Stahl Brandenburg in letzter DDR-Oberliga-Saison - Das verspätete Wunder von der Havel

Kader des BSV Stahl Brandenburg 1991
Video: rbb Brandenburg Aktuell | 25.05.2021 | Uri Zahavi | Bild: IMAGO / WEREK

Vor 30 Jahren endete die letzte Saison der höchsten DDR-Fußballliga. Stahl Brandenburg scheiterte zunächst an der direkten Qualifikation für die 2. Bundesliga, jubelte später aber doch überraschend. Danach ging es für den Stahlarbeiter-Verein bergab. Von Lukas Scheid

Der Jubel am 25. Mai 1991 war grenzenlos – allerdings nicht bei den Spielern und Fans aus Brandenburg an der Havel, sondern bei deren Gegnern. Am letzten Spieltag der allerletzten DDR-Oberliga-Saison 1990/91 empfing Rot-Weiß Erfurt den BSV Stahl Brandenburg. Stahl brauchte einen Sieg, um sich als Sechster in der Tabelle für die künftige gesamtdeutsche 2. Bundesliga zu qualifizieren. Erfurt musste ebenfalls gewinnen, um sich als Dritter nicht nur für die zweite Liga, sondern auch für den UEFA Pokal zu qualifizieren.

Die "Schicksalssaison" nach der Wende

Es waren wilde Zeiten im DDR-Fußball. Viele der Top-Spieler, darunter Matthias Sammer und Ulf Kirsten, hatten ihre Vereine nach der Wende längst gen Westen verlassen. Die Ost-Klubs spielten in der Saison 1990/91 nicht nur die letzte Meisterschaft in der sich während der Saison aufgelösten DDR aus, sondern buhlten vor allem um die begehrten Plätze im künftigen deutschen Profifußball. Zwei DDR-Mannschaften sollten in die erste Bundesliga eingegliedert werden und weitere sechs in die zweite Liga. "Es war eine Schicksalssaison", erzählt Friedhelm Ostendorf, der heutige Vorstandsvorsitzende des FC Stahl Brandenburg, dem Nachfolgeverein des BSV Stahl. "Die Frage war: Wie geht man aus der Saison raus? Ist man am Ende in der Bundesliga oder geht man in die zweite Liga?"

Ostendorf war damals als Fan mit dabei. Seinen Stammplatz hatte er neben dem Stadionsprecher-Häuschen im Stadion am Quenz. In einem gebundenen Buch sammelte er damals fast alle Zeitungsberichte über den Stahlarbeiter-Verein aus Brandenburg an der Havel. "Zur Saison-Halbzeit waren wir Vierter, punktgleich mit dem Zweiten, Dynamo Dresden", erzählt er von dieser schicksalhaften Zeit für den Verein. Doch Ostendorf musste mit ansehen, wie Stahl den Saisonendspurt vergeigte. An jenem 25. Mai – dem letzten Spieltag der letzten Oberliga-Saison – verloren die Brandenburger gegen Erfurt trotz Halbzeitführung mit 1:2 und rutschten in der Abschlusstabelle auf Platz acht ab. Die direkte Qualifikation für die zweite Liga war dahin. "Gewinnt man das Spiel, geht man als Vierter hinter Rostock, Dresden und Halle ins Ziel", erinnert sich Ostendorf.

Auf die Enttäuschung folgte das Wunder

Doch es gab noch Hoffnung, denn die letzten beiden Startplätze für die zweite Liga wurden über eine Relegationsrunde mit insgesamt acht Mannschaften in zwei Vierergruppen jeweils mit Hin- und Rückspiel vergeben. Gegen den FC Berlin, Magdeburg und einen gewissen FC Union Berlin brauchte es ein Wunder für die Brandenburger, um sich durchzusetzen.

Allerdings ging es längst nicht mehr nur um die sportliche Zukunft des Klubs, sondern um die gesamte Existenz des Vereins. Die bisherige Lebensgrundlage und der Hauptsponsor des Vereins – das Stahl- und Walzwerk in Brandenburg an der Havel – stand nach der Wende vor dem Aus. 3.000 Entlassungen und die verzwickte finanzielle Situation des Werks sorgten schon während der Saison für eine ungewisse sportliche Perspektive. Die Qualifikation für das Profigeschäft galt deshalb auch als einzige Chance für neue Sponsoren. "Es war eine unsichere Zeit, weil man überhaupt nicht wusste, welcher Betrieb weiter existieren würde", beschreibt Ostendorf die damalige Lage bei Stahl.

Das Wunder gelang. Mit einem 2:0 bei Union Berlin im Stadion An der Alten Försterei am letzten Spieltag der Relegationsrunde machte Stahl die Eingliederung in die zweite Bundesliga perfekt. "Es war ein sonniger Tag, schöner Fußball und ein tolles Fest", schwärmt Ostendorf noch heute. Der damalige Torwart, Detlef Zimmer, erinnert sich an pure Ekstase bei den Stahl-Fans: "Zum Schlusspfiff standen sie hinter meinem Tor. Wie die sich gefreut haben – das war für uns auch eine Genugtuung, denen das zurückzugeben, weil sie jahrelang an uns geglaubt haben und den Verein mitgetragen haben."

Der bittere Absturz von Stahl Brandenburg

Stahl blieb Profi-Mannschaft, Union musste zu den Amateuren. Heute ist es genau andersherum. Union ist Bundesligist, Stahl kickt sechs Ligen darunter in der Landesliga. Der Absturz begann schon unmittelbar nach der Eingliederung in den bundesdeutschen Profifußball. In der Saison 1991/92 stieg Stahl ab und war plötzlich wieder raus aus dem Profigeschäft. "Wir hätten nicht absteigen müssen, das war vollkommen unnötig“, sagt Zimmer und erinnert an eine über weite Strecken solide Saison damals. Er ist überzeugt, wäre Stahl nicht abgestiegen, hätten sich auch weiterhin Sponsoren aus anderen Teilen Deutschlands finden lassen. Doch ohne die nötigen Geldgeber ging es weiter bergab.

Zum Zeitpunkt der Insolvenz des Vereins 1998 war Stahl sportlich bereits in die fünfte Liga abgestiegen. Der BSV Stahl Brandenburg wurde aufgelöst, das Spielrecht übernahm der Nachfolgeverein FC Stahl Brandenburg. Den Abwärtsstrudel konnte der Namenswechsel jedoch nicht aufhalten - es ging weiter runter bis in die siebte Liga. So bleibt den Fans und ehemaligen Spielern heute nur noch die Erinnerung an eine ereignisreiche Zeit des Profifußballs in Brandenburg an der Havel.

Sendung: Inforadio, 25.05.2021, 12:15 Uhr

Beitrag von Lukas Scheid

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