ARD-Dokumentation - Wie Sportler ungewollt zu Dopern werden können

Fr 16.07.21 | 13:49 Uhr
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UV-Licht macht Berührung am Arm sichtbar (Quelle: rbb)
rbb
Video: ARD-Sportschau | 16.07.2021| ARD-Dopingredaktion | Bild: rbb

Das Anti-Doping-System soll den sauberen Sport schützen. Doch es kann auch zur Falle werden. Eine Dokumentation der ARD-Dopingredaktion zeigt, wie unschuldige Athletinnen und Athleten durch eine Berührung zu Dopingsündern werden können.

Ohne das Knacken des Deckels beim Öffnen einer neuen Wasserflasche hätte der ehemalige Diskuswerfer Robert Harting bei Wettkämpfen nicht aus ihr getrunken. Zu groß war die Angst vor einer Kontamination seines Getränks mit verbotenen Substanzen. "Das erste, was man eigentlich so lernt, ist auf sein Zeug aufzupassen. Auf die Flasche, den Rucksack, auf die Schuhe", sagt der Olympiasieger von London.

"Je älter man und je erfolgreicher die Karriere war, desto schlimmer wurde die Angst." Einmal nicht aufgepasst und schon hätte ihm ein Dopingmittel zugeschoben werden können. Dann hätte der Berliner beweisen müssen, dass er unschuldig ist. Vergangene Erfolge und Titel wären angezweifelt worden.

Im Sport gilt die umgekehrte Beweislast und nicht die Unschuldsvermutung. "Die, die betrügen, die kriegt man dann auch so. Von zehn Fällen ist das bei acht völlig legitim. Aber es gibt auch die zwei, wo es nicht legitim ist", sagt Robert Harting über das Anti-Doping-System. Es sei eine schutzlose Situation.

Ein Experiment, das den professionellen Sport verändern könnte

Wie einfach das System hintergangen werden kann, zeigt ein weltweit einmaliges Experiment der ARD-Dopingredaktion und des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln. Zwölf Probanden bekamen geringe Mengen verschiedener Anabolika verabreicht – durch minimale Berührungen an Hand, Nacken und Arm. Bei allen Probanden waren die anschließenden Dopingtests positiv. Teilweise waren die Substanzen bis zu 15 Tage nachweisbar.

Für Athleten und Athletinnen, die gerade zu den Olympischen Spielen nach Tokio reisen, würde ein flüchtiger Handschlag am Flughafen reichen, damit sie am Wettkampftag ein positives Dopingergebnis haben könnten. Ohne jemals in ihrem Leben willentlich gedopt zu haben. Und vor dem Internationalen Sportsgerichtshof wäre es ihnen so gut wie unmöglich den wahren Ursprung der Substanz zu beweisen.

Die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping – SCHULDIG. Wie Sportler ungewollt zu Dopern werden können" läuft am Samstag, 17. Juli, um 18 Uhr im Ersten.

Sendung: ARD, 17.07.2021, 18 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Zitat:"Für Athleten und Athletinnen, die gerade zu den Olympischen Spielen nach Tokio reisen, würde ein flüchtiger Handschlag am Flughafen reichen, damit sie am Wettkampftag ein positives Dopingergebnis haben könnten."
    Zumindest diese Gefahr besteht "Dank" Corona-Pandemie nicht, immerhin ist Händeschütteln Sonettes von out.

    Vielleicht sollten die Labore in Hinblick auf diese Gefahren des Dopings die Testverfahren dahingehend verbessern, dass auch ermittelt werden kann, in welchen Mengen und über welchen Zeitraum die verbotenen Substanzen dem Körper zugeführt wurden. Daraus läßt sich sicherlich untergeschobenes Doping aufdecken.
    Über die Beweisumkehr bin ich froh, siehe den Fall Pechstein. Selbst eigene Beweise wurden nicht wirklich anerkannt bzw. als unglaubwürdig angesehen.. Sie musste jahrelang für ihre Unschuld kämpfen.

  2. 3.

    Köstlich! Herzlichen Dank für diese wunderbare "Reportage" über "ungewolltes Doping". Grimmepreisverdächtig! Seit dem ersten Teaser auf Inforadio habe ich Lachtränen in den Augenwinkeln. Man stelle sich vor (rein hypothetisch): Da befolgt ein*e Spitzensportler*in jahrelang ein bis ins kleinste ausgetüfteltes Dopingprogramm, wird nie erwischt und sammelt Medaille um Medaille - und dann schüttelt ihm oder ihr einfach jemand am Flughafen die Hand oder hustet in die Wasserflasche und alle Mühe war umsonst. Das wäre doch ungerecht. Jetzt bin ich aber wirklich gespannt, wie dieses bahnbrechende Experiment die Humanisierung des gewinnorientierten Spitzensports voranbringen wird. Haben sich eigentlich Dieter Baumann und Lance Armstrong schon gemeldet?

  3. 2.

    Wer glaubt, dass sich WADA bzw. NADA in absehbarer Zeit (= 6 Monate) die Ergebniise des dokumentierten Experimentes zu eigen machen werden, dürfte sich - angesichts der auch in "normalen" Rechtssystem zunehmenden Beliebtheit der Beweislastumkehr - auf einem massiven Holzweg befinden.

  4. 1.

    Damit ist die jetzige "Sportgerichtsbarkeit" endlich am Ende. Seine Unschuld beweisen zu müssen hat nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun.

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