Kapitän Niels Giffey verlässt Alba Berlin - Hängt die 5 unters Hallendach!

Sieben Jahre lang die Nummer 5 bei Alba Berlin: Niels Giffey. / imago images/Camera4+
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Kapitän Niels Giffey verlässt seinen Heimatklub Alba Berlin. Giffeys Einsatz und seine Leistung für Alba rechtfertigen die höchste Ehre, die einem Vereins-Basketballer zuteil werden kann: "Sein" Trikot gehört unter das Hallendach, findet Philipp Büchner.

Die Nachricht des Bundesligisten kommt nicht ganz überraschend, aber dennoch zucke ich zusammen: "Alba-Kapitän Niels Giffey verlässt Berlin". Ich klicke auf den Link, den der Basketball-Bundesligist verschickt hat und finde die längste Abschieds-Pressemeldung, die ich je von Alba gelesen habe [albaberlin.de]. Sie schließt mit den Worten "Bis bald, Niels!".

Natürlich wird diese Trennung im Guten vollzogen, das hat sich der Kapitän verdient. Und die Tür ist definitiv nicht zu; gut möglich, dass Giffey nochmal für Alba spielen oder nach seiner Sportlerkarriere im Verein arbeiten wird. Ein wenig bin ich versöhnt, schließlich weiß ich, warum der Kapitän jetzt von Bord gehen muss.

Kaunas ist eine interessante Wahl

Giffey ist mit seinen 30 Jahren noch im besten Basketball-Alter, einen deutschen Nationalspieler mit seiner Erfahrung nehmen auch ambitionierte europäische Klubs gerne unter Vertrag. Sein Wunsch nach einer weiteren Auslandsstation war bekannt, normalerweise erfüllen sich deutsche Spitzenspieler diesen Wunsch aber in Südeuropa: hochklassiger Basketball, gute Gehälter, dazu etwas Dolce Vita.

Albas - nun ehemaliger - Forward hingegen wechselt zum litauischen Rekordmeister Zalgiris Kaunas, einem Euroleague-Team ungefähr auf einem Leistungsniveau mit Alba. Eine interessante Wahl, aber sie passt zum vielseitig interessierten Giffey. Kaunas wird 2022 Kulturhauptstadt Europas sein, dort gibt es für den gebürtigen Berliner sicher mehr zu entdecken als nur ein Hotelzimmer und eine Basketballhalle. Und zu lange darf ein Basketballprofi mit so einem Wechsel nicht warten, wenn er nicht bei einem drittklassigen Team die Karriere mit diversen Kniebandagen ausklingen lassen möchte.

Vom Jugendspieler zum Anführer

Wenn es nun heißt, Giffey verlasse Alba "nach sieben Jahren", bezieht sich das nur auf die Profikarriere. Der gebürtige Berliner wechselte bereits mit 16 erst zum damaligen Kooperationspartner TuS Lichterfelde und später in die Alba-Jugend, wo er unter Klublegende Henrik Rödl die U19-Meisterschaft feierte. Danach zog es ihn erstmalig in die Ferne, an die US-amerikanische University of Conneticut. Mit den UConn Huskies gewann er gleich zwei College-Meisterschaften und kehrte 2014 gereift zu seinem Heimatklub nach Berlin zurück.

Niels Giffey als Jugendspieler für Alba. Quelle: imago images/Camera4
Niels Giffey als 17-Jähriger Alba-Jugendspieler | Bild: imago images/Camera4

Giffeys außergewöhnlicher Beitrag zur Alba-Geschichte lässt sich nicht nur an 398 Pflichtspielen ablesen, nicht nur an den zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiegen. Seinen Platz in der Klubhistorie hat die Nummer 5 auch nicht bloß sicher, weil sie bis in alle Ewigkeit auf drei Fotos als Kapitän Trophäen in die Höhe stemmt. Giffey hat als Typ und als Sportpersönlichkeit überzeugt, hat sich stets durchgebissen und weiterentwickelt, ist in seinen Alba-Jahren vom Rookie zu einem der vielseitigsten Berliner Spieler und zu einer Integrationsfigur gereift, zu einem Anführer auf und neben dem Parkett.

Er hat sich auch nach schmerzhaften Niederlagen zum Gespräch gestellt und er hat seinem Heimatverein auch in schwierigen Zeiten die Treue gehalten; zum Beispiel in der Saison 2016/17, als Alba sich auf einer Art Identitätssuche befand, bevor unter dem spanischen Altmeister Coach Aíto Garcia Reneses ein goldenes Zeitalter begann.

In einer Liga mit Alexis und Rödl

Den Wechsel werden die Alba-Fans bedauern, aber sie werden ihn dem Blonden nicht übel nehmen. Wie andere respektierte Ex-Spieler wird Giffey hier gefeiert werden, wenn er mal mit Kaunas als Gegner in seine Heimat kommen sollte, etwa in der Euroleague. Diesen Respekt hat er sich verdient.

Denn selbst unter den vielen Legenden der Klubgeschichte, den Obradovics, den Öztürks, Demirels und Pesics nimmt Giffey eine herausragende Stellung ein. Auch wenn er nie so dominant aufgetreten ist wie der viermalige Liga-MVP Wendell Alexis (Nummer 12) und nicht so viele Titel gehamstert hat wie Henrik Rödl (Nummer 4), spielt Giffey in einer eigenen Liga mit den beiden hochverehrten Ehemaligen.

Es ist gut möglich, dass der Klub nach Alexis und Rödl auch ihm nach Abschluss der aktiven Karriere die höchste Ehre zuteil werden lässt, die sich ein Vereinsspieler verdienen kann: Nämlich dass seine Trikotnummer 5 "retired", also nie wieder an einen anderen Spieler vergeben wird. Diese Nummern hängen dann bei Heimspielen auf überdimensionalen Trikots unter dem Hallendach und erinnern so stets an die Verdienste der ganz Großen. Ich sage: Hängt die Nummer 5 unters Dach! Aber bis es soweit ist, schließe ich mich gerne Alba Berlins Pressemitteilung an und sage: Bis bald, Niels!

Sendung: Inforadio, 18.06.2021, 13 Uhr

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