Saisonrückblick Alba Berlin - Titeldurst vorerst gestillt

Alba-Kapitän Niels Giffey stemmt die Meisterschaftstrophäe im Kreis seiner Mitspieler(Quelle: imago images/camera 4+)
Audio: Inforadio | 14.06.2021 | Florian Hecht | Bild: imago images/camera4+

Alba Berlin blickt am Ende einer kräftezehrenden Saison auf eine verteidigte Meisterschaft und ein verlorenes Pokalfinale zurück. Coach Aito Garcia Reneses hat in vier Jahren ein echtes Spitzen-Team geformt. Von Friedrich Rößler

Der Titeldurst von Alba Berlin war über die Jahre angewachsen und lange ungestillt geblieben. Bevor der Berliner Basketballverein im Sommer 2017 den Spanier Aito Garcia Reneses als Chefcoach verpflichten konnten, hatte der Klub mit der Meisterschaft nicht mehr viel zu tun.

Sieben Titel in Folge von der Saison 1996/97 bis 2002/03 und vier Pokalsiege in dieser Alba-Ära hatten die Berliner Brust enorm anschwellen lassen. Und auch die Erwartungen.

Doch diese konnten in den Folgejahren mit nur einer Meisterschaft nicht mehr erfüllt werden, auch wenn Alba noch fünf Mal den Pokalsieg holte.

Mit dem Spielerverbesserer Aito Garcia Reneses läuteten die Alba-Verantwortlichen dann aber einen Umbruch ein - und auch den Anfang einer neuen Erfolgsserie. Der spanische Titelgarant brauchte allerdings etwas Anlauf zur ersten Trophäe und musste sich in fünf Finalteilnahmen fünf Mal geschlagen geben. In seiner ersten Saison bei den Berlinern stand "Aito" im Finale von Bundesliga und Pokal, in seiner zweiten wiederholte er das Kunststück und setzte mit dem Eurocup-Finale noch einen drauf.

Alba kann wieder Titel

Im dritten Jahr stellten sich dann endlich auch Erfolge ein. Mit dem Double aus Meisterschaft und Pokal bewiesen die Berliner, dass sie doch noch Finalspiele gewinnen können. Die Geduld mit dem spanischen Trainer hat sich mit der erfolgreichen Titelverteidigung 2020/21 in der Bundesliga ausgezahlt. Auch im Pokalfinale gegen Bayern München bestand die Chance, die Leistungen der Vorsaison zu wiederholen.

Dazu kommen die international beachteten Siege gegen Spitzen-Teams aus der Euroleague wie zum Beispiel der Erfolg bei ZSKA Moskau(93:88) oder der Auswärtssieg bei Valencia Basket. National gehören die Berliner wieder zu den Titelanwärtern.

Albas spanischer Chefcoach besitzt die Gabe, aus seinen Spielern alles heraus zu kitzeln und sie kontinuierlich zu verbessern. Das gilt sowohl für den Nachwuchs als auch für die Etablierten. Dazu versucht der 74-Jährige seinem Team kein starres Spielsystem auf zu zwingen, sondern er fordert von seinem Team, dass es sich dem Spielfluss anpasst.

Aus einer soliden Defensive soll mit schnellen Spielzügen ein Spieler freigespielt werden, der dann sicher punktet. Auch gern aus der Halbdistanz oder von der Dreierlinie. Das erfordert eine Menge Übung. Und eine entsprechende Teamzusammenstellung.

Mischung des Kaders stimmt

Dass bei Alba mittlerweile die Mannschaft der Star ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Breite, Fitness, Spielklasse - alles stimmt. Die enorme Belastung von 83 Spielen in drei Wettbewerben (Bundesliga, Pokal, Euroleague) der abgelaufenen Saison haben die Berliner passabel überstanden.

Ganz im Gegensatz zum Liga-Konkurrenten und Final-Gegner Bayern München. Der absolvierte sogar 90 Saisonspiele, klagte aber zum Ende der Spielzeit über zu viele verletzte Stammkräfte. Im Pokalfinale vor knapp einem Monat gewannen die Bayern noch gegen Alba mit 85:79, dank einer besseren Freiwurfquote und einer besseren Fitness. Durch das Weiterkommen in der Euroleague büßten sie aber sowohl ihre Kondition als auch ein paar individuelle Stärken ein. Auch dadurch gewann Alba in München die Finalspiele drei und das entscheidende vierte Spiel.

Stammspieler wie Niels Giffey, Luke Sikma, Johannes Thiemann, Marcus Eriksson oder Peyton Siva halten unter Trainer Aito ihr Niveau oder verbessern sich sogar punktuell. 2018/19 war Siva sogar bester Passgeber im Eurocup.

Neuzugänge integriert Albas Coach schnell und setzt sie dort ein, wo sie dem Gegner weh tun. Im ersten Finalspiel der Meisterschaft zum Beispiel gewann Alba die Partie dank einer starken Einzelleistung von Neuzugang Maodo Lo. In Spiel vier war es Jayson Granger, der das Spiel für seinen Klub entschied.

Auch er gehört neben Christ Koumadje, Ben Lammers und Simone Fontecchio zu den auffälligsten Neuzugängen, auf die ihr Coach baut. Das Management achtet dabei auf eine gute Mischung aus regionalen, nationalen und internationalen Spielern. Maodo Lo zum Beispiel erhöhte zum Saisonbeginn 2020/21 die Anzahl der gebürtigen Berliner im Team auf sechs.

Quo vadis, Aito?

Offen bleibt die Zukunft bei Alba. Der spanische Headcoach hat sich noch nicht zu einer Vertragsverlängerung geäußert. Auch im letzten Jahr überlegte Aito Garcia Reneses lange, ob er bei den Berlinern weitermacht. Mit 74 Jahren lassen sich die Strapazen einer langen und erfolgreichen Basketball-Saison nicht mehr so einfach bewältigen. Kapitän Niels Giffey zieht es wohl zum litauischen Top-Klub Zalgiris Kaunas, auch hinter dem Verbleib von Maodo Lo und Simone Fontecchio stehen Fragezeichen. Da wird das Management des Vereins erneut gefragt sein.

Eines hat Alba Berlin diese Saison aber bewiesen: Die lange und kräftezehrende Saison wurde mit der Titelverteidigung meisterhaft bewältigt. Das zeigt, dass der Verein in den vergangenen Jahren viele richtige Entscheidungen getroffen hat. Wenn das so bleibt, dürfte Berlin im nationalen Basketball weiterhin zu den Teams gehören, die große Ansprüche auf den Titel erheben. Eventuell können die Berliner in der kommenden Saison sogar auf internationaler Bühne stärker Fuß fassen.

Der Durst nach Erfolgen ist allerdings nur vorerst gestillt. Ein Spitzen-Team ist und bleibt bekanntlich immer heiß auf Titel.

Sendung: Inforadio, 14.06.2021, 10:16 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

1 Kommentar

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  1. 1.

    "... kein starres Spielsystem auf zu zwingen" AUF ZU ZWINGEN?
    Und leider kein Wort über Aitos Fähigkeit, die jungen Spieler auszubilden und sie in Albas Spiel einzubeziehen.

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