Analyse | Remis in Mainz - Herthas Lebenszeichen im Abstiegskampf

Di 04.05.21 | 08:18 Uhr | Von Till Oppermann
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Jubel nach einem Tor (Quelle: dpa/Camera4)
Bild: dpa/Camera4

Im ersten Spiel nach der Quarantäne ist Herthas befürchteter Zusammenbruch ausgeblieben. Zwar offenbarte das Team spielerische Schwächen, aber gute Standards. Geschlossenheit und ein breiter Kader könnten im Abstiegskampf zu Trümpfen werden. Von Till Oppermann

Wenn jemand bei Hertha BSC weiß, was es braucht, um als Mannschaft erfolgreich zu sein, dann ist es wohl Sami Khedira. Sieben Jahre nach dem Finale in Rio verkommt sein Weltmeister-Status in der Berichterstattung manchmal zur Phrase. Da darf man nicht vergessen, dass der Erfahrungsschatz einer Karriere mit insgesamt 17 Titeln seinen Worten auch im Abstiegskampf großes Gewicht verleiht. Jede erfolgreiche Mannschaft könne nur gewinnen, wenn sie wie eine Familie auftritt, sagte er nach dem Spiel in Mainz beim Pay-TV-Sender Sky. "Es geht nur mit Teamgeist, wenn jeder für jeden kämpft."

Hertha beweist Geschlossenheit

In dieser Hinsicht spielte sich die wohl aufschlussreichste Szene am Montagabend nach dem Abpfiff des 1:1 Remis in Mainz ab. Noch auf dem Platz kam der gesamte Kader zusammen und bildete mit dem Trainerstab und Sportdirektor Arne Friedrich einen engen Kreis. Demonstrative Geschlossenheit, besonders beschworen von Friedrich, der sich bei seiner Ansprache immer wieder aufs Herz klopfte. Den genauen Wortlaut wollte Khedira auf Nachfrage nicht verraten. Aber: "Arne ist für den Verein und die Mannschaft sehr wichtig." Die positive Art von ihm und Trainer Pal Dardai könnte ein großer Trumpf im Kampf gegen den Abstieg sein.

Häufig in dieser Saison wirkte Herthas junges Team verunsichert und unbeteiligt. Gegen Mainz zeigten die Spieler ein anderes Gesicht. Auch wenn den Herthanern mit und ohne Ball lange sehr wenig gelang, kämpften sie um jeden Meter, kommunizierten untereinander lebhaft und forderten selbst bei Einwürfen im Niemandsland vehement den Ball ein. Das sei nicht immer so gewesen, erinnerte sich Khedira, dessen Lob auch Dardai galt: "Der Trainer und einige Spieler haben in der Kabine eine gute Ansprache." Glaubt man dem gelobten Coach, gilt das für Khedira ebenso. Nicht umsonst bezeichnete Dardai den Routinier am Wochenende als seinen verlängerten Arm." In Mainz wechselte er ihn trotzdem nach ungefähr einer Stunde aus. Die Begründung: "Sami hat gut gespielt, aber ich wollte kein Risiko eingehen."

Mainz dominiert die Zentrale

Bedenkt man, dass das Duell mit den Mainzern nach Herthas zweiwöchiger Corona-Quarantäne das erste von sechs Spielen in 19 Tagen im Kampf um den Klassenerhalt war, ist dieser Impuls verständlich. Allerdings sprachen auch rein sportliche Gründe dafür, Khedira aus dem Spiel zu nehmen, denn die Alte Dame hätte zu diesem Zeitpunkt längst aussichtslos zurückliegen können.

Die Gastgeber dominierten das Spiel ab der ersten Minute. Obwohl Dardai seine Mannschaft im gewohnten 5-3-2-System mit drei zentralen Mittelfeldspielern aufs Feld schickte, kontrollierte Mainz die Mitte des Feldes. Ein aggressives und hohes Pressing unterband jeden Versuch der Gäste aus der Hauptstadt, einen kontrollierten Spielaufbau aufzuziehen. Es gelang Hertha kaum, sich aus der eigenen Hälfte zu befreien.

In der Folge stand Herthas Defensive zu tief. Immer wieder spielten die Mainzer erst Pässe zwischen Herthas Innenverteidiger und gewannen dann die zweiten Bälle. Mainz konnte sich so vor dem Tor festsetzen und kam insbesondere durch Jean-Paul Boetius zu erstklassigen Gelegenheiten. Khedira und Lucas Tousart, seinem Partner im defensiven Mittelfeld, gelang es zu keinem Zeitpunkt die Lücken vor dem Strafraum zu schließen. Auch das Gegentor durch den wunderbaren Fernschuss von Phillipp Mwene ist auf diese Schwäche zurückzuführen. Eine Flanke in den Sechzehner klärte die Abwehr so kurz, dass der Torschütze den Ball kurz hinter der Strafraumkante ohne Druck annehmen und abschließen konnte. Diesen Platz hatte er nur, weil sich Khedira und Tousart zu tief im Strafraum befanden, anstatt den Rückraum abzusichern.

Herthas Standards und die Wechsel machen Mut

Zu Herthas Glück hatte ausgerechnet Tousart einige Minuten zuvor mit seinem ersten Bundesliga-Tor die Führung erzielt. Trotz Herthas spielerischer Unterlegenheit war auch dieser Treffer keine Überraschung. Denn nach Standardsituationen zeigte sich Dardais Mannschaft nach der Quarantäne wie ausgewechselt. Bevor Tousart eine Freistoßflanke von Marton Dardai zum 1:0 verwertete, kamen die Herthaner bereits zwei Mal gefährlich zum Abschluss - jeweils nach einem ruhenden Ball. Eine gute Quote für ein Team, das mittlerweile seit weit über 100 Eckbällen auf einen Torerfolg wartet. Insbesondere in den direkten Duellen mit Köln und Bielefeld könnte es darauf besonders ankommen. Der gut aufgelegte Torhüter Alexander Schwolow sprach mit Blick auf die kommenden Wochen einen weiteren Trumpf seiner Mannschaft an: "Wir haben einen sehr breiten Kader."

Man habe gut gewechselt, bemerkte auch Dardai. Nachdem er in der Halbzeitpause die Offensivkräfte Matheus Cunha und Jhon Cordoba anwies, den defensiven Mittelfeldspielern dabei zu helfen, das Loch in der Zentrale zu schließen, befreite sich die Mannschaft nach und nach aus dem engen Korsett des Mainzer Pressings. Und mit der Einwechslung von Santiago Ascasibar und Vladimir Darida für Tousart und Khedira gelang es den Hauptstädtern in der letzten halben Stunde auch endlich einige eigene Akzente zu setzen.

"Je mehr Zeit verging, desto bessere Spielzüge haben wir gezeigt", bemerkte Dardai. Die größte Chance auf den Siegtreffer nach der Pause habe Hertha gehabt. Eine Anspielung auf die 82. Spielminute, in der Krzysztof Piatek aus drei Metern das Tor verfehlte. In der Entstehung zeigte Darida, was Hertha vor seiner Einwechslung fehlte: Nachdem der dynamische Tscheche erst aus dem Mittelfeld einen Pass auf die linke Außenbahn gespielt hatte, ging er schnurstracks mit vollem Tempo in die Tiefe, bekam den Ball zurück in den Lauf und servierte für Piatek.

Jetzt braucht die Alte Dame Siege

Auch wenn es nicht für einen Sieg reichte: Insbesondere in der zweiten Halbzeit bewies Dardais Team, dass es auch nach der Quarantäne wettbewerbsfähig ist. Ein Punkt in Mainz sei die gesamte Woche das Ziel gewesen, so der Cheftrainer. Aus den ausstehenden Nachholspielen gegen Freiburg und Schalke erwartet Dardai nun mindestens einen Sieg. Den eng getakteten Spielplan wollte er nicht aus Ausrede gelten lassen. Als er mit Hertha in der Champions League gespielt habe, sei die Belastung ebenso hoch gewesen. Seine Aufgabe besteht nun darin, den Kräfteverschleiß adäquat zu steuern. Das Unentschieden in Mainz war ein guter Anfang. Um die Klasse zu halten, muss Hertha Spiele gewinnen. "Es war nur ein Punkt", sagte auch Sami Khedira. "Aber trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung."

Sendung: Inforadio, 04.05.2021, 6 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

9 Kommentare

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  1. 9.

    Natürlich dann mit Zuschauern, alles andere kann man doch keinen normalen Menschen mehr erklären nach der ganzen impferei.

  2. 8.

    Zitat: "Ich denke, gegen Freiburg wird es leichter. Beim SC ist die Luft mehr oder weniger raus und man wird voraussichtlich dem einen oder anderen Nachwuchs- oder Ersatzspieler eine Chance geben, mal in der Buli zu spielen."

    Der SCF hätte noch die Chance "Europa" zu erreichen - es sind nur drei Punkte Rückstand auf Platz Sieben - und möchte vlt. auch vorm Lokalrivalen VfB abschließen. Aber klar, die Freiburger müssen noch gegen Bayern und Frankfurt ran und werden sich wschnl. nicht mehr allzu viel ausrechnen . . .

    Hertha wird den Klassenerhalt schon packen und dann gibts nächste Saison wieder Berlin Derbys - hoffentlich mit Zuschauern!

  3. 6.

    Wenn Sie weiter so kämpfen und spielen wie in der 2. Halbzeit, müsste es klappen. Man muss bedenken Mainz ist auch nicht ohne. Aber dann bitte nicht nochmal so eine Saison.

  4. 5.

    Wenn Sie weiter so kämpfen und spielen wie in der 2. Halbzeit, müsste es klappen. Man muss bedenken Mainz ist auch nicht ohne. Aber dann bitte nicht nochmal so eine Saison.

  5. 4.

    Für den ersten Auftritt nach der unfreiwilligen Pause war das doch ganz in Ordnung.

    Mit viel Glück hätten es auch drei Punkte sein können, mit etwas Pech auch gar keiner, alles in allem ist der Punkt OK. Man hat sich einspielen können und gleich etwas Zählbares mitgenommen bei einem Team, das zu den erfolgreichsten der Rückrunde zählt.

    Schwolow fand ich richtig stark, habe mich sehr über seine klasse Leistung gefreut. Cunha sollte noch ein bisschen an seinem Nervenkostüm arbeiten und nicht sich selbst, sondern die Mannschaft im Vordergrund sehen.

    Ich denke, gegen Freiburg wird es leichter. Beim SC ist die Luft mehr oder weniger raus und man wird voraussichtlich dem einen oder anderen Nachwuchs- oder Ersatzspieler eine Chance geben, mal in der Buli zu spielen.

  6. 3.

    Los Männer,2 Siege dann reicht's. Saison abhaken und nächstes Jahr mit Freddy angreifen.HAHOHE

  7. 2.

    Bisschen glücklich Herthie...Aber nach der Halbzeit ging es ja halbwegs.

  8. 1.

    Sehr gut, der Anfang ist gemacht.
    Bitte nachlegen! Dann klappt es.

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