Interview | Herthas Sportdirektor Arne Friedrich - "Es wird eine Saison der Stabilität"

Arne Friedrich im Interview / IMAGO / Matthias Koch
Audio: Inforadio | 04.07.2021 | Interview mit Arne Friedrich | Bild: IMAGO / Matthias Koch

Hertha BSC befindet sich im Trainingslager und so langsam geht der Blick in die Zukunft, statt zurück zur vergangenen Saison und dem Fast-Abstieg. Sportdirektor Arne Friedrich verarbeitet noch, sieht jedoch schon viele positive Entwicklungen.

rbb: Arne Friedrich, was hat sich verändert seit Fredi Bobic seit Anfang Juni bei Hertha BSC ist?

Arne Friedrich: Fredi ist ein Mensch, der sehr transparent und offen ist und Themen kommunikativ behandelt. Die erste Zusammenarbeit war sehr gut. Es ist wichtig, dass man sich abspricht und über Themen diskutiert. Wir versuchen unser Möglichstes, um schon in diesem Jahr eine Mannschaft zusammenzustellen, die eine bessere Saison spielt als die letzte. Auch das gesamte Team, dass jetzt dazu gekommen ist, ist für den Verein sehr gut. Wir haben jetzt Experten in verschiedenen Rollen, die für Hertha BSC nur von Vorteil sind.

Fredi Bobic hat viele dieser Leute mitgebracht. Greift das schon alles ineinander?

Auf jeden Fall, auch wenn die richtige Zusammenarbeit mit vielen jetzt erst beginnt. In allen Bereich wird sehr viel gesprochen. Von Tag Eins ist ein absolutes Teamwork entstanden. Mit den Neuen gab es überhaupt keine Berührungsängste. Das war alles sehr reibungslos. Ich bin auch gespannt auf die neuen Einflüsse von außen.

Anfang des Jahres startete Hertha-Boss Carsten Schmidt das Projekt "Goldelse". Das war eine Analyse des Ist-Zustandes. Jetzt wird das ganze in ein Programm überführt mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket. Was sind die zentralen Punkte dieses Programms?

Goldelse ist ein großer Apparat, der viele Bereiche abdeckt – natürlich auch das Sportliche. Wir haben im letzten halben Jahr sehr intensiv an allen Bereichen gearbeitet. Ich war für den Bereich Sport verantwortlich. Jetzt ist Fredi da, der das übernimmt. In dem neuen Programm habe ich auch meine Initiativen.

Das heißt, Hertha gibt sich ein eigenes Leitbild, um wiedererkennbarer zu werden?

Es wäre vermessen, zu sagen, dass wir nicht auch von anderen lernen wollen. Schon vor dem Goldelse-Prozess habe ich eine Kader-Struktur-Analyse durchführen lassen, wo wir andere Vereine in den Vergleich gesetzt haben, um zu schauen, was die machen und warum. Daraus haben wir auch einige Erkenntnisse gewonnen. Aber klar, am Ende geht es darum, seine eigene Identität zu finden. Im sportlichen Bereich heißt das, wir wollen unser Spiel ganz klar definieren.

Dabei könnte auch ein Neuzugang helfen. Nach 14 Jahren kommt der Berliner Jung, Kevin-Prince Boateng, zurück. Er soll die Mannschaft führen und die jungen Spieler begleiten. Versprechen Sie sich auch auf dem Platz eine entscheidende Rolle für Boateng?

Diese Frage haben wir uns bei Sami Khedira auch schon gestellt. Er konnte uns absolut weiterhelfen, mit seiner Erfahrung. Er hatte ein gewichtiges Wort in der Kabine. Er hat auch auf dem Platz dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt. Mit Kevin-Prince Boateng ist es ein ähnlicher Fall. Kevin ist ein unfassbar guter Fußballer mit sehr guter Ballbehandlung. Er ist ein Leader und hat sich charakterlich enorm weiterentwickelt in den letzten Jahren. Er wird seinen Teil dazu beitragen, unser Team zu führen.

An welcher Stelle im Kader sehen Sie denn noch Bedarf? Wird Hertha noch jemanden verpflichten?

Wir haben einen sehr großen Kader, da wird sicher noch auf der Abgaben-Seite etwas passieren. Grundsätzlich wollen wir uns auf den Außenpositionen noch verstärken, aber der Sommer ist lang und da werden mit Sicherheit noch einige Dinge passieren. Allerdings müssen wir auch schauen, wie sich der Transfermarkt allgemein entwickelt.

Die Mannschaft befindet sich im Trainingslager in Neuruppin, auch wenn noch viele Kräfte fehlen und mit den Nationalmannschaften unterwegs sind. Welchen Eindruck haben Sie dennoch von der Mannschaft?

Die Stimmung ist sehr gelöst. Kein Wunder nach der schwierigen Saison, zum Glück mit einem Happy-End. Das hat die Jungs schon zusammengeschweißt. Wenn man mal durch so schwierige Momente gegangen ist, dann macht das auch was mit dem Zusammenhalt. Man merkt, dass sich die Jungs auf einen frischen Start in der neuen Saison freuen.

Sind Sie schon bereit, ein Saisonziel festzulegen?

Wir wollen eine gute Saison spielen. Wir werden keinen Tabellenplatz ausmachen. Es ist klar: Es wird eine Saison der Stabilität. Nach dem letzten Jahr wäre es vermessen, irgendwelche Plätze auszurufen. Das wäre nicht sehr clever. Wir wollen die Grundlage schaffen, um Ziele zu erreichen, die wir uns in den letzten Jahren gesetzt haben. Aber das werden wir in dieser Saison noch nicht ausrufen. Natürlich wollen wir auch die Zuschauer, die dann hoffentlich wieder im Stadion sind, mit unserem Spiel begeistern.

Die haben ein aufregendes Jahr bei Hertha erlebt. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Es hat mir gezeigt, dass ich scheinbar auch die Fähigkeit habe, schnell zu adaptieren. Ich hatte sehr viele Rollen in kurzer Zeit – für einen Tag sogar mal Cheftrainer, als unsere Trainer in Quarantäne mussten. Das war eine wilde Fahrt. Ich bin froh, dass die Saison abgeschlossen ist und dass wir es geschafft haben. Es war kein leichtes Spiel. Es gab einen großen Umbruch und wir haben es geschafft, in der Liga zu bleiben und die Grundlage für etwas Neues zu schaffen. Das haben wir erfolgreich hinbekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Lars Becker aus der Sportredaktion. Dieser Text ist eine redigierte und leicht gekürzte Fassung.

Sendung: rbb Inforadio, 03.07.2021, 15:15 Uhr

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