Interview | Herthas Nachwuchs-Trainer Ante Covic - "Meine Spieler sind wie kleine Pferde, die man bald loslassen kann"

Ante Covic beim Trainingsauftakt von Herthas U23 am 14.06.21 (Quelle:imago/Matthias Koch)
Bild: imago/Matthias Koch

Ante Covic war Herthas Profi-Trainer. Nach wenigen Monaten wurde er durch Jürgen Klinsmann ersetzt. Anderthalb Jahre später ist Covic zurück in Herthas U23. Bei rbb|24 spricht er über Ziele von Fredi Bobic, ungeduldige junge Spieler und Kevin-Prince Boateng.

Beliebtes Modell bei Hertha BSC: Wie auch Pal Dardai wurde der frühere Profi Ante Covic zunächst Nachwuchstrainer, trainierte von 2013 bis 2019 Herthas U23. Dann wurde auch Covic Chefcoach der Bundesligamannschaft. Nach wenigen Monaten musste er im November 2019 den Platz für Jürgen Klinsmann räumen. Nun ist Covic zurück bei Hertha, zurück in der U23. Seit dem 14. Juni läuft die Vorbereitung, am 23. Juli beginnt die neue Saison in der Regionalliga Nordost.

rbb|24: Herr Covic, wie geht es Ihnen mit der neuen, alten Rolle?

Ante Covic: Persönlich geht es mir sehr gut, ich kann meiner großen Leidenschaft nachgehen. Das ist der Trainerjob. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich den ausüben darf.

Pal Dardai arbeitet bekanntermaßen gerne mit Talenten zusammen, hat in den letzten Spielen der Bundesligasaison viele junge Spieler gebracht, darunter Jonas Dirkner, Jonas Michelbrink. Der neue Sportdirektor Fredi Bobic will vermehrt auf Nachwuchsspieler setzen. Was wollen die beiden von Ihnen und Ihrer Mannschaft?

Sie wollen, dass wir ihnen bei den Profis das Leben so schwer machen, wie es geht. Wir haben auch in der Vergangenheit gezeigt, dass wir gute Jungs aus dem Nachwuchs herausbringen können. Die Bundesligamannschaft will sich natürlich entwickeln, die Qualität des Kaders verbessern. Wir müssen unsere talentierten Jungs noch besser entwickeln und dafür sorgen, dass sie bei uns bleiben. Weil Berlin als Standort leider nicht nur uns gehört.

Wo genau liegt das Problem?

In der Geduld unserer Spieler. Sie haben in der Jugend immer eine wichtige Rolle gespielt: Im Verein, in den Jugendnationalmannschaften. Überall waren sie fast unersetzbar. Beim Sprung in den Profibereich müssen wir ihnen erklären, dass es Widerstände im Leben gibt. Dass wir ihnen nicht den roten Teppich ausrollen und sie sofort einen Stammplatz haben.

Ein Beispiel ist sicher Lazar Samardzic. Der kam als Siebenjähriger zu Hertha, wurde in der Akademie ausgebildet, bekam erste Einsätze bei den Profis. Im vergangenen Sommer ist er zu RB Leipzig gewechselt. Sie sind erfahren als ehemaliger Profi und als Nachwuchstrainer. Woher kommt diese Ungeduld bei manchen jungen Spielern?

Das Umfeld der Spieler hat sich vergrößert. Klar, wir sprechen immer über die Berater. Aber dazu kommt ein eigener Ernährungsberater, ein Athletiktrainer, ein Privattrainer. Ich bin ja glücklicher zweifacher Vater und weiß: niemand kann seine Kinder so lieben wie die Eltern. Wir sollten dahin kommen, dass die Spieler, aber auch die Eltern gewisse Entscheidungen treffen sollten und nicht das ganze Umfeld drumherum.

Fredi Bobic bringt ein großes Team an Mitarbeitern und einzelnen Experten mit zu Hertha. Angedacht ist auch, eine Spielweise, eine Philosophie zu entwickeln, die von den Profis bis hinunter in die U9 reicht. Das klingt wie die gute, alte Ajax-Schule. Lässt sich das umsetzen?

Ich glaube nicht, dass man das 1:1 widerspiegeln wird, aber gewisse Muster sollten auf dem Platz erkennbar sein. Ich glaube der Wunsch des Vereins ist folgender: Wenn man zwei Mannschaften mit Leibchen gegeneinander spielen lässt, sollte man anhand der Spielweise erkennen, welche dieser Mannschaften Hertha BSC ist.

Zurück zu Ihrer U23: Die Spieler, die Sie jetzt trainieren haben wegen des coronabedingten Saisonabbruchs zuletzt im Oktober 2020 ein Pflichtspiel gemacht. Macht sich das schon irgendwie bemerkbar?

Das ist die größte Herausforderung für uns. Gerade mit entwicklungsfähigen Spielern, die 18, 19 Jahre jung sind. Ich glaube, dass manch erfahrener Spieler mit der langen Pause besser klarkommt.

Aber man merkt: Die Freude auf einen Wettkampf ist groß. Es geht nach Chemnitz, nach Jena. Meine Spieler sind wie kleine Pferde, die man im Stall hält. Bald kann ich sie nun endlich loslassen.

Was ist Ihr Saisonziel?

Die Liga wird brutal. Wir werden 38 Spiele machen. Von den 20 Mannschaften steigen vier sicher ab. Steigen aus der 3. Liga noch weitere Mannschaftem welche dazu, dann könnten sogar bis zu sieben Vereine aus der Regionalliga absteigen. Das bedeutet viel Druck. Aber wir versuchen, unsere Spieler ohne großen Ergebnisdruck auszubilden.

Wem trauen Sie den Meistertitel in der Regionalliga Nordost zu?

Es sind die üblichen Verdächtigen: Cottbus mit Pele Wollitz wird dabei eine Rolle spielen, Chemnitz, Jena. Es gibt viele Traditionsvereine. Aber die Kader sind noch nicht fertig. Das wird spannend zu sehen sein.

Es ist zwei Jahre her, dass Sie als Trainer der U23 aufgehört haben. Inwiefern haben Sie sich in dieser Zeit vielleicht verändert und gehen Dinge als Trainer jetzt anders an?

Jeder Mensch macht eine gewisse Entwicklung. Natürlich möchte ich aus der Vergangenheit Lehren ziehen. Ich bin durch und durch Herthaner, ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, was die Jungs erwartet. Vielleicht hören die Spieler jetzt besonders gerne zu.

Im November 2019 wurden Sie als Trainer bei den Profis entlassen. Seitdem sind anderthalb Jahre vergangen. Eine Zeit, in der man normalerweise vielleicht bei anderen Vereinen hospitiert. Nun kam genau in dieser Phase die Corona-Pandemie. Was haben Sie gemacht?

Ich hatte das große Glück, dass ich nach dem Ende bei den Profis für zehn Tage zu Borussia Mönchengladbach gehen konnte. Dann hat man sich ein gewisses Netzwerk aufgebaut. Man hat versucht, vieles visuell zu machen. Zum Beispiel über Videocalls, Spielanalyse zu machen.

Springen wir noch einmal zu den Profis: Der Name Kevin-Prince Boateng geistert durch Berlin. Angeblich soll Fredi Bobic an einem Transfer basteln. Wäre das eine gute Idee, ihn mit seinen 34 Jahren noch einmal zu den Profis zu holen?

Allein der Name ist schon so spannend, sein gesamter Werdegang: Er ist von einem Jugendspieler zum Mann geworden. Der Junge hat eine Weltkarriere gemacht. Alle bei uns in der Akademie können stolz sein, dass wir so einen jungen in unseren Reihen hatten. Wenn sein Weg ihn zu unserer Hertha führt und er uns da weiterhelfen kann, das wissen die Verantwortlichen am besten. Ich würde das jederzeit begrüßen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dennis Wiese vom rbb Sport.

Sendung: rbb 88,8, 21.06.2021, 16 Uhr

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