0:0 gegen Köln - Pal Dardai rettet Hertha vor dem Abstieg

Hertha-Trainer Pal Dardai klatscht mit seinen Spielern ab (Quelle: Maik Hölter/TEAM2sportphoto)
Audio: Inforadio | 16.05.2021 | Jakob Rüger | Bild: Maik Hölter/TEAM2sportphoto

Nach dem Remis gegen Köln ist klar: Hertha bleibt erstklassig. Ohne die Arbeit von Pal Dardai wäre das kaum möglich gewesen. Nach acht ungeschlagenen Spielen in Serie ist der Klassenerhalt verdient. Die Zukunft des Erfolgstrainers bleibt ungewiss. Von Till Oppermann

Arne Friedrich gewährte den Hertha-Fans nach Abpfiff der Partie gegen den 1. FC Köln in seiner Instagram-Story einen kleinen Blick in die Kabine. Zigarren, Champagner und eisgekühltes Bier: Wer im Umfeld vom Hertha BSC vor der Saison prophezeit hätte, dass die Mannschaft damit nach dem letzten Heimspiel in der Kabine feiert, dachte dabei wohl nicht an eine Nichtabstiegs-Party. Rückblickend auf die turbulente Spielzeit, in der unter anderem der Trainer Bruno Labbadia und der langjährige Geschäftsführer Sport Michael Preetz den Hut nehmen mussten, war der Ligaerhalt der teuren Mannschaft nicht selbstverständlich. Das wusste nach dem Spiel auch Retter Pal Dardai. Es habe so manchen Moment gegeben, in dem er dachte: "Oh, oh, das wird was." Zu seiner Mannschaft sagte er: "Respekt an die Jungs, dass sie es schon heute geschafft haben. Am Sonnabend reichte im Heimspiel gegen Köln ein 0:0, um den Klassenerhalt zu erreichen.

Hertha spielt von Anfang an auf Unentschieden

Verdientermaßen. Seit nunmehr acht Spielen ist Hertha ungeschlagen. Nicht einmal eine zweiwöchige Corona-Quarantäne, die in der entscheidenden Saisonphase fünf Spiele in zwölf Tagen nach sich zog, konnte die Berliner stoppen. Auch wenn die Leistung gegen Köln - auf der letzten Etappe dieses Marathons - sicher kein sportliches Glanzstück war. Köln-Kapitän Timo Horn klagte nach dem Spiel: "Hertha hat hier nur aufs Unentschieden gespielt." Drückt man es mit den Statistiken aus: In 90 Minuten gegen Köln gelang Hertha nur ein einziger Torschuss. Obwohl die Gäste mehr Ballbesitz hatten, liefen die Berliner drei Kilometer weniger. Deutlich weniger Sprints und gewonnene Zweikämpfe zeigen, dass es an diesem Tag im Olympiastadion für die Gastgeber nur darum ging, irgendwie einen Punkt zu holen.

Aber wer wollte es der Alten Dame verdenken? Die Strapazen der letzten Tage machten sich für Trainer Dardai bei der Teamauswahl bemerkbar. Insgesamt musste er auf zehn Spieler verzichten. Schon vor dem Spiel war klar, dass Hertha ein Punkt reichen würde, um den direkten Abstieg auszuschließen. Da war die Strategie, das Augenmerk vor allem darauf zu legen, das Kölner Spiel zu zerstören, nur naheliegend. Der Trainer blieb dafür beim 4-2-3-1-System, in dem er mit Linksverteidiger Jordan Torunarigha und Sechser Marton Dardai zur zusätzlichen Stabilisierung zwei gelernte Innenverteidiger auf ungewohnte Positionen setzte. Wenn die harmlosen Kölner in dieser Saison offensiv Gefahr erzeugten, dann meist über Flanken. Hertha verlegte sich deshalb darauf, gerade die Flügel durch Dopplungen dicht zu machen. Die Geißböcke mussten deshalb durch die Mitte spielen, wo Trainersohn Marton und der erneut sehr bissige Santiago Ascasibar die meisten Angriffe unterbanden. Obwohl Hertha läuferisch keinen großen Aufwand betrieb und selten aggressiv anlief, boten sich den Kölnern kaum Chancen. "Sie haben uns das Leben schwer gemacht", seufzte Horn.

Offensiv geht gar nichts

So gut die Raumaufteilung defensiv funktionierte, so schwach war sie in die andere Richtung. Wie schon im Spiel gegen Schalke starteten Nemanja Radonjic, Javairo Dilrosun und Matthew Leckie in der offensiven Dreierreihe. Insbesondere Leckie versäumte es immer wieder, seine Position auf der rechten Außenbahn einzuhalten und bewegte sich viel zu weit in die Mitte. Vernünftig herausgespielte Angriffe waren nicht nur deshalb unmöglich. Auch im Mittelfeld fehlte ein Spieler, der mit Übersicht und sicheren Pässen Herthas Aufbau ordnen konnte. Herthas einzige etwas bessere Chancen entstanden jeweils nach langen Sololäufen von Radonjic und dem Mittelstürmer Jessic Ngankam. "Schön spielen war heute nicht angesagt", entschuldigte der eingewechselte Niklas Stark und: "Von außen hält man das nicht aus." Damit meinte er zwar seine Spannung vor der Einwechslung, man könnte diese Worte aber durchaus auch auf die spielerische Klasse der 22 Akteure auf dem Feld beziehen. Zusätzlich zum Klassenerhalt bekamen alle zusehenden Hertha-Fans zumindest einen kleinen Eindruck davon, was ihnen in der nächsten Saison erspart bleibt: Zweitligafußball.

Vom zweiten Durchgang bleiben deshalb wohl nur die innig jubelnden Matheus Cunha und Sami Khedira in Erinnerung. Weil Samis Bruder Rani den FC Augsburg parallel gegen Werder Bremen in Führung schoss, reichte Herthas Punkt dazu, auch die Relegation abzuwenden. Die verletzt fehlenden Cunha und Khedira feierten die Kunde von diesem Tor auf der Tribüne ausgiebig. Eine sinnbildliche Szene für Pal Dardais größte Leistung seit seiner Rückkehr auf den Trainerposten. Nicht ohne Stolz sagte er: "Die Jungs haben sich geändert und sind eine Mannschaft geworden." Dafür sei viel Arbeit nötig gewesen, beschrieb Niklas Stark. "Wir mussten unser Ego zurückstecken." Ohne dieses Teambuilding wäre die rettende Erfolgsserie der letzten Wochen unmöglich gewesen. Schon rein von den Kraftreserven, wie Torwart Alexander Schwolow erklärte: "Der Trainer konnte auch mal auf acht, neun Positionen tauschen." Die Kaderbreite war dafür schon die ganze Saison ausreichend. Aber ohne Bindung zu den Teamkollegen, wäre diese Rotation wohl kaum ohne negative Gefühle abgelaufen.

Dardais Zukunft ist ungewiss

Noch auf dem Platz überreichte Cunha dem Erfolgstrainer zur Belohnung einen silbernen Koffer voller Zigarren von Kommunikations-Chef Paul Keuter. Die Mannschaft habe schon angekündigt nachzulegen, berichtete Dardai im Interview grinsend. "Das ist gut, im Hotel habe ich sowieso nichts anderes zu tun, als Zigarren zu rauchen." Viel mehr würde sich das Urgestein aber wohl über ein anderes Geschenk freien. Denn noch ist unklar, ob Dardai die Arbeit mit der Profimannschaft seines Herzensvereins in der kommenden Saison fortsetzen darf. Sein erstes Engagement auf diesem Posten endete nach vier soliden Saisons, weil sich die Verantwortlichen sich mehr spielerische Schönheit wünschten. Dardai machte als Jugentrainer weiter, während die Profimannschaft von einer Krise in die Nächste schlitterte. In den vergangenen Wochen gab er mit seinem Assistent Andreas Neuendorf das perfekte Bewerbungsschreiben für eine Fortsetzung seiner Arbeit ab. Es sei Weltklasse, dass es zu einer Rettung am vorletzten Spieltag reichte, jubelte Dardai am rbb-Mikrofon und: "Hertha kann sich endlich wieder ein bisschen lieben." Wie könnte man das besser feiern als mit Zigarren, Bier und Champagner?

Sendung: rbb24, 15.05.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

16 Kommentare

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  1. 16.

    Nach der Kritik dardais am Investor, Mannschaft und den unrealistischen Zielen des Vereins würde es mich doch sehr überraschen, wenn er bleibt und sein Konzept durchsetzen kann. Ich bin kein herthaner, aber ich wünsche es ihm.

  2. 15.

    Vilen Dank werter Glaudino für die Aufklärung.Das wusste ich nicht mehr.Trotzdem bin ich sehr für diesen sehr guten Trainer und angenehmen Trainer

  3. 14.

    Egal, Dardai ist der Gefeierte.
    Und einen "Besseren" findet man nicht.
    Erinnert sei da an die letzten Trainer.
    Allesamt von der Trainerresterampe.
    Gut, passte irgendwie auch zum Big City Club.
    Letztlich wird Dardai dableiben, bis eine neue Lichtgestalt den Rasen betritt.
    Ich erwarte ja Matheus oder diesen Effenberg - die passten wie die Faust auf's Auge.

  4. 13.

    Zitat: "ich erinnere mich an eine Meldung , dass Dardai einen 2 Jahresvertrag bekommen hat als er nach Labadia übernahm.War das eine Ente oder warum wird auf diese Tatsache nicht eingegangen."


    Dardais Vertrag enthält eine Klausel, nach der eine automatische Verlängerung über die aktuelle Saison hinaus vom Erreichen einer bestimmten Punkteausbeute abhängig gemacht wurde. Diese verfehlte er m. W. um fünf oder sechs Zähler.

  5. 12.

    "Pal Dardai rettet Hertha vor dem Abstieg"
    Na ja, letztlich ist es den anderen gefährdeten Mannschaften zu verdanken, die noch schlechter gestern gespielt haben. Und, wenn man die Tendenz sieht, wo Dardai den Big City Club trainierte, lebe der Erfolg nur vom Versagen der Anderen.
    Nun wird er gefeiert und als Heiland installiert. Gut, die Seele der Fans braucht das
    Ich aber finde es Schade, dass die Hertha nicht abgestiegen ist. Jetzt dümpeln sie weiter als Punktebringer in der 1.Liga für andere Mannschaften.

  6. 11.

    Wie ich gestern Abend den guten Pal mit seiner Zigarre im Liegestuhl gesehen habe, glaube ich, dass er in der nächsten Saison wieder seine Jungs in der Akademie trainieren wird.

  7. 10.

    Dardai und Zecke müssen bleiben.

  8. 9.

    Eine kleine Feier mit Zigarren, Champagner und eisgekühltem Bier. Für was? Das man nicht abgestiegen ist. Hätte ich das vor einem Vierteljahrhundert gewusst, hätte ich nach jedem Schuljahr eine Fete gemacht dass ich 10 Jahre nicht sitzen geblieben bin. Ich feiere ab nächsten Freitag dass ich jede Woche zur Arbeit gehe. Ein tolles Niveau.

  9. 8.

    Top, Klasse gehalten. Nun stabilisieren und auf die Zukunft vorbereiten. Hakt die chaotische Zeit ab.

  10. 7.

    Wenn man sieht wie da gefeiert wurde, ist denen der Popo wohl ordentlich auf Grundeis gegangen.

    Anspruch CL, Realität Klassenerhalt. Weiß nicht ob man da so feiern sollte.

    Nichtsdestotrotz Respekt an die Mentalität und wie die Quarantäne plus die letzten 5 Spiele angenommen wurden.

  11. 6.

    "Pal Dardai rettet Hertha vor dem Abstieg"

    Letzte Saison war es Bruno Labadia, der die Hertha vor dem Abstieg gerettet hat.

  12. 5.

    "In den vergangenen Wochen gab er mit seinem Assistent Andreas Neuendorf das perfekte Bewerbungsschreiben für eine Fortsetzung seiner Arbeit ab."

    Ernsthaft?! Weder spielerisch noch von der Punkteausbeute war das überzeugend.

  13. 4.

    Für Pal Dardai freut mich der Klassenerhalt besonders, dieser trägt ganz klar seinen Namen.

    Für die zukünftige Ausrichtung der Hertha ist es etwas knifflig, wie man jetzt weiter vorgehen sollte.
    Dardai steht für solides Mittelmaß, was durchaus eine Leistung ist, wie man diese Saison gesehen hat.
    Dieses Mittelmaß war der Führungsetage des Vereins schon einmal nicht genug, man wollte mehr und hat Dardai wieder an eine andere Stelle im Verein versetzt.

    "Wir wollen die größte Aufholjagd, die der deutsche und vielleicht der internationale Fußball je erlebt hat, einleiten und zum Erfolg führen".
    Wenn man diesen erfolgshungrigen Worten von Carsten Schmidt Taten folgen lassen möchte, wird Pal Dardai vermutlich höchstens kurzfristig der richtige Mann dafür sein.
    Man hat bei Hertha Steine ins Rollen gebracht, die sich wohl nicht mehr aufhalten lassen. Mittelmaß ist nicht genug.

    Ich bin gespannt, welchen Weg die Hertha einschlagen wird.
    Um Pal mache ich mir keine Sorgen. :-)

  14. 3.

    ich erinnere mich an eine Meldung , dass Dardai einen 2 Jahresvertrag bekommen hat als er nach Labadia übernahm.War das eine Ente oder warum wird auf diese Tatsache nicht eingegangen.Verdient hätte er es alle Mal, zumal er ein guter Trainer ist, solide ,Taktisch versiert, gute Ansprache und Akzeptanz bei den Spielern, kein Bluffer und Schauspieler,sondern einer der Temgeist und Maloche vermitteln kann.Ein Herthaner durch und durch und als Mensch integer und Grundsolide.Erfolg kann er auch, wenn man ihn die richtige Mischung aus Nachwuchs und gestandene Profis gibt.Sogenannte Spitzentrainer hätten es als Beleidigung empfunden wenn man von Ihnen verlangt hätte mit der von Preetz zusammengekauften Truppe einen Platz unter den ersten 6 zu erreichen und abgewunken.Dardei wird gerufen und holt das mögliche raus aus der Mannschaft.Also etwas mehr Demut und Respelt.

  15. 2.

    Pal Dardai hat aus der Mannschaft endlich eine Einheit geformt, die er auch in der nächsten Saison betreuen sollte. Der Klassenerhalt mehr als verdient.

  16. 1.

    Also ich finde, Hertha hat sich in der kurzen "Dardai-Zeit" ganz schön rausgemacht. Da wäre doch eine Verlängerung angebracht. Irgendwie ist der Dardai ein "Typ" - und ein sympathischer obendrein.

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