Interview | Union-Manager Oliver Ruhnert - "Diese Größenordnung ist für uns gar nicht möglich"

Union-Manager Oliver Ruhnert (imago images/Sascha Walter)
Bild: imago images/Sascha Walther

Oliver Ruhnert hat wieder fleißig eingekauft vor der neuen Saison. Wie es gelungen ist, Taiwo Awoniyi zu verpflichten, wieso er trotzdem weiterhin skeptisch bleibt und weshalb er manchmal auf einen Knick wartet, erläutert der Union-Manager im Interview.

rbb|24: Oliver Ruhnert, die Reisegruppe für das aktuelle Trainingslager in Österreich wurde durch die Einkäufe von Frederik Rönnow und Taiwo Awoniyi gestern nochmals vergrößert. Sind die Transferplanungen damit durch?

Oliver Ruhnert: Ich kann das zumindest dahingehend beantworten, dass wir den Kader nicht mehr verändern würden, wenn sich jetzt nicht auf der Abgabenseite irgendwelche Dinge ergeben, die wir kompensieren müssten. Wir sind sehr, sehr glücklich mit dem, was wir im Moment an Kader haben. Das ist das, was wir können, das, was wir wollten. Und ich schließe aus, dass wenn der Kader so bliebe, wie er im Moment ist, wir weitere Zugänge bräuchten. Wir haben allerdings auch mit Julius Kade jetzt einen Abgang zu Dynamo Dresden. Von daher hat sich das Ganze auch wieder so ein bisschen relativiert.

Wie haben Sie den Transfer von Taiwo Awoniyi realisieren können? Da klangen Sie am Anfang der Transferperiode noch nicht allzu optimistisch.

Absolut. Es ist, glaube ich, ein bisschen Beharrlichkeit gewesen und natürlich auch ein wirklich enges Zusammenspiel zwischen unserem Präsidium, mir und vor allem dem Spieler selbst. Der auch andere Angebote hatte, vielleicht auch deutlich lukrativere. Und wir sind natürlich froh, dass wir mit Liverpool im Gespräch bleiben konnten und dass es am Ende auch eine Entscheidung des Spielers war, zu sagen, er will Union machen. Das war sehr, sehr hilfreich, denn anders hätte es nicht funktioniert. Da wir sicherlich nicht das absolut beste Angebot abgeben konnten für den Spieler. Und trotzdem hat es funktioniert auf gewisse Art und Weise.

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Union hatte in der vergangenen Saison mit Joel Pohjanpalo, Petar Musa und Taiwo Awoniyi gleich drei Stürmer ausgeliehen. Warum fiel die Wahl jetzt ausgerechnet auf Taiwo Awoniyi, als es darum ging, einen von ihnen fest zu verpflichten?

Es ist ja im Grunde genommen so gewesen, dass Awoniyi in der Hinrunde für uns gesetzt war. Dann kam leider eine Verletzung, die ihn ziemlich rausgerissen hat und uns auch. Und die gezeigt hat, dass es wichtig war, die Tiefe des Kaders zu haben. Musa und auch Pohjanpalo, die wir noch dazu bekommen hatten, mit denen wir auch sehr, sehr glücklich waren. Und doch ist es am Ende die Entscheidung gewesen einen Spieler zu verpflichten wie Taiwo Awoniyi, der uns schon in vielen Spielen der letzten Saison - mit fünf erzielten Toren, mit drei Assists, mit vielen zweiten Bällen, die anschließend zu Großchancen oder auch zu Toren geführt haben - geholfen hat. Und dann ist es eine Entscheidung, bei der man sagt: Der Spieler ist 23, das ist für uns eine Entscheidung für die Zukunft. Wo wir einfach auch sagen, wir als Klub gehen da ein sehr, sehr überschaubares Risiko und haben im Grunde viel mehr Potential auf der Habenseite als Risiko auf der anderen. Deswegen freue ich mich, dass wir als 1. FC Union Berlin eben auch diesen Jungen verpflichten konnten, der, das muss man auch nochmal betonen, sehr, sehr ungern gegangen ist (nach der Saison und zurück zu seinem Stammverein, dem FC Liverpool; Anm. d. Red.). Und trotzdem schien es damals so, dass es nicht möglich ist, dass er zu uns zurückkommt. Dass er jetzt in der Konstellation fest verpflichtet zu uns zurückkommt, macht uns schon auch ein bisschen stolz.

Über die Ablösesumme kann man zwischen vier und mehr als sieben Millionen Euro vieles lesen. Wollen Sie dazu etwas klarstellen?

Ich habe das ja schon in diversen Medien gesagt: 7,5 Millionen Euro Ablöse würden wir nicht zahlen. Und ich beziehe das bewusst nicht nur auf Taiwo Awoniyi, sondern auch auf Aussagen aus der Vergangenheit. Und es ist auch keine Koketterie, ich kann nur sagen, dass diese Größenordnung für uns gar nicht möglich wäre. Alles, was wir gemacht haben bei den Transfers, ist sehr, sehr überschaubar. Ich habe übrigens noch keine einzige richtig kolportierte Zahl bei den Ablösen gelesen bisher. Und ich freu mich dann manchmal über Dinge, wo ich weiß, die sind komplett anders als die, die ich da lese.

Der Kader ist mit über 30 Spielern relativ groß. Wird es noch Abgänge geben?

Man kann nie etwas ausschließen. Bis zum 31. August sind Kader variabel gestaltbar. Du weißt nicht, was passiert. Aber richtig ist auch, dass der Kader momentan noch zu groß ist, dass wir mindestens noch ein, zwei Spieler abgeben oder verleihen werden. Es können aber auch noch Angebote für Spieler kommen, die wir nicht unbedingt abgeben wollen. Und dann müssen wir aus der Sinnhaftigkeit für den Klub gemeinsam entscheiden.

Union wird im dritten Bundesligajahr nicht mehr unbedingt als einer der drei Absteiger genannt.

Sie haben Recht, das habe ich auch festgestellt. Und dann habe ich mich auch schon selbst ein bisschen hinterfragt und mich gefragt: Bist Du nicht selbst zu skeptisch mit den Dingen? Und dann habe ich mich dazu gezwungen, dass ich gesagt habe: Nee, bin ich nicht. Wir gehören weiterhin zu den Vereinen, was das finanzielle Vermögen, was die Wirtschaftlichkeit betrifft, die in dieser Liga um das Überleben kämpfen. Ich habe den Eindruck, und das ist das, was unser Ziel ist, dass wir wieder einen Kader zusammengestellt haben, der in der Lage ist, diese Liga zu halten. Das ist unser Anspruch. Und man wartet auch immer darauf, dass dieses "Märchen", das wir in den letzten Jahren geschrieben haben, auch mal einen Knick bekommt. Wir sind auf alles vorbereitet und fühlen uns gut aufgestellt. Aber ich warne davor, die Aufsteiger zu unterschätzen. Weil alle Vereine, die da sind, haben ordentliche Teams.

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Sie sind berüchtigt dafür, den Kader Jahr für Jahr in großem Stil umzukrempeln. War das bisher den Umständen, also dem Aufstieg und der Corona-Pandemie geschuldet oder ist das ein Grundsatz?

Uns geht es darum, zu sagen: Die Spieler, die wir wollen, gehen wir an. Und die Spieler, von denen wir überzeugt sind, versuchen wir zu bekommen. Unabhängig davon, ob wir im ersten oder dritten Bundesliga-Jahr sind, müssen wir eine Überzeugung entwickeln. Und diese Überzeugung ist dann so vorhanden, dass wir sagen, wir wollen möglichst schnell unseren Kader zusammenhaben, um mit ihm arbeiten zu können. Und das ist das einzige Ziel eines Umbruchs und eines vergleichsweise vielleicht schnelleren Umbruchs als bei anderen. Aber bisher ist der Weg gut aufgegangen. „Never change a winning team", sagt man immer so schön. In diesem Fall würde ich sagen: "never change a winning way", würde ich vielleicht auch unterschreiben. Ich bin froh, dass es mit dem Kader so gut geklappt hat. Ab jetzt kann ich an den Trainer übergeben, der diese Mannschaft zu einer Einheit formen soll.

Wie lange dauert das, bis man merkt: Der Umbruch hat geklappt?

Ja, das ist etwas, worüber ich lange nachgedacht habe. Manchmal habe ich mich gefragt: Bin ich das erst am 34. Spieltag? Oder an dem Tag, an dem wir das erste Pflichtspiel gewonnen haben? Aber ich bin überzeugt von den Jungs. Und lassen Sie mir ein bisschen Skepsis, die habe ich, die ist mir gegeben. Umso mehr freue ich mich, wenn es gut läuft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview ist eine leicht redigierte Fassung eines für das rbb-Fernsehen geführten Gesprächs. Das Gespräch führte Simon Wenzel.

Sendung: rbb24, 21.07.2021, 22 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    Man kann Äppel nicht mit Birnen vergleichen! Wenn ich als Basketballer Fußball spiele sind das komplett andere Bewegungen. Genauso andersrum - Fußballer haben da konditionell überhaupt keine Chance (sage ich aus vielfacher Erfahrung)! Egal ob Profi oder Amateur.
    Es gibt in jeder Sportart Sportler, die überdimensional hoch bezahlt werden. Ich sage nur Formel1-Fahrer, die "nur" autofahren. Genauso die meisten Fußballer in Topligen oder Topstars in NBA, NFL oder NHL.
    LEIDER TRAURIGE REALITÄT...
    Geld macht alles und (fast) jeden kaputt

  2. 9.

    Bei der EM war eh ein Umbruch geplant. Da Jogi weg ist, braucht es auch keine Analyse mehr. Mal schauen was Flick nun macht.

  3. 7.

    Hier wird wohltuend über Fußball geredet, also eine Leistung und wie sie vorbereitet wird. Anders bei der EM, da standen andere (Selbstverständlichkeiten)Dinge im Vordergrund. Nicht einmal das Ausscheiden wurde analysiert. Na ja, nur 4 Spiele sind schnell vergessen...da bewirkt man nichts. Schade. Über Union spricht man da schon eher...und Hertha auch ;-)

  4. 6.

    Der 1.FC Union Berlin gehört zu den sogenannten kleinen Vereinen, welche in der ersten Bundesliga spielen. Meinen Respekt dafür, mit einem relativ geringen Budget so gut da zu stehen, wo sie jetzt sind! Es ist richtig kleine Schrippen zu backen, aber diese sind dafür gesund! Schließlich kann und soll sich der Verein nicht sinnlos verschulden, damit er noch genügend finanziellen Spielraum hat, für weitere Spielzeiten, die Stadionerweiterung oder die Nachwuchsarbeit! Bei vielen anderen Vereinen hat man gesehen bzw. sieht man aktuell, wohin eine verfehlte Finanzierung führt. Macht weiter so als Verein in allen Belangen, dann werden und können perspektivisch irgendwann die Ziele noch größer und erreichbar sein!

  5. 5.

    In einem muss ich dir widersprechen. Ich bin schon viele Marathons und Ultramarathons gelaufen. Einmal habe ich für 30 Minuten Fußball gespielt. Ich war danach mehr platt als nach meinem letzten 100 km Lauf. Ich habe deshalb große Hochachtung davor was Fußballer in 90 Minuten bei großer Hitze oder eisiger Kälte auf dem Platz abliefern.

  6. 4.

    Für die neue Saison wünsche ich viel Erfolg. Dennoch stimmt es mich traurig, wenn ich lesen muss , das die großen Clubs sich darüber Gedanken machen ob sie für einen Spieler 50 oder 70 Millionen zahlen und ob die Spieler 12 oder 15 Millionen als Jahresgehalt beziehen. Die kleinen Vereine drehen den Euro mehrfach um. Das hat für mich mit Sport nichts mehr zu tun, zumal Fußball für mich eine Sportart ist, die relativ wenig körperliche Leistung abverlangt. Wenn ich an Biathlon oder Zehnkampf denke sind die Athleten da weitaus mehr gefordert.

  7. 3.

    Es ist nicht wichtig, wie der Kader aufgestellt ist, sondern wie sie letzten Endes spielen. Egal, ob es aufwärts oder abwärts geht, es ist immer eine Freude, dabei zu sein. Viel Erfolg für die neue Saison.

  8. 2.

    Oliver Ruhnert Fußballgott

  9. 1.

    Viel Erfolg in der neuen Saison, aber es ist schon schwierig, wenn man jedes Jahr faktisch eine neue Mannschaft formieren muss.

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