieblingsstadt" Berlin

Genau zehn Jahre später ist Boy noch immer überwältigt von Emotionen, wenn er auf diesen 8. April zurückblickt. "Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass sich das damals ausgezahlt hat." Alles habe gepasst, sagt er, so habe er sich das immer gewünscht. In seiner "Lieblingsstadt" Berlin zu gewinnen, sei die Erfüllung eines Traums gewesen.

Neben den Glücksmomenten erinnert sich der heute 33-Jährige aber auch an die harte Arbeit auf dem Weg an die Weltspitze und den Verzicht, den er für den Erfolg habe in Kauf nehmen müssen. Im Dezember 2012 gab er mit gerade einmal 25 Jahren sein Karriereende bekannt. "Ich wollte diese ganzen Strapazen einfach nicht mehr", erklärt er den damaligen Schritt.

Vorausgegangen waren die Olympischen Spiele 2012. Boy war als Aspirant auf den Olympiasieg im Mehrkampf nach London gereist. Doch er musste bereits nach wenigen Sekunden im Wettkampf eingestehen, dass sein Körper dazu nicht im Stande war, wie er heute sagt. Bei der Landung nach dem ersten Sprung im Vorkampf zog er sich eine Einblutung im Sprunggelenk zu – nicht die erste Verletzung in seiner Laufbahn. Während der Olympia-Vorbereitung hatten Verletzungen ihn immer wieder zurückgeworfen.

"Emotional super unfair"

Boy turnte unter Schmerzen weiter und verpasste die Qualifikation für sämtliche Geräte-Finals. Nur mit der Mannschaft durfte er noch einmal ran. Doch Boy patzte erneut, verpasste die Reckstange und landete unsanft auf dem Hallenboden der Londoner North Greenwich Arena. "Es war emotional super unfair, dass meine Spiele nach dem ersten Gerät im ersten Wettkampf eigentlich schon vorbei waren", sagt er heute. Von diesem Rückschlag erholte er sich mental nicht mehr und wollte auch keinen zweiten Versuch bei den Spielen 2016 in Rio starten. "Noch mal vier Jahre, nochmal dieser ganze Verzicht, mit dem ich gelebt habe – das hat für mich keinen Sinn mehr gemacht."

Boy lebt mit der Familie in Berlin

Mit der Entscheidung, seine Turnkarriere schon so früh beendet zu haben, lebt Philipp Boy nach eigener Aussage bis heute sehr gut. "Rückblickend fühlt sich alles richtig an." Ihm gehe es immer noch super, betont er. Er sei immer noch fit und inzwischen auch wieder beruflich mit dem Sport verbunden. Nach seinem Karriereende als Leistungsturner wollte er zunächst einmal nichts mehr mit Sport zu tun haben, orientierte sich um und arbeitete im Finanzbereich. Heute ist er Sportbotschafter für das innovative Städtebauprojekt "Urbane Mitte Am Gleisdreieck" und arbeitet dort als Personal Trainer. Auf dem Trainingspark am Gleisdreieck bietet er Sport- und Bewegungskurse für alle Altersgruppen an.

Mit dieser Rückkehr zum Sport habe Boy auch seinen Frieden mit der nicht immer ganz einfachen Karriere als Leistungssportler geschlossen. "Es hat vier Jahre gedauert, bis ich mich dem Sport wieder angenähert und gemerkt habe, was mir gefehlt hat." Jetzt sei es umso schöner, zurück zu sein und zu merken, dass man nicht alles verlernt hat, sagt er über seine heutige Arbeit am Gleisdreieck. Mittlerweile wohnt er mit Frau und Tochter in Berlin – in der Stadt, in der er vor genau zehn Jahren seinen größten Karriereerfolg gefeiert hat.

Sendung: rbb UM6, 08.04.2021, 18:15 Uhr

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