Interview | Kaweh Niroomand über DOSB-Krise - "So sollten wir in Zukunft nicht mit unserem Führungspersonal umgehen"

BR-Volleys-Manager und DOSB-Vize Kaweh Niroomand. / imago images/Nordphoto
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Es kracht im Deutschen Olympischen Sportbund. Präsident Alfons Hörmann steht unter Beschuss. Sein Berliner Vize Kaweh Niroomand verteidigt ihn - und will ebenso wie Hörmann im Dezember nicht mehr antreten. Bei rbb|24 erklärt er die Gründe.

Es sind ungemütliche Zeiten im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) - und das so kurz vor den Spielen in Tokio. Es geht um einen anonymen Brief, den Vorwurf der Lüge und nun auch eine Klagedrohung [sportschau.de]. Mittendrin steht der Präsident Alfons Hörmann. Ihm wird in besagtem Schreiben ein mangelhaftes Führungsverhalten vorgeworfen. Es herrsche ein "Klima der Angst" im DOSB, heißt es. Mit der Ankündigung, im Dezember nicht erneut für den Chef-Posten anzutreten [sportschau.de], sollte der Druck nachlassen. Bislang jedoch ohne Erfolg.

Aus nächster Nähe erlebt die Führungskrise Kaweh Niroomand. Der Berliner ist nicht nur Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten BR Volleys und gewichtige Stimme in der Sportmetropole Berlin, sondern auch Vizepräsident des DOSB. Als dieser hat er sich an die Seite Hörmanns gestellt - und wird ebenso aus dem Amt scheiden. Seine Eindrücke aus dem Innenleben des Dachverbandes des deutschen Sport schildert er im Interview mit rbb|24. Dabei äußert er sich zu den im anonymen Brief erhobenen Anschuldigungen, der Rolle Hörmanns und des DOSB-Präsidiums - und erhebt Vorwürfe gegen den Athletensprecher.

rbb|24: Herr Niroomand, Sie haben angekündigt, nicht wieder für das Präsidium des DOSB zu kandidieren - und es damit Alfons Hörmann gleichzutun. Was sind Ihre Beweggründe?

Kaweh Niroomand: Es stand ja im Bericht der Ethik-Kommission, dass die Verantwortlichen beim DOSB Konsequenzen ziehen sollten. Ich fühlte mich mit angesprochen. Ich will die Verantwortung übernehmen und gleichzeitig deutlich machen, dass nicht alles an Herrn Hörmann festgemacht werden sollte. Man sollte sich nicht immer nur einzelne Personen rausnehmen. Es ist ein ganzes Präsidium, ein ganzer Vorstand, der da agiert. Ich möchte ein Zeichen setzen, dass ich ihm auch in diesen Momenten zur Seite stehe - und ein stückweit erklären, dass wir so in Zukunft nicht mit unserem Führungspersonal umgehen sollten.

Sie sehen also eine grundsätzliches Problem?

Das kann morgen einen anderen Verbandspräsidenten treffen. Ein anonymer Brief ist mir persönlich zu wenig für eine Rücktrittsforderung gerade einmal eineinhalb Stunden danach. Wenn die Verfasser gewusst hätten, was sie damit in Gang setzen, hätten sie möglicherweise anders darüber nachgedacht. Das wollte ich zum Ausdruck bringen.

Wir stehen Sie zu den Vorwürfen, die in diesem Brief geäußert werden?

Es wurde von einer Stimmung der Angst gesprochen. Mir ist so etwas bei meinen Tätigkeiten nicht bekannt und ich kann mir das nicht vorstellen. Ich will es aber auch nicht leugnen, weil ich nicht auf allen Ebenen des Gebäudes unterwegs bin. Es mag sein, dass der Eindruck entstanden ist, dass das Präsidium und sein Präsident eine zu starke Rolle spielen. Die Fakten sind anders, denn 95 Prozent der Entscheidungen, die wir getroffen haben, waren Vorschläge des Vorstandes. Aber wir haben natürlich in dieser Periode ein fachlich sehr gut besetztes Präsidium. Wir haben sehr aktiv mitgewirkt. Ich habe selbst an vielen Themen gearbeitet, die nicht direkt mit Finanzen zusammenhängen. Möglicherweise ist da bei den Mitarbeitern, die ja im Hauptamt tätig sind, der Eindruck entstanden, dass das Präsidium zu dominant ist - während der Vorstand, der ja diese Mitarbeiter und ihre Ideen vertritt, zu kurz gekommen ist. Das hat dann vielleicht zu diesen Vorwürfen und Ängsten geführt.

Alfons Hörmann steht nun aktuell in sehr schlechtem Licht da. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm in Ihrer Zeit im DOSB-Präsidium wahrgenommen? Ihr Rücktritt wird ja auch ein wenig als Solidaritätsadresse interpretiert.

Sie können davon ausgehen: Ich bin kein Sextaner mehr, habe einiges in meinem Leben hinter mir und lasse mich auch nicht in Sippenhaft nehmen. Ich habe keinen Grund gesehen, Alfons Hörmann so zu kritisieren. Ich habe ihn nämlich als äußerst fachkundig und offen erlebt. Er ist kein Freund von Mauscheleien - von dem, was gerade in vielen Sport- und Politik-Hinterzimmern passiert. Er ist ein Unternehmer und hat ein profundes Wissen, was die Sportlandschaft betrifft. Klar: Niemand ist perfekt. Es kann sein, dass er mal in die eine oder andere Richtung übertreibt. Wie jeder von uns das macht. Aber das Arbeiten für mich und im Präsidium mit ihm war sehr angenehm.

Selbst der Athletenvertreter, der sich ja jetzt wegen ganz anderer Gründe zu Wort meldet, hat in seiner ursprünglichen Erklärung gesagt, dass er das Arbeiten mit Alfons Hörmann ausdrücklich als gut empfunden hat.

...und dennoch zieht sich Alfons Hörmann zurück.

Ich denke, es hat sich außerhalb des Präsidiums über die Jahre eine Stimmung herauskristallisiert, bei der man jetzt sagen musste: 'Okay, ich trete jetzt im Sinne des deutschen Sports zurück'. Damit dann einfach nicht mehr eine Person der Grund dafür ist, dass die Stimmung in 'Sportdeutschland' so ist, wie sie heute ist.

Wie verfahren die Lage ist, zeigt aktuell eine Ehrenerklärung. Diese hat das DOSB-Präsidium nach den Vorwürfen in dem anonymen Brief abgegeben und ist Hörmann darin zur Seite gesprungen. Unterschrieben haben alle sieben Präsidiumsmitglieder - und somit auch der Athletensprecher Jonathan Koch. Koch sagt: Er habe seine Zustimmung zu dieser Erklärung nie gegeben. Hörmann sagt: Koch habe sich nach anfänglicher Zustimmung nur distanziert, weil er "aus dem Verein Athleten Deutschland und dem Sportausschuss unter Druck gesetzt" worden sei. Wie sehen Sie diesen Vorgang?

Ich war ziemlich eng in diesen Vorgängen drin, weil ich gerade zu dem Athletenvertreter ein sehr gutes Verhältnis hatte und mich genau um dieses seit meinem Amtsantritt auch sehr bemüht habe. Wir haben es hinbekommen, dass wir Jour Fixes eingerichtet haben, damit Präsidium, Vorstand und Athleten miteinander reden. In der ersten Vorbereitung (Anm. d. Red.: der ersten Reaktion) auf diesen anonymen Brief ist in der Tat nicht alles gut gelaufen, weil es einfach holterdiepolter ging. Aber der Athletenvertreter hat zweimal zugestimmt. Das können andere auch bezeugen. Diese Zustimmung hat er dann zurückgenommen. Er hat auch mir und auch anderen gegenüber am Ende der Präsidiumssitzung bestätigt, dass er unter Druck gesetzt wurde von außen. Definitiv hat er mir das wortwörtlich gesagt. Und es ist nicht gut, dass er das jetzt in die Öffentlichkeit bringt. Wir möchten darüber nicht reden, weil das 'Sportdeutschland' schadet. Die Präsidiumssitzung, da ist der Platz, da können wir uns darüber unterhalten.

Klare Worte und auch Informationen, die es so in der Öffentlichkeit noch nicht gab.

Ja, das wird jetzt Zeit. Er (Anm. d. Red.: Jonathan Koch) hat heute wieder eine Stellungnahme rausgelassen, dass er nicht schutzbedürftig sei. Es geht nicht um Schutzbedürftigkeit. Es geht darum, dass wir es verhindern wollen, solche Diskussionen in der Öffentlichkeit zu führen. Wenn wir alle von Sachlichkeit reden, sollten wir auch sachlich bleiben und den Ort suchen, an dem man entsprechende Diskussionen führen kann.

Wie geht es nun weiter?

Ich versuche, meine Arbeit noch gut zu Ende zu bringen. Wirklich um die Sache zu kämpfen, damit 'Sportdeutschland' nicht darunter leidet. Wir haben nämlich beim DOSB in den letzten Jahren wirklich viele gute Sachen auf den Weg gebracht. Finanziell steht er so gut da wie vielleicht nie zuvor. Wir haben gerade die Entwicklung des Vereinssports, die das Hauptziel des DOSB in den kommenden Jahren sein muss, an die Vorstandsvorsitzende angehängt, damit das mit höchster Priorität behandelt werden kann. Ich hoffe, dass wir Ruhe reinkrigen und nicht persönliche Animositäten die Hohheit bekommen. Es muss um die Sache gehen: Ein gutes Team zusammenzubekommen, um spätestens ab Dezember schlagkräftig zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jens-Christian Gußmann, rbb Sport.

Sendung: Inforadio, 18.06.2021, 15:15 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Herr Niroomand, ihre grosse Solidarität und ihr Bedürfnis Herrn Hörmann nahezu kritikos reinzuwaschen ist entlarvend und peinlich.Ihr starkes Bedürfnis Herrn Hörmann reinzuwaschen und in keinster Weise ein auf das Kernproblem einzu gehen spricht für sich.t.Das Falschspielen mit der angeblichen zusage von Herrn Koch und die Empörung der Beteiligten Sportler,die im Raum stehende Anschuldigung des Klimas der Angst rundet immer mehr das Bild ab, das die Öffentlichkeit bekommt.Herr Steffen springt dem Fraktionskollegen von der CSU bei und stellt sich hinter ihn.Können sie eigentlich noch den Sportlern und Beteiligten Betroffenen gegenübertreten bei so viel Verlogenheit.Sie sollten sich schämen.Hier gehts um Machtinterressen um Selbstdarstellung und um viel Geld.

  2. 2.

    Na um die sportlichen Potenziale geht’s den alten Männern ja auch nicht. Das hat der Herr Niroomand doch deutlich mitgeteilt. Die Kasse stimmt. Das ist deren einzige Priorität. Mit den Grundwerten des Sports hat das doch schon lange nichts mehr zu tun.

  3. 1.

    Als ehemaliger aktiver Sportler bin ich sehr froh, dass in dieser Organisation endlich aufgeräumt wird. Die Dauerfunktionäre wie Hr. Hörmann u.a. haben über viele Jahre dafür gesorgt, dass sich in vielen Disziplinen bzw. Sportarten Deutschland hin zum Mittelmaß entwickelt hat. Die Beispiele hierfür sind vielschichtig: gefördert werden überwiegend nur die Sportarten, die bei WM etc. erfolgreich sind, Trainer in prekären Anstellungen bzw. in Ehrenamt, viele Regionen in Deutschland sind vom Spitzensport völlig abgeschnitten. Demzufolge auch kaum Zugang von Kindern und Jugendlichen dieser Regionen zum Sport. Alles seit Jahren traurig. Insofern wird es allerhöchste Zeit die alte Garde abzulösen und erfahrene Akteure, möglichst mit sportlichem Hintergrund, und guten Visionen und Konzepten ran zu lassen. Bei 80 Millionen Einwohnern ist es schon beschämend, was diese Herrschaften aus den vielen tausenden Potenzialen nicht gemacht haben.

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