Interview | Ex-Herthaner Fabian Lustenberger - "So eine Situation wie jetzt schweißt auch zusammen"

Ex-Herthaner Fabian Lustenberger (imago images/Manuel Winterberger)
Bild: imago images/Manuel Winterberger

Zwölf Jahre spielte der Schweizer Fabian Lustenberger für Hertha BSC, ehe er vor zwei Jahren zurück in seine Heimat ging. Ein Gespräch über Höhen und Tiefen in Berlin, Siegermentalität und die Vorzüge von Pal Dardai.

rbb|24: Fabian Lustenberger, Sie haben sich vor drei Wochen einen Achillessehnenriss zugezogen und mussten operiert werden. Wie geht es Ihnen inzwischen?

Fabian Lustenberger: Die erste Reha-Phase ist gut verlaufen, die Wundheilung ebenfalls. Jetzt versuche ich, möglichst schnell wieder gesund zu werden. Insgesamt ist die Rede von sechs bis neun Monaten Ausfallzeit. Aber letztlich geht es vor allem darum, wieder vollständig fit zu sein.

Die Schweizer Meisterschaft mit den Young Boys Bern konnten Sie immerhin noch auf dem Platz feiern, als Kapitän der Mannschaft. Es war bereits der vierte Titel in Folge. Verraten Sie uns doch bitte ihr Geheimnis!

Uns macht gut, dass wir eingespielt sind, dass in den letzten Jahren gut gearbeitet wurde im Verein. Ich merke das tagtäglich: Es herrscht ein gutes Klima, von oben nach unten. Wenn im Verein gute Strukturen bestehen, es klare Abläufe gibt, dann ist das Endprodukt auch meistens Erfolg. Bei uns ist es das auf jeden Fall. Hinzu kommt nach jetzt vier Meistertiteln in Folge natürlich auch ein gewisses Selbstverständnis. Nach dem Motto: Wenn wir an unsere Grenze kommen, wenn wir unsere Leistung abrufen, dann können uns Wenige schlagen. Das ist ein gutes Gefühl.

Von Titeln konnten Sie in den zwölf Jahren bei der Hertha BSC ja nur träumen. Denken Sie dennoch gerne an die Zeit zurück?

An jeden einzelnen Tag. Klar gab es auch schwierige Momente, das ist ganz normal, wenn man so lange in einem Verein ist. Aber grundsätzlich bereue ich keine Sekunde, damals diesen Schritt gemacht zu haben.

Welche waren denn die schwierigen Momente?

Natürlich die Abstiege, vor allem der zweite mit dem Relegationsspiel in Düsseldorf, wo ich auf der Tribüne saß. Und dann stehst Du da und weißt nicht, was passiert. Und dann das Nachspiel mit der Gerichtsverhandlung. Der ganze Verein wusste nicht, wie es weitergeht. Deswegen war das sicher eine sehr, sehr schwierige Phase.

Und die guten Erinnerungen?

Wir hatten die Aufstiege, die schön waren. Mit Pal Dardai haben wir uns für die Europa League qualifiziert. Meinen Abschied fand ich persönlich überragend. Auch wenn wir das letzte Spiel auf den Sack gekriegt haben gegen Leverkusen (Hertha verlor zu Hause mit 1:5, Anm. d. Red.), aber das ganze Drumherum, mit den Zuschauern, mit der Abschiedsfeier, die ich organisiert habe, das sind alles Sachen, die man in Erinnerung behält.

Haben Sie denn noch Kontakt nach Berlin?

Nicht mehr allzu viel, das muss ich zugeben. Weil die Spieler, mit denen ich damals viel zu tun hatte, die sind auch nicht mehr da. Deshalb ist der Kontakt eher noch zu Leuten außerhalb der Mannschaft da. Mit Henrik Kuchno (Fitnesstrainer der Hertha, Anm. d. Red.) zum Beispiel. Oder mit Leuten, die nicht mehr dort sind, die ich aber in meinem zwölf Jahren in Berlin kennengelernt haben. Zu Sami Allagui etwa habe ich noch guten Kontakt, oder zu Maik Franz.

Aber die Spiele der Mannschaft verfolgen Sie schon noch?

Der Fokus ist nicht mehr so auf der Hertha, dass ich mir zu jedem Spiel einen Wecker stelle. Aber das Spiel auf Schalke zum Beispiel habe ich mir angeschaut, so gut es ging. Ich habe nebenbei auf die Kinder geschaut. Man verfolgt es, man fiebert ein bisschen mit und man drückt natürlich die Daumen, weil man durch die zwölf Jahre so mit dem Verein verbunden ist, dass man ihm nur das Beste wünscht. Und nach den schwierigen Wochen sieht es jetzt ja ganz gut aus und ich hoffe, dass es noch die zwei Spieltage anhält und die Klasse gehalten wird.

Was muss sich innerhalb des Vereins verändern, damit die Resultate in der nächsten Saison näher an die Ansprüche in Berlin herankommen?

Schwierig. Sehr schwierig.

Sie lachen.

Ich kann mich nur erinnern, als Pal Dardai das Erste mal kam, da hat er uns auch vor dem Abstieg gerettet. Und in den dann folgenden drei Jahren haben wir zwei Mal die Europa League erreicht. Es geht im Fußball so schnell. In die eine oder die andere Richtung. Es ist immer schwierig zu sagen, was sich ändern muss. Ich habe es eingangs gesagt: Wenn die Strukturen passen, wenn die richtigen Leute am Werk sind, dann kann man erfolgreich sein. Und Hertha war erfolgreich und wird auch wieder erfolgreich sein. Im Fußball gibt es diese Auf’s und Ab’s. Die wenigsten Mannschaften sind davon nicht betroffen. Wenn ich bedenke, dass Wolfsburg vor wenigen Jahren noch zwei Mal hintereinander in der Relegation war, dann sagt das schon alles.

Was für Spielertypen braucht die Mannschaft Ihrer Meinung nach?

Das ist schwierig, weil ich die Leute, die jetzt da sind, nicht kenne. Als ich da war, war es eine starke Gruppe. Da war Salomon Kalou, der sehr viel Erfahrung hatte. Da war Vedad Ibisevic, der sehr viel Erfahrung hatte. Da waren Per Skjelbred, Thomas Kraft, Basti Langkamp. Die Mischung hat gestimmt, zwischen älteren und jungen. Und es ist ein wichtiger Faktor, dass die Achse stabil ist. Das hätte Hertha, aber ich glaube auch, dass man ein bisschen Zeit haben muss, um einen Umbruch zu vollziehen. Wenn man sieht, wieviele Leute gekommen sind in den letzten zwei Jahren. Da ist es normal, dass man nicht so eingespielt ist und so funktionieren kann. Aber vielleicht schweißt eine Situation, wie sie jetzt ist, auch zusammen. So wie es bei uns damals war.

Sie kennen Hertha-Coach Pal Dardai gut, haben selber vier Jahre unter ihm gespielt. Ist er auch für die Zukunft der richtige Mann an der Seitenlinie?

In erster Linie war jetzt wichtig, dass die Stabilität wieder zurückgekommen ist. Das hat er damals mit uns geschafft und das hat er auch jetzt wieder geschafft. Wenn Du Abstiegskandidat bist und sieben Spiele in Folge nicht verlierst, dann ist das ein gutes Zeichen. Und ich glaube, dass darauf in der Berichterstattung viel zu wenig Aufmerksamkeit liegt. Ob Pal Dardai der richtige Trainer für die kommende Saison ist, das ist für mich aus der Ferne schwierig. Die Leute die kommen, mit Fredi Bobic, die müssen definieren, in welche Richtung es gehen soll.

Hertha hat jetzt noch zwei Spiele, gegen Köln und gegen Hoffenheim. Was glauben Sie, wo steht Hertha am Ende?

Sie holen vier Punkte aus den zwei Spielen. Dann sind sie gerettet und welcher Tabellenplatz es dann genau ist, glaube ich, interessiert keine Person. Mir persönlich wäre das jedenfalls relativ egal.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Lukas Scheid.

Sendung: rbb UM6, 13.05.2021, 18 Uhr

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