EM-Fahrer Dedryck Boyata - Alternative statt Anführer

Dedryck Boyata im Trikot der belgischen Nationalmannschaft. / imago images/Icon SMI
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Dedryck Boyata ist - neben Vladimir Darida und Peter Pekarik - einer von drei Hertha-Spielern, die zur EM reisen. Mit Belgien hat er große Ziele. Die Rolle, die der 30-Jährige in der Nationalelf einnimmt, ist dabei eine andere als im Verein. Von Johannes Mohren

Es ist zwei Tage her, dass Dedryck Boyata ein Foto für seine 111.000 Abonnenten bei Instagram postet. Lässig läuft er darauf mit Koffer und Stürmerstar Romelu Lukaku zum Trainingscamp der belgischen Nationalmannschaft. "Here we go", schreibt er darunter, packt die belgische Nationalflagge dazu - und einen Hashtag in Großbuchstaben: #DEVILTIME.

Der 30-jährige Kapitän von Hertha BSC ist angekommen: Bei den Teufeln in den roten Trikots ("Red Devils"), wie ein Fußballreporter 1906 namensgebend kommentierte. Und bei den besten und schillerndsten Fußballern seines Heimatlandes, wie sein Social-Media-Post mit Torjäger Lukaku zeigt. Am Donnerstag gegen Griechenland und vier Tage später gegen Kroatien testen die Belgier nochmal. Dann starten sie gegen Russland (12. Juni, 21 Uhr) ins Turnier.

Zur Person

Dedryck Boyata wuchs in Molenbeek in unmittelbarer Nähe zu Brüssel auf.

Er lief für die U19 und U21 Belgiens auf und feierte am 12. Oktober 2010 sein Debüt für die A-Nationalmannschaft.

Inzwischen stand der Verteidiger von Hertha BSC in 22 Spielen für die "Roten Teufel" auf dem Platz.

Bei der WM 2018 spielte er sein erstes großes Turnier für Belgien und kam zu drei Einsätzen in der Vorrunde.

Ü30 in der Defensive

"Good luck, Dedo!", gibt Hertha BSC Boyata - inklusive blauem Herz - bei Instagram mit auf den Weg. Es ist sein zweites großes Turnier nach der WM 2018. Dritter wurde er da mit dem belgischen Team, das seit Jahren als goldene Generation seines Landes gilt. Nun zählt es erneut zu den Favoriten und hofft auf die Krönung. Zurecht? "Die K.o.-Runde ist Pflicht - danach ist bis hin zum Titelgewinn alles möglich", schätzt Christian Schwarz, Head of International und Belgien-Experte beim Fußball-Portal "Transfermarkt.de", für rbb|24 ein.

Im Fokus werden dabei die offensiven Stars stehen. Allen voran Kevin de Bruyne, den die Gesichtsverletzung aus dem Champions-League-Finale wohl nicht stoppen wird. Und natürlich Lukaku, der bullige 1,91-Meter-Hüne von Inter Mailand. Der Angriff ist der Trumpf der Roten Teufel - wenn etwas Sorgen macht, ist es die Defensive. Mit Vincent Kompany hat der Abwehrchef seine Karriere beendet. Einige andere sind noch dabei, aber inzwischen in die Jahre gekommen. Jan Vertonghen und Toby Alderweireld - wohl beide in der Startelf - zählen mit 34 und 32 Jahren ebenfalls zum Ü30-Klub wie Backup Thomas Vermaelen (35).

Nur Ersatzrolle für Boyata

Auf Boyata dürfte dennoch eine aus dem Verein ungewohnte Rolle zukommen. Der Anführer mit Kapitänsbinde von Hertha BSC ist im Nationalteam nur eine von mehreren Alternativen - Option zwei oder drei, wenn es mit der Top-Besetzung in der Dreierkette Probleme gibt. "Wenn alle anderen fit sind, steht er nicht in der ersten Reihe", so Experte Schwarz. Er solle sich "keine allzu großen Hoffnungen auf viel Spielzeit machen, wenngleich er in der Nations League im vergangenen Oktober zweimal über 90 Minuten ran durfte."

Die Gruppe B

Belgien geht als klarer Favorit in seine Vorrundengruppe B. Die Gegner:

Sa., 12.06., 21 Uhr:
Russland (in St. Petersburg)

Do., 17.06., 18 Uhr:
Dänemark (in Kopenhagen)

Montag, 21. Juni, 21 Uhr:
Finnland (in St. Petersburg)

Auch im bislang letzten Pflichtspiel der Belgier Ende März stand er auf dem Platz. Es war sein 22. Auftritt für die "Red Devils", für die er im Oktober 2010 sein Debüt gefeiert hatte. Der Gegner fast elf Jahre danach: Belarus. Es war ein 45-Minuten-Einsatz bei einem klaren 8:0-Sieg, der erahnen lässt, wie wichtig die Nationalmannschaft für Boyata ist. Denn der 30-Jährige reiste zum belgischen Team, obwohl er nach einer mehrmonatigen Verletzung in Berlin noch gar nicht wieder richtig mit der Mannschaft trainiert hatte. Über die laut vernehmbaren Bedenken bei Hertha BSC hörte er hinweg.

Einsatz mit Nachspiel

Und aus diesen Bedenken wurde großer Ärger: Denn nach diesem Einsatz zog sich Boyata einen Muskelfaserriss zu. Seine frühzeitige Rückkehr in einem lockeren Spielchen im Nationaldress sorgte dafür, dass er Hertha im Abstiegskampf weiter fehlte. "Hertha muss an erster Stelle stehen, hier bekommt er sein Geld", beklagte sich Trainer Pal Dardai damals öffentlich. Ihm fehlte nun ein Führungsspieler, weil Belgien seine Alternative rangelassen hatte.

Der Ärger dürfte inzwischen verflogen sein. Boyata kam im Saisonendspurt nochmal zurück. Traf beim so wichtigen Auswärtssieg auf Schalke. Und half am Ende mit den Klassenerhalt zu sichern. 19 Saisonspiele machte der 30-Jährige schlussendlich, die letzten drei wieder allesamt über 90 Minuten. Es ist also ein durch das Happy End gutgelaunter und körperlich fitter Boyata, der - nach fast vier Monaten Ausfallzeit in diesem Jahr - bei der Nationalelf aufschlägt.

Brüssel schon 2017 als Spielort aussortiert

Er wird also mit daran arbeiten, dass die goldene Generation am Ende womöglich auch Gold um den Hals hängen hat - wenn auch voraussichtlich vor allem als Backup von der Bank. Eine Niederlage können freilich weder er, noch Lukaku, noch de Bruyne mehr verhindern. Sie liegt bereits knapp vier Jahre zurück. Da entschied die Uefa, den Spielort Brüssel aus dem Turnierplan zu nehmen. Der Grund: Massive Verzögerungen beim Stadionbau.

Dadurch stand frühzeitig fest, dass das paneuropäische Turnier ohne Spiele in Belgien stattfinden - und die politische Herzkammer Europas zumindest bei dieser EM keine fußballerische werden würde. So geht es für die Roten Teufel in der Vorrunde nun nach St. Petersburg und Kopenhagen - und Jubelfotos aus dem heimischen Stadion wird es ab dem 12. Juni auf Boyatas Instagram-Account auf keinen Fall zu sehen geben.

Beitrag von Johannes Mohren

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