Fünf Gründe für Herthas Sieg über Freiburg - Glückwunsch zur Geburt

Hertha nach dem Sieg gegen Freiburg (imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Beim 3:0-Erfolg über den SC Freiburg überzeugt Hertha BSC in fast allen Belangen. Hier kommen fünf Gründe, weshalb dieser Sieg gleich in mehrerer Hinsicht Mut für die Zukunft macht und Pal Dardai hinterher fast schon sentimental wurde. Von Ilja Behnisch

1. Die Rotation hat nicht geschadet. Im Gegenteil

Es hätte wohl niemanden verwundert, hätte Pal Dardai an diesem Donnerstag auch noch den Stromanbieter der Hertha gewechselt. Wo er doch schonmal dabei war, ordentlich durchzutauschen. Auf gleich neun Positionen veränderte Dardai seine Startelf gegenüber jener vom Montagsspiel gegen Mainz 05 (1:1). Dass sich die elf Namen auf dem Spielberichtsbogen gegen Freiburg dennoch nach zumindest gehobenem Bundesliga-Niveau lasen, spricht für die Qualität des Hertha-Kaders. Ebenso die Tatsache, dass die Mannschaft trotz der zahlreichen Umwälzungen durchgehend über eine gute Raumaufteilung verfügte. Weshalb Hertha auch jederzeit in der Lage war, dem speziellen Freiburger Pressing zu begegnen.

Die Mannschaft aus dem Breisgau bevorzugt traditionell eine Variante, die den Gegner Mann für Mann in Richtung jeweils einer Seitenlinie schiebt. Also dorthin, wo der Platz naturgemäß endlich ist. Hertha löste sich auch dank des guten Stellungsspiels ein ums andere Mal spielerisch gekonnt aus diesen Drucksituation. Einzig das Passspiel von Dedryck Boyata hatte, wie schon in Mainz, so seine freigeistigen Momente. Dem Belgier ist anzumerken, dass er bereits vor der Corona-Quarantäne für mehrere Wochen verletzungsbedingt fehlte. Körperliche Frische brachte aber auch er auf den Platz. Wie die gesamte Mannschaft. Mit 118,72 gelaufenen Kilometern übertrumpfte Hertha den Gast aus Süddeutschland am Ende um mehr als einen Kilometer. Rotation sei Dank.

2. Auch der Systemwechsel greift

Nicht nur am Personal, auch an der Taktiktafel schraubte Pal Dardai kräftig herum. Statt auf die zuletzt wie in Stein gemeißelte Dreierkette, setzte Hertha gegen Freiburg auf Viererkette. Dank der aufmerksam zurückarbeitenden Außenstürmer Dilrosun und Radonjic kam Freiburg bei Ballbesitz so kaum in die Breite. Da Hertha zudem erst auf Höhe der Mittellinie auf die Angriffe der Gäste wartete und im Zentrum mit Ascacibar, Guendouzi und Darida eine Art Ball fressendes Steinbruch-Kommando lauerte, blieb die Freiburger Offensive eine Liebe in Gedanken - auch, weil die Mannschaft von Christian Streich im 3-4-3 im Mittelfeld zumeist eine Unterzahl zu beklagen hatte und sich damit in Ermangelung adäquater Anspiel-Stationen befand. Das Notfall-Mittel "langer Ball" fiel dank der Größen- und Kopfballvorteile der Berliner Verteidiger ebenfalls fast vollständig aus.

3. Der Spielverlauf hilft dem Matchplan

Trotz der offensiven Probleme, die Freiburg wie einen Schriftsteller inmitten einer Schreibblockade wirken ließ, dominierten die Gäste zu Beginn der Partie das Geschehen. Hertha überzeugte beim sporadischen Ballbesitz zwar mit kontrolliertem Vortrag, kam aber ebenso wenig zu Torchancen wie die Breisgauer. So war die 2:0-Halbzeitführung einer Mischung aus Spielglück (Torwartfehler Müller vor dem 1:0) und gnadenloser Effizienz zu verdanken. Und dem Umstand, dass Herthas Außenverteidiger ihrem Drang zur Selbstverwirklichung folgten. Denn sowohl der Distanzschuss von Linksverteidiger Jordan Torunarighas vor dem 1:0 als auch der Kopfball des Rechtsverteidigers Peter Pekarik zum 2:0 erlebten ihre Aufführung fernab jeden natürlichen Habitats beider Spielpositionen. So spielte Hertha auf Konter und traf, ganz ohne zu kontern.

4. Der Ton wird Hertha

Auffällig von Beginn an: Es wurde viel berlinert auf dem Platz. Die Spieler gaben sich immer wieder lautstark klare Anweisungen und auch von der Seitenlinie schallte permanent Radio BSC. Fast wirkte es so, als wären doch Zuschauer zugelassen. Spötter mögen sogar meinen, es hätte Vor-Corona-Spiele gegeben im weiten Rund des Berliner Olympiastadions, die mit weniger Stimmung und Unterstützung auskommen mussten. Der Spielverlauf tat sein Übriges. Irgendwann wedelte nicht nur Finanzvorstand Ingo Schiller mit Hertha-Fahne von den Rängen, sondern grölten auch die Ersatzspieler in Richtung Rasen. Mit solchem Nachdruck, dass sich Patrick Ittrich, der vierte Offizielle der Partie, zehn Minuten vor Spielende dazu genötigt sah, den Stimmwundern auf der Ersatzbank der Hertha eine Mahnung zur Ruhe zu übermitteln. War ja aber auch schon fast 20 Uhr.

5. Mit Mentalität zur Sentimentalität

Pal Dardai wirkte nach dem Abpfiff und am Mikrofon des rbb fast schon gerührt. "Die Jungs haben die Egos zur Seite geschoben. Jeder macht richtig mit, wie eine Hertha-Familie", sagte der Ungar und wirkte dabei stolz wie ein Sterne-Koch, dem das perfekte Gulasch gelungen ist, weil er die geheime Zutat Liebe entdeckt hat.

Aber es stimmte ja auch, die Mannschaft wirkte tatsächlich wie eine Familie. Jeder Fehler eines Herthaners schien einem Mitspieler als Chance, sich für ihn in die Bresche zu werfen. Selbst Nemanja Radonjic, der nach seiner Einwechslung in Mainz noch wirkte, als trage er eher zufällig ein Hertha-Trikot, arbeitete nach hinten mit, unterstützte Linksverteidiger Jordan Torunarigha. Und machte so sein wohl bestes Spiel überhaupt für die Berliner. Auch nach Fehlpässen war kein Abwinken oder Kopfschütteln zu sehen, stattdessen munterten sich die Spieler nach jeder gelungenen Aktion gegenseitig auf. "Es wächst etwas zusammen", sagte Pal Dardai dann noch. Eine Aussage, an der angesichts dieses Darbietung wenig auszusetzen ist. Außer vielleicht, dass sie nicht von Geigenmusik unterlegt war.

Sendung: rbb UM6, 06.05.2021, 18.15 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Also mir fehlt das "Gegröhle". Ich bin froh, wenn wir wieder alle in die Stadien können.....

  2. 1.

    Hertha ist auf dem richtigen Weg. Vielleicht ist es auch in der aktuellen Situation zum Vorteil, das im leeren Stadion gespielt wird - ohne das Gegröhle und der hohen Erwartungshaltung der fordernden Fans.
    In diesem Sinne : Ha-Ho-He Hertha BSC!!! (Die drei Ausrufezeichen stehen für die hoffentlich erspielten drei Punkte am Sonntag gegen Arminia Bielefeld)

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