Interview | Eishockey-Nationalspieler Marcel Noebels - "Das war eines der größten Spiele, bei denen ich dabei war"

Marcel Noebels (Quelle: imago images/ActionPictures)
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Die Eishockey-Nationalmannschaft verbuchte einen historischen Sieg gegen Kanada zu WM-Beginn. Eisbär Marcel Noebels spricht im Interview über den besonderen Charakter der Mannschaft, Waldspaziergänge und die Rückkehr von Zuschauern.

rbb|24: Mehr als die Hälfte der WM-Vorrunde ist vorbei, Deutschland ist mit drei Siegen gegen Italien, Norwegen und Kanada und einer Niederlage gegen Kasachstan ins Turnier gestartet. Jetzt haben Sie zwei spielfreie Tage, wie fällt Ihr Zwischenfazit bislang aus?

Marcel Noebels: Wenn wir vor der WM gesagt bekommen hätten, dass wir neun Punkte aus vier Spielen holen, hätten wir das auf jeden Fall genommen. Ich glaube, dass wir sehr gut ins Turnier gestartet sind und vieles richtig gemacht haben. Gestern (die Niederlage gegen Kasachstan, Anm. d. Red.) war natürlich ein bisschen ärgerlich. Das war für uns glaube ich leider ein kleiner Dämpfer. Wir wollen daraus lernen und die positiven Sachen ins nächste Spiel mitnehmen.

Insbesondere der Sieg gegen Kanada sorgte für Aufsehen. Nach 25 Jahren gewann eine deutsche Mannschaft mal wieder gegen die kanadische Auswahl bei einer WM. Wie haben Sie das Spiel erlebt und wie ist dieser Erfolg einzuordnen?

Da war natürlich viel Leidenschaft, viel Herz und viel Aufwand in dem Spiel mit dabei. Ich war selten in einer Mannschaft, wo um jeden Zentimeter so gekämpft worden ist wie in dem Spiel gegen Kanada. Das war für mich eines der größten Spiele, bei denen ich dabei war. Ich ordne den Sieg schon ziemlich hoch ein, weil ich viele der kanadischen Spieler kenne und weiß, wie gut die sind. Für mich hat dieses Spiel eine ziemlich hohe Bedeutung, weil wir unser Spiel gespielt und einen Charaktersieg eingefahren haben. Man sieht, dass jeder gegen jeden gewinnen kann und das Niveau sehr hoch ist. Daher war der Sieg gegen Kanada etwas ganz Tolles.

Nach diesem Spiel war eine extrem große Euphorie vor allem in den sozialen Medien zu spüren. Haben Sie das mitbekommen und welche Chancen bieten sich dadurch für das deutsche Eishockey?

Natürlich ist es schön, wenn man Aufmerksamkeit bekommt, vor allem auch von den Medien. Wichtig ist natürlich, dass wir auch so weitermachen. Ich finde, dass wir in den letzten Jahren im deutschen Eishockey sowieso auf einem guten Weg sind, zu zeigen, dass wir Minimum unter die Top acht gehören. Wir haben bis jetzt sehr gute Turniere gespielt und ich finde, dass es an der Zeit ist, dass wir uns das verdient haben. Wir sind eine Mannschaftssportart, die viel Spaß macht und noch viele Leute in Deutschland begeistern kann, die vielleicht noch nicht so oft Eishockey gesehen haben.

Nicht wenige reden beim deutschen Team vom Geheimfavoriten. Was meinen Sie, ist für Deutschland möglich?

Wichtig ist, dass bei uns von Spiel zu Spiel gedacht wird. Das war von Anfang an unsere klare Vorstellung, dass wir nicht zu weit nach vorne denken. Wir wollen natürlich so weit wie möglich kommen und sicherlich werden wir auch den einen oder anderen ärgern, um weiterzukommen. Die nächsten drei Spiele sind für uns sehr wichtig und danach schauen wir, wo die Reise hingeht.

Zu Beginn des Turniers mussten Sie in eine dreitägige Quarantäne. Wir sind die Bedingungen jetzt wo das Turnier läuft? Welche Freiheiten hat man an einem spielfreien Tag wie heute?

Wir haben natürlich nicht ganz so viel Freiraum hier. Wir wussten von Anfang an, dass es sehr streng ist. Wir wollen uns auch alle gegenseitig ein bisschen schützen und das Turnier vernünftig zu Ende bringen. Wir werden regelmäßig getestet. Das sind Sachen, die in der jetzigen Zeit dazugehören und die man in Kauf nehmen muss, wenn man dabei sein möchte. Wir hatten heute ein bisschen Platz, um mit der Mannschaft in einem Waldstück zu spazieren. Das war die Chance für uns, ein bisschen frische Luft zu schnappen. Wir sind jetzt wieder im Hotel und müssen im Zimmer bleiben. Die Regeln sind klipp und klar: Nur Arena und Hotel, sonst nichts.

Im deutschen Angriff bilden Sie gemeinsam mit Leo Pföderl und Lukas Reichel die "Berliner Sturmreihe". Inwiefern ist diese eingespielte Reihe der Eisbären vielleicht sogar eine besondere Verstärkung für das Team?

Man merkt, dass wir über eine längere Zeit zusammenspielen, weil es einen gewissen Rhythmus gibt und Abläufe bei uns völlig normal sind. Ich glaube, wir haben bis jetzt auch auf internationalem Niveau sehr gut bewiesen, dass wir eine sehr gute Reihe sind. Mich freut es unheimlich, dass wir vom Trainer die Chance bekommen haben, so zusammenzuspielen und dass wir das Vertrauen auch schon zurückgezahlt haben. Ich glaube, der Trainer weiß, was er an uns hat und deswegen spielen wir auch zusammen.

Kann die Reihe denn auch weiter zusammenspielen, nachdem Lukas Reichel im letzten Spiel einen harten Check gegen den Kopf bekommen hat?

Ich glaube, Lukas ist auf einem ganz guten Weg. Er hat ein bisschen Nackenschmerzen gehabt. Ich glaube, dass er den Tag heute nutzen wird, um sich zu erholen. Das war kein einfacher Check. Alle, die den gesehen haben, wussten, dass der nicht ohne war und auch weh tut. Aber Lukas ist ein harter Kerl und versucht alles, damit er übermorgen wieder spielen kann.

Ein weiterer Eisbär zeigte gegen Kanada eine überragende Leistung - Torwart Mathias Niederberger. Wie haben Sie seinen Auftritt auf dem Eis miterlebt?

Das war das beste Spiel, was ich je von Mathias gesehen habe. Er spielt immer gut, aber in dem Spiel war er nochmal eine Nummer höher. Es war unfassbar. Ich gehe auch davon aus, dass wir das Spiel ohne ihn nicht gewonnen hätten. Er hat uns immer zum richtigen Zeitpunkt im Spiel gehalten und wichtige Paraden gezeigt, wenn wir sie gebraucht haben. Mich freut es unheimlich für ihn. Er ist ein super Kerl und hat es sich einfach verdient. Er macht ja auch da weiter, wo er in Berlin aufgehört hat. Deswegen ist er unheimlich wichtig für die Mannschaft und einer der besten Torhüter hier.

Bislang fanden die Spiele in Riga vor leeren Rängen statt. Ab dem Wochenende könnten allerdings Zuschauer zugelassen werden (Kurz nach dem Interview wurde bestätigt, dass ab 1. Juni eine Teilrückkehr der Zuschauer erlaubt ist, Anm. d. Red.). Nach Monaten, in denen die Spiele in leeren Hallen stattfanden, was würde Ihnen die Rückkehr von zumindest einigen Fans bedeuten?

Man kann ja eigentlich nur endlich sagen. Ich freue mich. Je mehr Zuschauer da sind, umso schöner ist es natürlich. Wer spielt nicht gerne vor vollen Rängen. Ich glaube, so eine großartige Umstellung wird es dann auch wieder nicht. Wir Spieler möchten natürlich, dass wieder Fans ins Stadion kommen und sich für die Sache begeistern. Ich kann es kaum erwarten, auch wenn wir in Lettland eher ein Auswärtsspiel haben. Trotzdem wäre es schön zu sehen, wenn die Ränge wieder voll wären.

Am Samstag geht es für Ihre Mannschaft mit dem Spiel gegen Finnland weiter. Wie schätzen Sie die Finnen ein, was sind Ihre Erwartungen?

Das ist natürlich eine Top-Nation und aktuell noch der Weltmeister. Das ist eine der besten Mannschaften, die hier bei dem Turnier dabei ist. Für uns ist es eine große Herausforderung und sicherlich kein einfaches Spiel. Aber man sieht, dass alle Mannschaften für eine Überraschung sorgen können. Jetzt wollen wir gegen die Finnen wieder voll angreifen und wieder zurück in die Spur finden.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Lisa Surkamp, rbb Sport.

Sendung: rbb24, 27.05.2021, 21:45 Uhr

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