Interview | Ex-Unioner Daniel Ernemann - "Für uns war der Uefa-Cup ein Abenteuer"

Daniel Ernemann 2001 im Trikot von Union Berlin. Quelle: imago images/Höhne
Bild: imago images/Höhne

Der 1. FC Union kämpft in dieser Saison um das Erreichen der internationalen Plätze. 2001 qualifizierten sich die Köpenicker noch über den DFB-Pokal für das europäische Geschäft. Daniel Ernemann war damals dabei und erinnert sich an aufregende Abende im Uefa-Cup.

rbb|24: Herr Ernemann, der aktuelle Union-Kader ist noch nicht so ganz von der geplanten Uefa Conference League überzeugt. Wie war das bei Ihnen, als Sie 2001 erfahren haben, dass Sie im Uefa- Pokal spielen?

Daniel Ernemann: Für uns war das damals natürlich eine Riesengeschichte. Wir waren frisch in die zweite Liga aufgestiegen und sind ja eigentlich nur nachgerückt, weil wir es im Jahr zuvor bis ins Pokalfinale gegen Schalke geschafft hatten, das bereits für die Champions League qualifiziert war. Es war auf jeden Fall ein Abenteuer. Ich weiß nicht, ob andere Spieler noch mal Uefa-Cup gespielt haben, für mich war es aber die einzige Möglichkeit, international zu spielen - das war natürlich schön.

Kam es Ihnen kurios vor, dass Union international spielte, bevor es in die 1. Bundesliga ging?

Damals war es noch gar nicht absehbar, dass Union in den Folgejahren mal in der Bundesliga spielen würde. Das ist natürlich toll, es freut mich unheimlich, wie erfolgreich der Verein momentan ist und wie er sich in der Bundesliga etabliert hat. Für uns war damals schon der Erfolg im DFB-Pokal ein Riesenabenteuer und das wurde damit fortgesetzt, international spielen zu können.

Ihre Gegner kamen aus Finnland (Haka Valkeakoski) und aus Bulgarien (Litex Lowetsch). Was war das insgesamt für eine Erfahrung?

Natürlich wäre es schön gewesen, auch gegen einen großen Verein zu spielen. Vielleicht gegen einen Erstligisten aus Spanien, Italien oder England. Das hat sich nicht ergeben, aber nur so hatten wir auch eine Chance auf die zweite Runde. Bulgarien war insofern interessant, als dass ein paar Spieler von uns und auch Trainer Georgi Vasilev aus dem Land kamen. Ansonsten muss man es ja eh so nehmen, wie es kommt und da haben wir das Beste daraus gemacht.

Für ihr erstes Spiel sind Sie kurz nach den Anschlägen am 11. September 2001 nach Finnland gereist. Als Sie ankamen, wurde das Spiel abgesagt. Wie war das für Sie kurzzeitig in so einer Situation in Finnland gestrandet zu sein?

Es war damals eine Uefa-Entscheidung, dass der gesamte Spieltag verschoben werden sollte. Kurz vor dem Abflug gab es überhaupt erst die Information, was an dem Tag in New York passiert war. Als wir landeten, wurde das Spiel abgesagt und wir sind noch am selben Tag zurück nach Deutschland geflogen. Ich glaube, das war auch eine Sicherheitsmaßnahme, weil keiner einschätzen konnte, ob es auch eine Gefährdung bei uns geben könnte - das war ja Gott sei Dank nicht so. Trotzdem war das wahrscheinlich der Impuls, der zur Verschiebung geführt hat.

300 Fans sind damals mitgereist. Waren die eine Woche später auch wieder dabei?

Ganz genau kann ich mich da nicht mehr dran erinnern. Ich gehe aber schwer davon aus, das ist schließlich ein Charakteristikum von Union - die Unterstützung und die Identifikation der Fans. Selbst ins Winter-Trainingslager nach Zypern sind immer einige Fans mitgeflogen. Insgesamt war die Atmosphäre in Finnland allerdings nicht typisch für den Europacup. Ich glaube, es waren insgesamt nur 2.000 Zuschauer dabei. Wenn man Uefa-Cup spielt, hofft man natürlich eigentlich auf eine andere Atmosphäre. Das hatte eher etwas von Regionalliga oder zweiter Liga in Deutschland.

Unions Spieler bedanken sich nach einem UEFA-Cup-Spiel bei den Fans im Jahn-Stadion. Quelle: dpa/Stephanie Pilick
Unions Spieler bedanken sich nach einem UEFA-Cup-Spiel bei den Fans im Jahn-Stadion.Bild: dpa/Stephanie Pilick

Die Heimspiele fanden im Jahn-Sportpark statt. Wie war dort die Atmosphäre?

Da gab es eine gewisse Unsicherheit. Wegen der Vorgeschichte ist es ja für Union nicht das typische Stadion. Trotzdem war die Stimmung bei beiden Spielen ganz hervorragend. Die Unterstützung für die Mannschaft war riesig.

Selbst wenn Union Berlin die Saison nicht auf einem der Europa-Startplätze beenden sollte, wird es das beste Ergebnis der Vereinsgeschichte sein. Wie haben Sie die Saison erlebt?

Ich verfolge jedes Spiel und hoffe, dass sie erfolgreich sind. Mich freut, dass der Abstieg in diesem Jahr nicht mal ein richtiges Thema ist. Ich habe vor der Saison befürchtet, dass das zweite Jahr schwieriger als das erste wird. Die erste Saison lief ja schon sensationell. Im Moment ist kein Publikum da, umso bemerkenswerter ist es, wie toll die Mannschaft spielt. Sie spielen ja nicht mit Glück, sondern es steckt harte Arbeit und ein Konzept dahinter.

Was erwarten Sie von der nächsten Spielzeit?

Ich glaube, dass man immer mit einer gewissen Wehmut in eine Saison gehen sollte. Man sollte sich bewusst sein, dass man immer noch ein kleiner Verein in der Bundesliga ist. Das Ziel sollte immer erst einmal sein, die Liga zu halten. Wenn daraus mehr wird - wie es sich dieses Jahr andeutet - ist das hervorragend. Aber jedes Jahr, in dem man in der Liga bleibt, ist ein Erfolg für den Verein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lynn Kraemer, rbb sport.

Sendung: rbb UM6, 06.05.2021, 18 Uhr

3 Kommentare

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  1. 2.

    Ich denke, man sollte immer mit einer ordentlichen Portion Wermut in eine neue Saison gehen. ;-)

  2. 1.

    Wehmut oder Demut?

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