Interview | Pokalhelden der Herzen - "Es war eine Schlammschlacht"

Sven Beuckert hält Elfmeter / IMAGO / Contrast
Bild: IMAGO / Contrast

Vor 20 Jahren stand der damalige Drittligist Union Berlin im Finale des DFB-Pokals. Die rbb-Doku "Eisern Union - Pokalhelden der Herzen" (26.05.2021, 22:15 Uhr im rbb) erzählt die unglaubliche Reise, an der auch Torwart Sven Beuckert erheblichen Anteil hatte.

Als Drittligist war jeder Sieg von Union Berlin im DFB-Pokal ein riesiger Erfolg für den Verein. Doch als die Köpenicker im Viertelfinale den Bundesligisten VfL Bochum aus dem Wettbewerb warfen, bahnte sich eine echte Sensation an. Das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Borussia Mönchengladbach ist legendär. Sven Beuckert hielt zwei Elfmeter und Union zog ins Finale ein. Dort unterlagen die Pokalhelden dem FC Schalke mit 0:2, doch die DFB-Pokalreise des 1. FC Union ging dennoch in die Geschichtsbücher ein. Die rbb-Dokumentation "Eisern Union - Pokalhelden der Herzen" (26.05.2021, 22:15 Uhr im rbb) erzählt die Reise nach, gemeinsam mit einem der Protagonisten von damals.

rbb|24: Sven Beuckert, wie sind Sie damals in die Saison 2000/01 gegangen? Lag der Fokus auf dem Pokal?

Sven Beuckert: Nein, der absolute Fokus war der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Wir haben alles darangesetzt und der Kader war so zusammengestellt, dass wir aufsteigen. Der Pokal kam eigentlich nur dazu.

Zu den ersten drei Pokalspielen gegen Oberhausen, Fürth und Ulm kamen jeweils nur 3.000 Zuschauer ins Stadion an der Alten Försterei. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Pokal und Aufstiegsziel anschließend verändert?

Ich glaube, dass wir am Anfang die Pokalspiele nur genutzt haben, weil sie gespielt werden mussten. Der Fokus lag wirklich nur auf dem Aufstieg. Alles andere haben wir untergeordnet. Aber als es dann so weit war, haben wir gesagt: Wenn wir einmal die Chance haben, mit fünf Spielen ins DFB-Pokalfinale in Berlin zu kommen, nehmen wir das natürlich mit. Obwohl wir nicht davon ausgegangen sind, dass wir in dem Jahr das Finale spielen würden.

Das Viertelfinale gegen Bochum fand kurz vor Weihnachten unter Flutlicht an der Alten Försterei statt. Wie war die Atmosphäre – dann mit 11.000 Zuschauern?

Ich habe es leider nur 30 Minuten miterleben dürfen. Ich habe nur noch Schwarz gesehen, auch kein Flutlicht mehr und musste mit einer Gehirnerschütterung ausgewechselt werden. Es kam ein langer Ball in die Tiefe. Ich bin rausgegangen, habe mich reingeschmissen und Mandreko (Sergei Wladimirowitsch Mandreko, Anm. d. Red.) ist über mich hinweg gesprungen, hat mich aber mit dem Knie an der Schläfe getroffen. Damit war das Spiel für mich beendet.

Ich habe es dann aus der Kabine nur noch gehört. Robert Wulnikowski ist für mich reingekommen und hat ein riesiges Spiel gemacht. Daniel Ernemann hat in der 90. das entscheidende 1:0 gemacht, dann war der Jubel natürlich überschwänglich. Ich bin dann noch bisschen taumelnd wieder rausgegangen – ich hatte ja 75 Minuten Zeit, mich zu erholen (lacht).

Dann kam das Halbfinale gegen den damaligen Zweitligisten Gladbach, wo allerdings viele ehemalige Bundesligaspieler spielten. Wie hattet ihr euch darauf vorbereitet?

Nach dem Bochum-Spiel war erstmal die Weihnachtspause und wir wussten, dass das erste Spiel direkt wieder im Pokal ist. Wir hatten Selbstvertrauen, waren eine gute Mannschaft und in der Saison lief es auch ganz gut. Wir hatten deswegen keine Angst und haben das angenommen.

Das Spiel stand dennoch auf der Kippe. Was war da los am Tag davor im Stadion?

Es lagen etwa 15 Zentimeter Schnee auf dem Platz. Niemand wusste so richtig, ob das Spiel gespielt oder ob es abgesagt wird. Wir wollten unbedingt spielen, Gladbach wollte unter solchen Bedingungen nicht spielen. Dann kamen rund 250 Fans und haben das Stadion geräumt. Die haben alle eine Schneeschippe gekriegt und am Ende hat der Schiedsrichter auch angepfiffen. Aber es war eine Schlammschlacht.

Es war auch das Trainer-Duell Hans Meyer gegen Georgi Vasilev. Was hat Vasilev euch vor dem Spiel gesagt?

Vasilev hat eigentlich immer das Gleiche gesagt. Der hat uns stark geredet und den Gegner analysiert. Wir hatten individuelle Klasse und Schlitzohrigkeit. Bei den Platzverhältnissen sprach alles für uns und nicht für den Zweitligisten, weil die den Fußball nicht so spielen konnten, wie sie es gerne wollten.

Sie sind dann im Elfmeterschießen zum Helden geworden. Waren Sie darauf vorbereitet?

Wir haben die Schützen nicht so analysiert, wie man das heute machen würde. Ich habe damals instinktiv entschieden, wo ich hinspringe. Entscheidend war aber, dass Vasilev vor dem Elfmeterschießen zu mir kam und meinte: Bleib lange stehen bei Arie van Lent, der schießt meistens in die Mitte. Ich bin dann lange stehen geblieben, das hat ihn glaube ich verunsichert.

Sie haben van Lents Schuss gehalten. Wie war es beim zweiten Elfmeter von Max Eberl?

Eigentlich wollte ich immer in die rechte Ecke springen, also habe ich auch bei Max gesagt, ich gehe volle Pulle rechts. Ich musste meine 1,95 Meter echt lang machen, damit ich den halte, denn der war gar nicht so schlecht geschossen.

Nach dem entscheidenden Elfmeter von Ronny Nikol sind hinter Ihnen die Leute ausgerastet. Es waren jetzt 18.000 Leute da – Rekord für Union. Wieviel haben Sie davon mitgekriegt?

Man ist im Tunnel und kriegt nicht so viel davon mit. Man hat das erst im Nachhinein mitbekommen, wie die Fans gefeiert haben. Ich habe nur gesehen, wie alle gejubelt haben und dann brachen alle Dämme.

Es ging dann Richtung Finale. Sie hatten zwischenzeitlich den Aufstieg in die zweite Liga perfekt gemacht. Wie haben Sie es geschafft, sich nach dem großen Ziel wieder auf den Pokal zu fokussieren?

Wie gesagt, der Fokus lag absolut auf dem Aufstieg. Den haben wir dann geschafft und dann war natürlich der Fokus auf dem Pokalfinale. Wir haben uns dann auch sehr akribisch darauf vorbereitet, hatten aber sehr viel Selbstvertrauen mit einer erfahrenen Drittliga-Mannschaft. Der Trainer hat sich dann eine Strategie ausgedacht, wie wir Schalke schlagen können.

Wie haben Sie sich auf diese Weltklasse-Offensive, die Schalke damals mit Mpenza, Sand, Böhme, Möller und Asamoah hatte, vorbereitet?

Wir haben uns wie auf jedes Spiel vorbereitet. Wir wussten, dass wir eine gute Form hatten und Schalke gute Standards spielt. Leider hat es nicht gereicht.

Sie haben das Spiel mit 0:2 verloren. Wie groß war die Enttäuschung direkt nach dem Abpfiff?

Wir waren nicht chancenlos, wir hätten auch gewinnen können – deshalb waren wir enttäuscht. Am Ende haben wir gefeiert und waren glücklich, sowas miterlebt zu haben.

Was hat diese Saison für den Verein bedeutet?

Union Berlin hatte immer Rückschläge durch Lizenzentzug und Nicht-Aufstiege. Und dann kam so eine Saison, in der wir souverän den Aufstieg geschafft haben und im Pokalfinale gegen den Fast-Meister nicht ganz chancenlos waren. Da wusste ganz Deutschland, wer Union Berlin ist. Das war der Anfang des Erfolgs bei Union.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sendung: "Eisern Union - Pokalhelden der Herzen", 26.05.2021, 22:15 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Man kann ja lesen, was man will. Ich lese auch öfter mal was über Hertha: Kliensmann, Trainerwechsel, Millionenschulden und so weiter. Das finde ich auch sehr interessant. Übrigens habe ich mich auch gefreut, als Hertha die Klasse gehalten hat.

  2. 3.

    Zwingt Sie jemand?
    Lesen Sie doch weg.

    Und stellen Sie sich vor, es wird im mitgliederstärksten Sportverein Berlins und unter den vielen Fans und Symphatisanten drumherum bestimmt den ein oder anderen geben, der diesen und ähnliche Artikel mit Vergnügen liest.
    Erfolgreiche Clubs bekommen eben auch Medienraum und Reichweite ;-)

  3. 2.

    Es heißt ja auch „Und Niemals Vergessen Eisern Union „

  4. 1.

    Es reicht.
    Müssen wir bis zur nächsten Saison ständig über Union lesen?
    Ja, der Unioner will es so.

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