Porträt | Julia Neumann - Die Golf-Grenzgängerin

Golferin Julia Neumann auf dem Golfplatz in Berlin-Wannsee (Bild: rbb/Laberenz)
Bild: rbb/Laberenz

Die 1. Golf-Bundesliga tritt am Wochenende in Berlin an. Dort messen sich auch Golferinnen aus Wannsee und Gatow. Abschlagen wird dabei eine Berlinerin, die nicht nur diese beiden Vereine bestens kennt. Von Philipp Laberenz

Rotes Polo Shirt, schwarzer Minirock, strahlendes Lächeln: Julia Neumann steht auf dem Herren-Abschlag in Berlin-Wannsee. Kurzplatz statt Meisterschaftsplatz. Eine Trainingsrunde an ihrem freien Tag. Entspannt schlägt, chippt und locht Neumann den Ball von Bahn zu Bahn, legt die kurzweiligen zwei Kilometer fröhlich wie fokussiert zurück. Golf ist der Sport, in dem sie aufgeht. Seit 2019 spielt Julia Neumann für den Club. Im Schatten des Fernmeldeturms im Düppeler Forst liegt der älteste Golfclubs der Republik ruhig und gediegen. Hier fühlt sich die Berlinerin zu Hause – und ist zudem ziemlich erfolgreich.

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Silber bei der Deutschen Meisterschaft

Seit acht Jahren existiert die Deutsche Golf Liga. Der Individualsport Golf sollte sich als Teamsport etablieren. Gegliedert in eine Gruppe Nord und Gruppe Süd spielen so je fünf Mannschaften gegeneinander. Die jeweils besten zwei machen dann in einem Vierer-Turnier, einem Final Four, ihren Meister unter sich aus. So war es vor der Pandemie. Und vor der Corona-bedingten Absage aller Veranstaltungen in 2020 gewannen die Damen vom Team Wannsee 2019 die Gruppe Nord der Golf-Bundesliga, Julia Neumann selbst holte Silber bei der Deutschen Meisterschaft im Einzel.

In der verkürzten Saison im vergangenen Jahr trugen die Teams dann einen Mannschaftspokal als nationalen Titel aus, mit Wannsee als Sieger. Das war Neumanns erste Mannschafts-Meisterschaft – etwas, was ihr bisher verwehrt geblieben war.

Sport-Stipendium in den USA

Julia Neumann ist im Golfclub Gatow in Spandau groß geworden. Dort hat sie den Sport kennen und lieben gelernt: die Abwechslung von langem und kurzem Spiel, weiten Schlägen und feinfühligen Annäherungen. Golf braucht einen guten Mix von Training, Erfahrung, Spaß und Gefühl. Der Schwung des Golfers ist entscheidend. Neumann hat früh dieses Gefühl für die runde Bewegung.

Mit kaum 13 Jahren spielte sie ihre erste Deutsche Meisterschaft. Mit 18 Jahren kam sie über ein Sport-Stipendium an das College of Charleston im Bundesstaat South Carolina, USA, und gewann gleich im ersten Jahr das größte Einladungsturnier im Damen-Collegegolf. Ein Riesending. Und ein Riesenglück?

Golferin Julia Neumann schlägt einen Golfball auf dem Golfplatz in Berlin-Wannsee (Bild: rbb/Laberenz)
Julia Neumann auf dem Golfplatz in Berlin-Wannsee. | Bild: rbb/Laberenz

Zu den Stärken der 27-Jährigen zählt ihre Beständigkeit. Julia Neumanns Bälle landen konstant mittig auf der Spielbahn. Ihr Spiel hat kaum Streuung, eine Qualität, nicht nur auf engen Plätzen wie Wannsee. "Meine Schläge sind nicht lang, dafür sehr gerade", beschreibt Neumann ein Muster. Ihrer relativen Größe von fast 1,80 Metern zum Trotz ist sie kein "Longhitter", keine, die die Bälle mit Kraft und Geschwindigkeit über die Bahn prügelt. Sie beschleunigt den Schlägerkopf nicht so sehr wir ihre jungen Teamkolleginnen. Nach dem Abschlag bleibt ihr Ball zunächst ein paar Meter zurück, jedoch spielt sie entsprechend präzise, gleicht so fehlende Länge wieder aus.

Trainings-Stress, Magenschmerzen, Burn-out

Ihr Schwung aber, der musste erst wieder hergerichtet werden, als sie vor zwei Jahren nach der Zeit in den USA in Wannsee auflief. "Golf hat mich krank gemacht", erinnert sich Julia Neumann heute, auf dem Weg zum nächsten Grün. "Mittlerweile ist es wieder mein Rückzugsort."
Was mit Magenschmerzen seinen Anfang nahm, endete im Burn-out. "Es ist schon erstaunlich, wie viel der Körper einem mitteilt", gibt sie zu Bedenken.

Golf in Charleston war für Neumann nur noch Stress, ein mentales Martyrium: ohne Spaß, sechs Mal die Woche vier bis fünf Stunden Training. Quälerei, ohne die Möglichkeit, Dinge selbst zu entscheiden – bis sie es doch wagte, sich die Freiheit zu nehmen.

Bei einem teaminternen Qualifikationsturnier schob sie einen einfachen Putt mit Absicht daneben. "Da wusste ich, dass ich durch bin." Es war das Ende ihrer Leistungskarriere, die Aufgabe des Traums von der Profi-Laufbahn. "Ich bin die letzte, die aufgibt. Aber in dem Moment konnte ich nicht mehr und bin aus dem Team zurückgetreten", sagt Neumann. Die Schläger landeten in der Ecke. Der Körper musste heilen, der Kopf kurieren.

Comeback auf der anderen Havelseite

Zwei Jahre brauchte ihr Körper, bis langsam Entzugserscheinungen einsetzten. "Ich hatte so ein Kribbeln in den Fingern", sagt sie. "Ein paar Bälle hauen", das habe ihr mitunter gefehlt, ein wenig Training ohne Leistungsgedanken, nur ein Gefühl für den Schwung herzustellen.

Mittlerweile wohnt und arbeitet sie auch nicht weit vom Club-Gelände in Wannsee. Der Neustart dort liegt nahe, anstatt den Umweg zu ihren alten Wurzeln im Süden Spandaus zu nehmen.

Beim Berliner Golfclub Gatow waren sie vom Comeback auf der anderen Havelseite nicht wirklich begeistert. Denn schon als junges Mädchen sei sie mit dem Schläger in der Hand auf den Bahnen zwischen Havel und Groß-Glienicker See gestanden. Zum Spandauer Verein habe sie immer eine emotionale Bindung, zumal ihr Vater lange Zeit Clubpräsident war. Unter Bernhard Neumann wurden die Grundlagen für den heutigen Meisterschaftsplatz und die Jugendförderung geschaffen. Dass eine Tochter nun beim Stadt-Rivalen spielt: kein schöner Gedanke.

In Wannsee ist sie eine von vielen herausragenden Sportlerinnen

Eine gewisse Weile habe sie auch gebraucht, die Entscheidung ihrem Vater mitzuteilen. Immerhin sei der, nun Ehrenpräsident im Gatower Golfclub, ihr größter Unterstützer und liebster Spielpartner. Außerdem sei sie ja nicht als aktive Spielerin nach Wannsee gewechselt, schiebt Julia Neumann ein, sondern habe nach der Pause im neuen Umfeld wieder angefangen – und eine neue sportliche Herausforderung gefunden.

In Wannsee ist sie eine von vielen herausragenden Golferinnen, die Leistungsdichte sei enorm, für einen Platz im Team müsse sie kämpfen. "Wir wollen alle gewinnen, und wenn man dann gut spielt, macht es erst recht Spaß", sagt sie. Überhaupt, je mehr Spaß, desto besser die Ergebnisse. Und ihr Vater schaut nun auch wieder bei Turnieren vorbei.

Sendung: Abendschau, 25.07.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Philipp Laberenz

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