Interview | Alba-Sportdirektor Himar Ojeda - "Wir machen es anders"

Himar Ojeda, Sportdirektor von Alba Berlin (imago images/Tilo Wiedensohler)
Bild: imago images/Tilo Wiedensohler

Sommer für Sommer muss sich Albas Sportdirektor fragen: Welche Spieler verlassen den Verein und wer soll sie ersetzen? Wieso der Spanier sich davon nicht aus der Ruhe bringen lässt, wer unbedingt bleiben und wer noch kommen soll, verrät er im Interview.

rbb|24: Himar Ojeda, Jahr für Jahr müssen Sie den Kader von Alba Berlin gefühlt wieder von vorn aufbauen. Fühlen Sie sich manchmal wie Sisyphos?

Himar Ojeda: Manchmal fühlt es sich zumindest ein bisschen frustrierend an. Aber es ist wie es ist. Und wenn ich erst einmal anfange, ein neues Team zu formen, dann ist das sehr aufregend.

Zumindest letzten Sommer ist Ihnen die Aufgabe gut gelungen.

Die Mannschaft verdient eine Menge Respekt dafür, in der vergangenen Saison Meister geworden zu sein. Im Jahr davor hatten wir ganz klar das beste Team. In diesem Jahr war das anders. Wir haben den Titel gegen das vielleicht stärkste Bayern München aller Zeiten geholt. Das haben sie in der Euroleague bewiesen. Gegen sie in den Liga-Finals gewonnen zu haben, das war etwas wirklich, wirklich Besonderes. Und wir wissen, dass die Bayern in der kommenden Saison ähnlich stark sein werden. Aber es gibt auch andere starke Vereine in der BBL [Anm. d. Redaktion: Basketball Bundesliga], wie Ludwigsburg, Oldenburg, Hamburg oder Ulm. Ich glaube schon, dass wir unsere Chance haben werden. Aber es wird jedes Jahr schwerer.

In diesem Jahr verliert Alba mit Niels Giffey, Peyton Siva, Jayson Granger und Simone Fontecchio wieder absolute Leistungsträger.

Ich bin immer traurig, wenn Spieler gehen. Aber jeder Fall ist anders. Manche Spieler haben andernorts andere finanzielle Möglichkeiten. Manche Spieler wollen einfach einen anderen Weg bestreiten. Wir dürfen uns nicht beschweren. Wenn Spieler gehen, dann, weil sie gut gespielt haben. Sie haben uns geholfen, wir haben ihnen geholfen, es ist eine Win-Win-Situation.

Eines Ihrer Hauptziele in diesem Sommer lautet, Maodo Lo zu halten.

Maodo ist ein Spieler, der gut zu uns passt. Er hatte keinen guten Start, vor allem auch aufgrund von Corona. Das war nicht einfach für ihn. Aber ich denke, wir können ihm helfen, sich so zu entwickeln, wie er es zu Ende der Saison angedeutet hat. Das ist der Grund, warum wir ihn gern behalten wollen. Aber auch hier: Jeder ist anders. Auch mit Entscheidungen. Maodo ist ein Typ, der seine Zeit braucht. Zumal sein Fokus jetzt erstmal auf den Olympischen Spielen liegt. Er hat uns deshalb um ein wenig Zeit gebeten. Wir respektieren das natürlich, auch, weil wir wissen, dass er mit niemandem sonst redet.

Macht das die Verhandlungen nicht schwieriger, wenn Maodo Lo weiterhin so gut spielt wie gegen Italien?

Ja, definitiv. Wir wissen von seinem Potential. Und wenn er jetzt so überzeugt, dann auch wegen der Arbeit, die wir zusammen geleistet haben. Aber ich denke, er verfügt über ein sehr gutes Umfeld, dass ihm helfen wird, eine gute Entscheidung zu fällen. Und ich bleibe optimistisch und denke, dass wir gute Chancen haben, ihn weiter bei Alba zu sehen.

Auf welchen Position sehen Sie noch Bedarf?

Wir brauchen noch einen flexiblen Point Guard. Generell mögen wir Spieler, die auf mehreren Positionen einsetzbar sind. So wie Louis Olinde oder Johannes Thiemann. Wir haben das in der vergangenen Saison gesehen. Da haben wir mehr als 80 Spiele absolviert und es gab viele verletzungsbedingte Ausfälle oder Partien, in denen Spieler aussetzen mussten, um Kraft zu schöpfen. Also brauchen wir einen Kader, der groß genug ist. Dazu müssen wir definitiv noch etwas auf der Position des Small Forward machen.

Aber Namen können Sie noch keine nennen?

Nein.

Sie lachen.

Jeden Sommer gibt es Spieler, die ich mag, die ich gern verpflichten würde. Dann wird es konkret und oftmals ändert sich plötzlich alles. Ich habe ein paar Kandidaten, ein paar Favoriten. Manche haben sich schon für andere Teams entschieden. Aber es gibt keine Eile. Ich weiß, die Fans sind ein bisschen besorgt. Doch wir werden ein gutes Team mit guten Spielern haben, wenn es wieder losgeht.

Auch die Zukunft von Cheftrainer Aito Garcia Reneses ist fast schon traditionell unsicher. Hat er sich denn schon entschieden für die kommende Saison?

Nein. Aito hat es verdient, sich von Sommer zu Sommer neu entscheiden zu können. Er will schauen, ob er die Energie für eine neue, komplette Saison hat. Nicht die Hingabe, die hat er immer. Und wir haben Geduld. Aber auch für den Fall, dass Aito sich gegen eine weitere Saison entscheidet, können wir ruhig bleiben. Wir müssen uns nicht auf dem Markt umschauen, denn wir haben längst entschieden, dass unser Associate Headcoach Israel Gonzalez dann der Headcoach wird. Und die Sache ist klar: Wir haben unsere Philosophie. Und am besten geeignet, diese Philosophie von Alba und Aito weiterzutragen, ist Israel. Da bin ich also ganz beruhigt. Was immer passieren wird, ist gut für Alba.

Sind Sie denn gar nicht beunruhigt, dass die nationale Konkurrenz schon alle Kaderplanungen abgeschlossen zu haben scheint?

Ich denke, das ist eine kulturelle Frage. In Deutschland ist vieles gut vorbereitet. Und so handhaben das auch viele Teams in der BBL. Sie versuchen ihren Job so schnell wie möglich zu erledigen. Wir machen es anders. Viele Spieler, für die wir uns interessieren, schauen nach Verträgen bei den absoluten Top-Teams, in der Euroleague oder der NBA. Unser Markt ist allein deshalb langsamer.

Dann müssen sich die Alba-Fans also noch gedulden, wenn es darum geht, die Ziele für die neue Saison festzulegen?

Das ist ziemlich einfach und ziemlich klar. Wir haben in den vergangenen Jahren eine Philosophie, eine Identität entwickelt - die wollen wir beibehalten. Und auf dem höchst möglichen Level konkurrieren. Dabei wollen wir unsere Spieler weiterentwickeln. Wenn wir gewinnen, wäre das fantastisch, die Kirsche auf dem Kuchen. Aber es gibt eben immer nur Einen, der gewinnen kann. Und dann gibt es noch eine dritte Säule: attraktiven Basketball für die Fans. Sie sind so wichtig für uns, wir haben sie so sehr vermisst. Sie sind so entscheidend für das, was wir sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Himar Ojeda führte Shea Westhoff.

Sendung: rbb24, 26.07.2021, 22 Uhr

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