Herthas Sieg auf Schalke in der Analyse - Der vorletzte Schritt zum Klassenerhalt

Jessic Ngankam von Hertha BSC jubelt über seinen Siegtreffer gegen Schalke (imago images/Tim Rehbein)
Bild: imago images/Tim Rehbein

Herthas Auswärtssieg beim FC Schalke könnte der entscheidende Schritt zum Klassenerhalt werden. Nach einem schwachen Start drehen die Berliner das Spiel. Es hilft eine doppelte Einwechslung und die Leistung eines Eigengewächses. Von Till Oppermann

Obwohl Hertha BSC mit dem 2:1 Auswärtssieg beim FC Schalke möglicherweise entscheidende Punkte im Abstiegskampf sammelte, war Pal Dardai kurz nach Abpfiff nicht in Feierstimmung. Wütend stürmte er auf den Schiedsrichter Markus Schmidt zu, der dem Hertha-Coach für seine Schimpftirade die gelbe Karte zeigte. Was er dem Referee mit auf dem Heimweg gegeben hatte, wollte Dardai wenige Minuten später im Sky-Interview nicht erzählen, aber höchstwahrscheinlich ging es um die Nachspielzeit: Statt den angekündigten fünf Minuten, ließ Schmidt die Partie fast sechs Minuten länger laufen.

Spätestens nachdem die Gelsenkirchener Gastgeber nach einem Standard in der 93. Spielminute innerhalb von wenigen Sekunden zwei Mal den Pfosten trafen, muss den Herthanern die Zeit bis zum erlösenden Schlusspfiff endlos vorgekommen sein. War der Sieg also nur Glück, Herr Dardai? "Die Hertha hat das verdient." Übers Jahr habe man selbst viel Pech mit abprallenden Bällen und Sonntagsschüssen gehabt, so der Ungar.

Abstiegskampf mit Testspielatmosphäre

Von Herthas Anspannung in den letzten Spielminuten war knapp zwei Stunden zuvor beim Anpfiff in der Schalker Arena wenig zu spüren. 14 Monate nach Beginn der Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen in Deutschland sind Geisterspiele traurige Normalität geworden. Die leeren Ränge auf Schalke bildeten an diesem Mittwoch den perfekten Rahmen für ein seltsames Bundesligaspiel. Trotz drei Corona-Infizierten im Kader der Gastgeber wurde an der Ansetzung festgehalten. Beide Teams starteten wegen zahlreichen Ausfällen mit zusammengewürfelten B-Mannschaften. Seit Wochen ging es für die bereits abgestiegenen Schalker höchstens noch um ihre Ehrenrettung. Selbst Spielleiter Schmidt kam mit seinem stoppeligen Drei-Tage-Bart optisch eher wie ein Urlauber daher. Die Anstoßzeit um 18 Uhr an einem Mittwoch tat ihr übriges: Obwohl es für die Berliner Gäste um alles ging, herrschte ein Hauch von Testspielatmosphäre.

Schnell verfestigte sich dieser Eindruck auch auf dem Spielfeld. Hertha BSC wirkte defensiv und nicht annähernd so konzentriert, wie im letzten Spiel gegen Bielefeld – und wurde prompt mit einem schnellen Gegentor bestraft. In der 6. Minute spielten die Schalker einen langen Ball an den Strafraum, den Routinier Klaas-Jan Huntelaar völlig unbedrängt von den zuschauenden Herthanern Dedryck Boyata und Peter Pekarik annehmen durfte. Der Stürmer nutzte diesen Platz, um aufzudrehen und einen Pass auf die Außenbahn zu spielen. Sein ebenfalls unbedrängter Kollege Sead Kolasinac legte den Ball von dort zurück in den Rückraum und setzte Amine Harit ein, der seelenruhig in den Strafraum spazieren und gegen Alexander Schwolows Laufrichtung zur frühen Führung einschoss. Zwar lobte der Torwart später den guten Abschluss des 23-Jährigen, ursächlich für das Gegentor war jedoch Herthas passives Defensiverhalten.

Eine schlechte Raumaufteilung lähmt Herthas Offensive

Da war es gut für die Berliner Nerven, dass Kapitän Boyata seinen Fehler schnell ausbügelte. Nach einem scharfen Freistoß von Marvin Plattenhardt köpfte der belgische Nationalspieler in der 18. Spielminute zum Ausgleich ein. Und so gut die Flanke vor dem Tor auch war: Auch bei diesem Treffer kommt man nicht umhin, die Abwehrleistung mitverantwortlich zu machen. Schalke verteidigte fast noch teilnahmsloser als Hertha zwölf Minuten zuvor. Glück für die Alte Dame. Zwar sagte Schwolow: "Das Tor hätte früher fallen können, wir hatten einige Chancen." Die wenigen Gelegenheiten, die es tatsächlich gab, waren aber nicht der Berliner Spielkunst zu verdanken. Drei Mal kam Javairo Dilrosun in der ersten Halbzeit zum Schuss. Ohne sein beherztes Nachsetzen bei zweiten Bällen hätte es keine dieser Chancen gegeben.

Denn sehenswerte Kombinationen zeigte die – im Vergleich zum Bielefeld-Spiel erneut auf acht Positionen veränderte – Mannschaft nicht. Das war vor allem einer schlechten Raumaufteilung geschuldet. Dardai hatte das Team in einem 4-2-3-1-System mit einer Spitze ins Spiel geschickt. Diese Formation hielten die Spieler aber jeweils nur bei den Anstößen ein. Im laufenden Spiel stand der rechte Flügelläufer Matthew Leckie quasi dauerhaft seinem Mittelstürmer Krysztof Piatek auf den Füßen. Leckies verwaiste Position füllte Außenverteidiger Pekarik, der durch sein weites Aufrücken keine Option im Spielaufbau war. Die deshalb obligatorischen langen Bälle fanden selten einen Herthaner – auch weil sich Leckie und Piatek in der Zentrale wiederholt in die Quere kamen.

Ngankam und Lukebakio bringen die Wende

Wenn Dardai nach dem Spiel "Ballbesitz und Ballzirkulation" lobt, kann er deshalb eigentlich nur die zweite Halbzeit meinen. Bereits kurz nach Wiederanpfiff hatte Leckies Gegenpart auf der linken Außenbahn die erste Chance. Nemanja Radonjics satter Schuss traf nur das Außennetz, war aber das Startsignal für einige gute Einzelaktionen des jungen Leihspielers. Immer wieder nahm er es im Dribbling mit mehreren Schalkern auf. Zurecht ließ Pal Dardai Radonjic im Spiel, als er 58. Minute mit Leckie und dem verletzten Piatek zwei andere Offensivspieler auswechselte. Die eingewechselten Jessic Ngankam und Dodi Lukebakio sorgten dann auch endlich für die richtige Raumaufteilung. Lukebakio orientierte sich als Flügelstürmer auf die rechte Außenbahn, Ngankam übernahm die Position im Sturmzentrum. Wie erfolgreich man angreifen kann, wenn jeder seine Position einhält, bewiesen sie wenig später.

Das Siegtor folgte auf die optimale Umsetzung der Vorteile des 4-2-3-1-Systems. Von der rechten Seite spielte Lukebakio einen öffnenden Steilpass auf den an der anderen Seitenlinie startenden Radonjic. Der gewann das Laufduell gegen den Schalker Rechtsverteidiger, kappte ab und legte für das in der Mitte lauernde Eigengewächs Ngankam auf. "Ich habe das gemacht, was ich die Tage trainiert hatte", erklärte der glückliche Torschütze nach dem Spiel bei Sky. Auf Rat der Torhüter habe er immer wieder mit dem linken Fuß auf die kurze Ecke gezielt – genau wie im Spiel gegen Schalke. "Das war sein Moment in einem ganz wichtigen Spiel im Kampf um den Klassenerhalt", lobte der erleichterte Keeper Schwolow seinen Mitspieler. Am Sonnabend reicht Hertha gegen Köln nun ein Unentschieden, um den direkten Abstieg endgültig abzuwenden. Vielleicht hilft dann wieder Ngankam, der seit seinem sechsten Lebensjahr für Hertha spielt. Nach Piateks Verletzung und Sperren für Lukebakio und Darida könnten bis zu zwölf Herthaner ausfallen. Es ist eine weitere Kapriole dieser Saison, dass der teuere Kader, in der entscheidenden Phase ausgerechnet von Eigengewächsen wie Ngankam gerettet werden könnte.

Sendung: inforadio, 12.05.2021, 23 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Wir schaffen das !

  2. 1.

    Ngankam bitte langfristigen Vertrag geben, ich finde den schon seit Jahren Klasse, ein echter Kämpfer mit torriecher.

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