Sportpsychologe Georg Froese (rbb)
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Video: Abendschau | 02.05.2021 | Hans-Christian Dexne | Bild: rbb

Interview | Sportpsychologe über Hertha BSC - "Es geht darum, die eigene Angst zu bekämpfen"

Während Herthas Mannschaft für 14 Tage in Quarantäne musste, konnte die Konkurrenz im Abstiegskampf mächtig punkten. Was das für die Psyche der Berliner bedeutet und was Trainer Pál Dárdai nun schaffen muss, sagt der Sportpsychologe Georg Froese im Interview.

rbb: Georg Froese, aus psychologischer Sicht: Ist es ein Vor- oder Nachteil für Hertha BSC, aus der Quarantäne zu kommen und jetzt diese Spiele zu haben?

Georg Froese: Ein ganz klarer Nachteil. Vor der Quarantäne war man noch über dem Strich. Das hat Hertha in dieser Saison eigentlich immer gehabt, das ist Neuland jetzt. Dann haben die anderen Mannschaften so unglaublich viel gepunktet. Das dürfte ein gehöriges Handicap sein für die Mannschaft und das muss man erstmal verarbeiten.

Warum? Was muss man da verarbeiten?

Hertha ist ja mit ganz anderen Ambitionen in die Saison gestartet. Die Spieler, die verpflichtet wurden, verfolgen andere Ziele als Abstiegskampf in der Bundesliga. Und das kann man nicht einfach von heute auf morgen eintrainieren oder umstellen. Das ist einfach ein riesiges Problem im mentalen Bereich.

Mainz und Köln haben jetzt zweimal gewonnen, unter anderem gegen Bayern und Leipzig. Was macht das mit einer Mannschaft? Wenn man nur zusehen kann und etwas erlebt, womit man vermutlich nicht gerechnet hat.

Das ist unglaublich frustrierend. Man versucht sich natürlich einzureden, dass man auf die eigene Leistung guckt, dass man sein eigenes Programm absolviert. Aber du sitzt natürlich dort und hoffst, dass die Konkurrenz patzt oder nicht gewinnt. Und wenn dann so ein Sieg gegen Bayern (Mainz gewann mit 2:1, Anm. d. Red.) kommt, das ist frustrierend und macht die Aufgabe auf keinen Fall leichter.

Wie sollte ein Trainer wie Pal Dardai damit umgehen?

Er macht das super gut. Er steht ja für das Kämpfen. Aber er schafft es eben auch, ein gewissen Lockerheit zu transportieren, die unheimlich wichtig ist. Denn das im Abstiegskampf über Einsatz gewonnen wird, das ist die landläufige Meinung, stimmt aber überhaupt nicht. Es geht in erster Linie darum, die eigene Angst zu bekämpfen. Da hilft Lockerheit und ein Trainer, der transportiert "Wir schaffen das!", der positive Signale sendet, unheimlich.

Welche Vorteile kann diese Situation für Hertha mit sich bringen?

Schwierige Frage. Wenn man es zum Beispiel schafft, in Führung zu gehen, wenn man es schafft, in der Kabine eine Siegermentalität hervorzukehren, dann kann so etwas auch eine Dynamik entwickeln. Das kann sehr befreiend, sehr motivierend sein für die Mannschaft.

Auf wen kommt es dabei besonders an?

In erster Linie auf die Stürmer. Weil sie treffen müssen, weil sie sich viel trauen müssen.

Wie wichtig ist das erste Spiel gegen Mainz?

Da hängen die Trauben sehr hoch. Mainz hat mit dem Lauf, mit dem Trainerwechsel eine unglaubliche Power. Es wird sehr schwer, dort zu bestehen. Das könnte auf jeden Fall ein Weg für Hertha sein. Dort einen Punkt mitnehmen, vielleicht sogar gewinnen, das könnte der Mannschaft das entsprechende Selbstvertrauen geben, auch in die weiteren Spiele zu gehen.

Sollten die Herthaner die Tabelle ignorieren oder gerade im Gegenteil immer wieder anschauen?

Es wäre gut, wenn man sie ignorieren könnte. Aber es guckt natürlich jeder ständig drauf. Insofern ist jedem bewusst, was die Stunde geschlagen hat. Im bisherigen Saisonverlauf hat Hertha ungefähr einen Punkt pro Spiel geholt. Wenn man dieser Rechnung folgen würde, dann würde man auch nach den drei Nachholspielen bestenfalls auf dem Relegationsplatz stehen.

Wie behält man trotz dieser Ausgangslage einen kühlen Kopf?

Man braucht Mut. Und es muss sich in der Mannschaft so eine Stimmung bilden, dass man das schafft. Dass man die Qualität hat. Der Trainer muss seinen Teil dazu beitragen, dass diese Stimmung da ist. Man braucht aber auch Lockerheit. Unter Angst spielt es sich schlecht, es werden schlechtere Entscheidungen getroffen, die Feinmotorik funktioniert nicht. Dann springen die Bälle ein bisschen weiter weg und das reicht dann auf diesem Niveau schon. Man muss mit breiter Brust in so ein Spiel gehen. Und dann helfen die ersten ein, zwei Aktionen. Dass man auch wirklich merkt: Okay, das haben wir uns nicht nur eingeredet - es klappt wirklich.

Sie haben selbst Regionalliga gespielt. Für Hertha stehen jetzt sechs Spiele in 20 Tagen an. Wie schätzen sie das Thema "körperliche Belastung" ein?

Das ist natürlich enorm und ein weiterer Nachteil für Hertha. Auf der anderen Seite ist das jetzt der Endspurt und für den Endspurt kann man nochmals die letzten Reserven aktivieren. Daher denke ich, das sollte nicht unbedingt das Thema sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christian Dexne für rbb UM6.

Sendung: rbb UM6, 02.05.2021, 18.15 Uhr

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