Viktoria und Berlin Thunder dürfen spielen - Warum das Jahn-Stadion nun doch weiter genutzt wird

Das Stadion im Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg. Quelle: imago images/Schöning
Bild: imago images/Schöning

Eigentlich war die Betriebserlaubnis für das Stadion im Jahn-Sportpark Ende 2020 erloschen. Die Arena soll um- oder sogar neugebaut werden. Doch Anfang Juni kam die Überraschung: Das Stadion darf weitergenutzt werden - allerdings nur eingeschränkt.

Die Geschichte des Stadions im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ist lang: 1952 wurde die Arena im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg eröffnet. Es war Austragungsort für etliche Fußball-Spiele verschiedener Vereine, American-Football-Begegnungen oder Leichtathletik-Events.

Nun, nach knapp 70 Jahren, sollte es allerdings ruhig werden im Jahn-Sportpark - zumindest vorübergehend. Das geschichtsträchtige Stadion soll zu einer inklusiven Spielstätte umgebaut werden. Deshalb lief die Betriebserlaubnis für die Arena mit den markanten Flutlichtmasten und den kunterbunden Sitzschalen Ende vergangenen Jahres aus. Für die Fußball-Regionalligisten BFC Dynamo und die VSG Altglienicke, die ihre Heimspiele bislang im Jahn-Sportpark austrugen, war klar, dass man nach Alternativen Ausschau halten muss.

Anfang Juni kam dann allerdings die überraschende Wendung: Der Berliner Senat teilte mit, dass das Stadion auch in den nächsten zwei Jahren genutzt werden könne. Allerdings nicht vom BFC und der VSG Altglienicke, sondern hauptsächlich von Drittliga-Aufsteiger Viktoria Berlin und dem American-Football-Team Berlin Thunder.

Wie kam es zu diesem Richtungswechsel und was bedeutet er für das Zukunftsprojekt "inklusiver Jahn-Sportpark"?

Wie kam es zu der Betriebsverlängerung?

Seit Mitte Mai steht der FC Viktoria 1889 Berlin als Aufsteiger in die 3. Liga fest. Der Klub wird nach Hertha und Union der dritte Hauptstadt-Verein im Profifußball sein. Für Viktoria bedeutet das neben neuen sportlichen Herausforderungen: deutlich strengere Anforderungen an die Heimspielstätte. Benötigt wird unter anderem mehr Platz für Zuschauer und die Fernsehübertragungstechnik. Nicht erst seit Mai suchte der Klub, der zuvor im Stadion Lichterfelde spielte, daher ein neues Stadion. Gehandelt wurde das Mommsenstadion, das Olympiastadion und zu Beginn auch das Stadion an der Alten Försterei von Union Berlin. Einer Nutzung der Alten Försterei stimmte der FC Union nicht zu. Das Mommsenstadion war laut des Berliner Senats aus finanziellen Gründen keine Option. Außerdem hätten andere Vereine das Stadion im Westend nicht parallel nutzen können. Das Stadion im Jahn-Sportpark wurde wegen der Neu-/Umbaupläne eigentlich nicht in Betracht gezogen.

Tatsächlich hat Viktoria beim Lizensierungsverfahren des Deutschen Fußball-Verbands (DFB) auch das große Olympiastadion als Heimspielstätte angegeben und Spiele, bei denen sehr viele Gästefans zu erwarten sind, dürften hier auch ausgetragen werden. Doch Viktoria war weiterhin auf der Suche nach einer preisgünstigeren Spielstätte, die besser zu den Bedürfnissen des Klubs passt. "Unsere Wunschlösung war der Jahn-Sportpark von Anfang an. Als das weggebrochen ist, hatten wir Bauchschmerzen", sagt Viktoria-Sportdirektor Rocco Teichmann. Dass der Jahn-Sportpark plötzlich doch wieder als Spielstätte in Betracht kam, war auch für den Klub unerwartet. "Unterm Strich war die Lösung schon überraschend aufgrund der Entwicklung der letzten zwölf Monate", sagte Viktoria-Geschäftsführer Peer Jaekel der Deutschen Presse-Agentur. Möglich ist das, weil Viktorias Investor, die "SEH Sports & Entertainment Holding", die nötigen Renovierungskosten und die spieltagsbezogenen Verbrauchskosten übernimmt. Viktoria muss im Gegenzug keine Miete für das Stadion zahlen.

Der temporäre Betrieb über zwei Jahre soll rund 1,5 Millionen Euro kosten. Das Land Berlin wird die Anlage in Betrieb halten und bekommt dafür die Option, das Stadion auch für weitere Sportveranstaltungen zu nutzen. Weil die "SEH Sports & Entertainment Holding" auch Geldgeber von Berlin Thunder ist, dürfen auch die Footballer ihre Heimspiele in der neuen European League of Football im Jahn-Sportpark austragen. Voraussetzung: Um das Brandschutzkonzept in der Übergangszeit erfüllen zu können, dürfen nur 50 Prozent der Gesamtkapazität des Stadions (etwa 10.300 Zuschauer) genutzt werden. Außerdem wird das Tribünengebäude gesperrt.

Wie stehen die Vereine, der Verband und der Senat zu der Lösung?

Bei Viktoria Berlin sei man froh, dass die Stadionfrage geklärt sei und man sich jetzt komplett auf die sportliche Vorbereitung für die anstehende Drittliga-Saison konzentrieren könne, heißt es vom Verein. Der DFB hat den Himmelblauen mittlerweile die Lizenz für die dritthöchste Spielklasse im deutschen Fußball erteilt. Auch der Berliner Fußball-Verband (BFV) begrüßt die Übergangslösung für das Jahn-Stadion. "Ich freue mich für den FC Viktoria 1889 und die weiteren möglichen Nutzer des Jahn-Stadions", sagt BFV-Präsident Bernd Schultz. "Im Berliner Fußball-Verband gibt es viele ambitionierte Vereine, die fernab des Berliner Olympiastadions und der Alten Försterei eine professionelle Spielstätte benötigen", so Schultz weiter.

Doch was ist mit den Vereinen, die trotz der verlängerten Betriebserlaubnis nicht weiter im Jahn-Sportpark spielen können? Marko Richter, Pressesprecher vom BFC Dynamo, hat zuletzt im März versichert bekommen, dass die Spielerlaubnis im Jahn-Sportpark für den BFC erlischt. Der Klub nimmt das allerdings gelassen und schaut zuversichtlich auf den Umzug ins Sportforum Hohenschönhausen: "Seit Mitte der 1990er-Jahre ist das Sportforum unsere Heimat. Dort haben wir die großen Zeiten erlebt", sagt Richter. Beim BFC ist man also offenbar nicht allzu abgeneigt, was den Umzug zurück nach Hohenschönhausen angeht. Die VSG Altglienicke wird ihre Spiele wohl im Amateurstadion von Hertha BSC austragen.

Der Berliner Senat zeigt sich zufrieden, dass man Viktoria eine Lösung bei der Stadionfrage präsentieren konnte. "Wir hatten dem FC Viktoria Unterstützung bei der Stadionsuche zugesagt und unser Versprechen gehalten", sagt Sportsenator Andreas Geisel (SPD). Ausschlaggebend sei gewesen, dass die Finanzierung der vorübergehende Nutzung von Viktoria und den Partnern des Klubs übernommen werde. "Mit der Bereitschaft des Investors, die Kosten für die temporäre, drittligataugliche Ertüchtigung zu tragen, wurde der finanzielle Spielraum geschaffen", erklärt Martin Pallgen, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, auf rbb|24-Nachfrage.

Was bedeutet die temporäre Weiternutzung für den "inklusiven Jahn-Sportpark"?

Für Viktoria und auch die Footballer von Berlin Thunder mag der Senat eine - zumindest zwischenzeitliche - Lösung gefunden haben. Über die langfristige Zukunft des Jahn-Sportparks wird hingegen weiter gestritten. Der Senat strebte ursprünglich einen kompletten Abriss des Stadions an, um eine behindertengerechte Arena bauen zu können. Nach Protesten wurde dieser Vorgang gestoppt und ein Werkstattverfahren eingeleitet. Zum Auftakt am 25. Juni werden verschiedene Konzepte zur Weiterentwicklung des Sportparks zu einer inklusiven Sportstätte vorgestellt, wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen am vergangenen Freitag mitteilte. Interessierte Bürgerinnen und Bürger sind zum Beteiligungsprozess eingeladen.

Der Berliner Fußball-Verband fordert, dass der Umbau zu einem inklusiven Stadion "so schnell wie möglich umgesetzt wird". Die Planungen müssten parallel zum zweijährigen Übergangsbetrieb vorangetrieben werden.

Laut Pallgen bedeutet die temporäre Weiternutzung des Jahn-Sportparks keinen Rückschritt bei den Zukunftsplanungen: "Die temporäre Nutzung greift in keiner Weise in die weiteren Planungen und die vereinbarte Zeitschiene ein", sagt der Sprecher der Berliner Innenverwaltung. "Wir nutzen nur sinnvoll die entstandene zeitliche Lücke. Am Ausbau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks zum inklusiven Leuchtturmprojekt halten wir fest. Wir präferieren nach wie vor einen inklusiven Neubau", so Pallgen.

Die Proteste dagegen dürften aber auch im Rahmen des neuen Werkstattverfahrens nicht leiser werden. Die Zukunft des Jahn-Sportparks über die kommenden zwei Jahre hinaus bleibt damit zumindest vorerst wohl weiter unklar.

6 Kommentare

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  1. 6.

    Gute Idee, das Team geht dann gleich mal schön auf Osteuropa Tour. Da hat man es nötig.

  2. 5.

    Ich würde politisch gesehen keine Mannschaft sondern eine Diversschaft dort spielen lassen, mit Regenbogenkleidung und rosarote-Socken, passt zum Umfeld.

  3. 4.

    Das weiß doch heute kaum noch einer das der Exer solch lange Tradition hat. Heute spricht man ja auch vom Jahn Stadion was einfach mal falsch ist. Das Stadion heißt Friedrich Ludwig Jahn Sportpark. Traurig lieber RBB. Das müßten ihr als Berlin /Brandenburg Sender wissen

  4. 3.

    Ich finde es gut das das alte Stadion des ZSK Vorwärts Berlin, später ASK Vorwärts Berlin, ZASK Vorwärts Berlin und des FC Vorwärts Berlin weiterhin genutzt wird. Die Zeit des BFC Dynamo hatte dem Stadion nicht nur Freunde beschert.

  5. 2.

    Immer wieder schön unsere Politiker. Da feiert sich Herr Geisel wie toll es doch ist Viktoria eine Spielstätte zur Verfügung gestellt zu haben. Er hat sie nur nicht verhindern können! Dem Sponsor ist es zu verdanken das Viktoria eine Spielstätte hat. Dieser trägt nämlich die Kosten und die Auflagen kommen vom Senat. Vielleicht könnte man den Gutachter von der Rigaer Straße nehmen dann sind die Anforderungen vielleicht nicht so hoch.

  6. 1.

    Wie ist denn das formaljuristisch möglich? Vielleicht kann der RBB dazu mal recherchieren und aufklären!? Es ist doch fast unmöglich, nach erloschener Betriebserlaubnis für den Jahnsportpark, mit dieser Begründung ja auch der BFC aus dem Stadion vertrieben wurde, jetzt auf einmal weiterzumachen? Und die Kostenbeteiligung des Aufsteigers ist ja wohl ein Witz.
    Beim Flughafen Tegel ist auch die Betriebserlaubnis erloschen...

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