Saisonrückblick Hertha BSC - Pleiten, Preetz und Quarantäne

Die Mannschaft von Hertha BSC versammelt sich im Kreis (Quelle: imago images/O. Behrendt)
Audio: inforadio | 23.05.2021 | Astrid Kretschmer | Bild: imago images/O. Behrendt

Hertha hat es wieder geschafft. Die Blau-Weißen haben eine unvergessliche Saison geboten: mit Abstiegskampf, Entlassungen, Quarantäne und einem Happy End. Eine Spielzeit wie eine Soap. Gut, dass ein Filmteam dabei war. Von Dennis Wiese

Sie haben es wohl schon geahnt bei Hertha BSC. Geahnt, dass auch diese Saison reich sein wird an Dramen, Fehltritten und sportlichen Rückschlägen. Denn vor Beginn dieser Spielzeit hat Hertha zugestimmt, für eine Dokumentation ein Filmteam ins Boot zu holen. Eine Saison lang mittendrin. Auch bei der glorreichen Rückkehr des früheren Trainers, dem es gelingt, aus dem zusammengewürfelten Haufen eine Einheit zu schmieden. Und sie zum Happy End zu führen.

Hat Hollywood eigentlich schon wegen der Filmrechte angerufen?

Pleite im Pokal und auf dem Transfermarkt

Der erste Eindruck zählt. Das wissen nicht nur Hobbypsychologen. Jahrelang war der gute Start in eine neue Saison Herthas Markenzeichen: Die erste Pokalhürde überhüpfen, dann mit einem Sieg in die Liga starten – und der Anfang ist gemacht. Und diesmal? Hertha begann mit einer Pokalblamage. Bei Zweitligist Eintracht Braunschweig setzte es ein 4:5, in der regulären Spielzeit wohlgemerkt. Schon dieses Resultat klatschte jedem die Tatsache ins Gesicht: Mit Herthas Mannschaft stimmt was nicht.

Die sportliche Leitung, noch bestehend aus Trainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz, musste einen weiteren Tiefschlag hinnehmen: In Sachen Verstärkungen für die Mannschaft tat sich gar nichts. Die von Investor Lars Windhorst angekündigte, neuerliche Millionenzahlung im Sommer blieb aus und wurde überraschend auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Und doch forderte jeder Verein bei Anfragen aus der Hauptstadt einen satten "Big City Club"-Aufschlag. Fünfzehn Millionen Euro für einen talentierten Nachwuchsspieler zahlen wir nicht, hörte man von Hertha.

Zudem kam das Transferkarussell im ersten Coronajahr so gar nicht in Schwung. Die Draxlers und Götzes dieser Welt landeten nicht in Berlin, neu im blau-weißen Trikot war mit Jhon Cordoba ein treffsicherer Bundesligastürmer, mit Alexander Schwolow ein gestandener Torwart. Dazu kamen die jungen, internationalen Versprechen Matteo Guendouzi, Deyovaisio Zeefuik und Omar Alderete. Dem standen die Abgänge der Hertha-Routiniers Per Skjelbred, Salomon Kalou und Vedad Ibisevic gegenüber.

Der verpatzte Neustart besiegelt das Ende von Manager Preetz

Hertha hat viel gewagt. Und verloren. Mehr als 100 Millionen Euro von Investor Windhorst wurden in neue Spieler investiert, eine Mannschaft aber hatte Hertha nicht. Als Trainer Labbadia offensiv spielen ließ, kassierte die Truppe hinten zu viele Tore. Nach einer Kurskorrektur stand die Abwehr halbwegs dicht, aber der nach vorne gelang kaum etwas. Die Balance stimmte nicht. Eine Folge des falsch zusammengestellten Kaders. Und weiterer schlechter Personalentscheidungen.

Seit dem Aus von Ur-Herthaner Pal Dardai im Mai 2019 herrschte permanente Unruhe auf der Trainerbank: Covic, Klinsmann und Nouri sorgten für ein planloses Gesamtkonstrukt. Junge, talentierte Neuzugänge und ein bedauernswerter Trainer Bruno Labbadia konnten die Verfehlungen der letzten Jahre nicht ausbessern. Kurz vor Weihnachten, nach einem 1:4 in Freiburg, rutschte Hertha erstmals in die Nähe eines Abstiegsplatzes.

Fünf Jahre in einem

Der Blick auf die Arbeit von Manager Preetz wurde kritischer. Carsten Schmidt, ehemaliger Boss des Pay-TV Senders Sky, wurde als Vorsitzender von Herthas Geschäftsführung installiert. Bestimmt und in bester Managermanier kündigte Schmidt an, jeden Stein im Verein umzudrehen. Und: Schmidt forderte auf dem Platz eine Reaktion. Doch aus vier Spielen gegen direkte Konkurrenten holte Hertha nur einen Punkt, vor dem Olympiastadion zogen vereinzelte Hertha-Fans auf, die Preetz´ Rücktritt und das Ende von Werner Gegenbauer als Vereinspräsident forderten. Am 24. Januar, nach einem 1:4 in Bremen, beurlaubte Hertha Trainer Labbadia. Nach fast 25 Jahren im Verein, davon zwölf Jahren als Manager, musste auch Manager Preetz gehen.

In der Sport Bild vom 28. April begründete Hertha-Präsident Werner Gegenbauer die Trennung: "Zwischen dem Präsidium und Michael Preetz waren nach der langen Zeit die Gemeinsamkeiten aufgebraucht. Bevor es da Verwerfungen gibt, war es gut, sich voneinander zu verabschieden. […] Für uns [war] klar, dass wir die nächste Veränderung nicht mehr mit Michael Preetz machen wollen."

Es kann nur einen geben: Pal Dardai

Pal Dardai bewies dann drei Dinge: Der Mann liebt Hertha BSC, ist absolut uneitel und sehr mutig. Oder auf fußballdeutsch: Dardai hat Eier. Denn gut anderthalb Jahre nachdem man ihm nicht mehr zutraute, Hertha als Trainer besser zu machen und in eine erfolgreiche Zukunft zu führen, sagte der im Club als Jugendtrainer angestellte Ungar zu: Er übernahm den taumelnden, orientierungslosen Haufen, der auf dem Papier eine ambitionierte Bundesligamannschaft sein sollte.

Dardai nannte es die schwerste Aufgabe seiner Karriere.

Zumal in den ersten Spielen Frankfurt, Bayern, Stuttgart, Leipzig und Wolfsburg warteten. Aus diesen fünf Spielen holte Dardai nur einen Punkt. Ruhe ausstrahlen, den Glauben an den Klassenerhalt vermitteln, das war weiterhin Dardais Devise. Und tatsächlich stabilisierte sich seine Mannschaft, holte gegen Augsburg den ganz wichtigen Sieg, schlug auch Leverkusen überzeugend und holte im Derby gegen Union (nach einem 3:1 im Hinspiel) und Mönchengladbach je ein Unentschieden.

Hertha war auf dem Weg in Richtung Klassenerhalt. Dann schlug Corona zu.

Hertha muss als einziger Bundesligist in zweiwöchige Heimarbeit

Rune Jarstein hatte sich Anfang April mit dem Coronavirus infiziert. Herthas Torwart hatte es so heftig erwischt, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Auch Trainer Dardai, Co-Trainer Admir Hamzagic, Dodi Lukebakio und Marvin Plattenhardt hatten Corona. Das Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf zog die Notbremse und schickte den gesamten Hertha-Tross für 14 Tage in häusliche Isolation.

Hertha verpasste drei Bundesligaspiele. Während die Konkurrenz punktete und Hertha auf den vorletzten Platz abrutschte, hielten sich die Hauptstadt-Kicker mit Spinning-Rädern, Yogamatten und Videokonferenzen fit. Derweil wurden Herthas Nachholspiele angesetzt: Sechs Spiele warteten im Mai innerhalb von 20 Tagen. Die Dardai-Elf startete mit vier Punkten Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz und einer ungewissen körperlichen Verfassung. Viele Prognosen waren düster.

Torwarttrainer Petry muss nach fremdenfeindlichen Äußerungen gehen, Aufsichtsrat Lehmann nach rassistischer Nachricht

Bei der sportlichen Krise bleibt es nicht. Mitten im Abstiegskampf erscheint in der ungarischen Zeitung Magyar Nemzet ein Interview mit Herthas Torwarttrainer Zsolt Petry. Der bezeichnet die Zuwanderung von Flüchtlingen nach Europa als Ausdruck des moralischen Niedergangs. Auch gegenüber Homosexuellen äußert sich der 54-Jährige überaus umstritten: Er kritisiert seinen Landsmann, Leipzigs Torhüter Peter Gulacsi. Der setzt sich in Ungarn für das Ehe-Recht gleichgeschlechtlicher Paare ein.

Hertha reagiert sofort. Verweist auf die im Verein gelebten Werte wie Vielfalt und Toleranz. Und setzt den Dardai-Vertrauten Petry vor die Tür.

Einen Monat später, Anfang Mai, schreibt Jens Lehmann eine SMS. Der frühere Nationaltorwart sitzt für Investor Windhorst in Herthas Aufsichtsrat. Lehmann verfolgt die Berichterstattung von Pay-TV Sender Sky mit Experte Dennis Aogo, früherer deutscher Nationalspieler und dunkelhäutig.

Die Kurznachricht will Lehmann offensichtlich einem Mitarbeiter des Senders zukommen lassen: "Ist Dennis eigentlich euer Quotenschwarzer?" Wohl versehentlich schickt Lehmann die Nachricht direkt an Aogo. Dieser veröffentlicht sie in den sozialen Medien. Hertha-Investor Windhorst und seine Tennor-Holding reagieren umgehend, beenden den Vertrag mit Lehmann, auch den Sitz im Aufsichtsrat verliert er.

Zumindest sportlich läuft es endlich: Hertha feiert den Klassenerhalt am vorletzten Spieltag

Allen schlechten Prognosen zum Trotz: Hertha sammelte nach der Quarantäne fleißig Punkte, holte neun Zähler aus sechs Spielen und wurde am Ende Tabellen-Vierzehnter. Doch auch der Mini-Endspurt kann für die erschreckend schwache Saison nur bedingt entschädigen: Die 35 Punkte bedeuten die schlechteste Ausbeute seit 2015. Damals rettete Pal Dardai Hertha zum ersten Mal vor dem Abstieg.

Und doch waren Glück und Erleichterung im Gesicht des Trainers deutlich zu erkennen als er nach dem vorletzten Spieltag, Zigarre paffend, ins Aktuelle Sportstudio geschaltet wurde: "Ich habe einen guten Namen, ein gutes Image. Ich wollte das nicht verlieren. Wäre ich abgestiegen, wäre mein Herz kaputtgegangen. Ganz Deutschland dachte: Hertha steigt ab. Die Mannschaft hat einiges kapiert. Der ganze Verein wird davon profitieren im nächsten Jahr."

Den Teamgeist zu erwecken, das sei die schwerste Aufgabe gewesen, sagte Dardai am Tag nach der Feier mit kleinen Augen. "Es hat lange gedauert, bis sie einige Sachen akzeptiert haben. Gemeinschaft, Disziplin. Dann dachtest du: 'Jetzt haben sie es kapiert' und im nächsten Spiel dachtest du wieder: 'was ist jetzt los?'. Das geht auf die Nerven. Aber wir haben es geschafft. So eine Saison schweißt zusammen."

Magisches Dreieck Bobic, Dardai, Friedrich?

Hertha hat unter Pal Dardai den richtigen Weg eingeschlagen. Und doch wird es im Sommer Veränderungen geben: Fredi Bobic tritt Anfang Juni als neuer Geschäftsführer Sport die Nachfolge von Michael Preetz an. Ob seine ehemaligen Hertha-Teamkollegen aus den frühen 2000ern, Arne Friedrich (als Sportdirektor) und Pal Dardai (als Cheftrainer) bleiben, ist noch nicht klar. Friedrich hat betont, dass seine Lebensplanung etwas Anderes vorsah, ehe er im Januar 2020 vom damaligen Hertha-Coach Klinsmann angerufen und als Performance Manager installiert worden war. Friedrich stieg in der Zwischenzeit zum Sportdirektor auf, wurde mit Lob, unter anderem von Trainer Dardai und Präsident Gegenbauer, überschüttet. Beide würden ihn gerne weiterhin in Berlin behalten.

Zu seiner Zukunft verkündete Pal Dardai nach dem erfolgreichen Klassenerhalt: "Ich kann die Fans beruhigen: Pal Dardai bleibt bei Hertha BSC: In welchem Bereich, das werden wir zur richtigen Zeit verkünden." Dardai meint: Erneut zurück auf den Jugendtrainerposten. Oder weiterhin als Chef in der Bundesligamannschaft.

Auch die wird sich verändern: Sami Khedira beendet seine Karriere. Leihspieler Matteo Guendouzi geht zurück zum FC Arsenal. Und Top-Scorer Matheus Cunha wird trotz des verlängerten Vertrags heftig von Leeds United angebaggert. Überhaupt muss die falsche Zusammenstellung des Kaders korrigiert werden.

Es bleibt spannend bei Hertha BSC. Vielleicht sollten sie das Filmteam gleich noch für die kommende Saison dabehalten. Auch der nächste Teil bietet sicher genügend unglaubliche Geschichten.

Sendung: rbb24, 23.05.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Dennis Wiese

2 Kommentare

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  1. 2.

    Lieber Horst, schade dass du deinen alten Trainingsanzug nicht schnell genug gefunden hast. Mit dir am Spielfeldrand wäre sicher noch das internationale Geschäft drin gewesen.

  2. 1.

    "Hertha hat unter Pal Dardai den richtigen Weg eingeschlagen."

    In 16 Spielen 4 Siege, 6 Unentschieden und 6 Niederlagen bei 17:20 Tore. Ist erstaunlich, wie Medien weiterhin wohlwollend die Arbeit von Dardai beurteilen.

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