Interview | 30 Jahre Olympia-Stützpunkt Frankfurt/Cottbus - "Wer sich für den Sport entscheidet, findet bei uns die besten Voraussetzungen"

Archivbild: Spielerinnen des 1. FFC Turbine Potsdam und der Leiter des Olympiastützpunkts Brandenburg Wilfried Lausch am 14. April 2016. (Quelle: imago images)
Audio: Antenne Brandenburg | 02.07.2021 | Interview mit Wilfried Lausch: Michael Lietz | Bild: imago images

Vor 30 Jahren wurde in Brandenburg der erste Olympia-Stützpunkt gegründet. Der heutige Leiter Wilfried Lausch blickt im Interview zurück auf die Meilensteine und voraus auf Olympia in Tokio und die Zukunft des Sports.

46 Goldmedaillen haben Brandenburger Sportler bei Olympischen Spielen bislang gewonnen. Barcelona 1992 waren die ersten Spiele nach der Wiedervereinigung. Damals standen Sportlerinnen und Sportler wie die Kanutin Birgit Schmidt oder der Ringer Maik Bullmann auf dem obersten Treppchen. Das bislang letzte Gold holte Lisa-Marie Buckwitz als Anschieberin im Zweier-Bob bei den Winterspielen 2018 in Südkorea.

Was all diese Sportler vereint, ist nicht nur der Erfolg, sondern auch das System dahinter, das mit für den Erfolg sorgt. Vor 30 Jahren, am 4. Juli 1991, wurde der erste Olympia-Stützpunkt in Brandenburg gegründet. Mit dem heutigen Leiter, Wilfried Lausch, hat rbb24 gesprochen.

rbb|24: Wilfried Lausch, nur wenige werden wissen, was ein Olympia-Stützpunkt macht. Wofür gibt es diese Einrichtung?

Wilfried Lausch: Der Olympiastützpunkt ist in Brandenburg für die Koordination des Leistungssportes und des Nachwuchsleistungssportes zuständig. Wir sind dafür da, dass die Athleten sportmedizinisch und physiotherapeutisch betreut werden. Trainingswissenschaftler machen Leistungsdiagnostiken mit den Athleten und wir beraten sie, um Berufsausbildung oder Studium mit dem Leistungssport zu verbinden. Wir sichern aber auch ab, dass die Sportstätten finanziert werden vom Bund und vom Land.

Viele Olympia-Sieger und Medaillen-Gewinner sind in den vergangenen drei Jahrzehnten im Olympia-Stützpunkt betreut worden. An wen erinnern Sie sich, was ist bei Ihnen bei so viel Erfolg hängen geblieben?

Erst einmal muss man sagen, dass wir als Olympia-Stützpunkt in den Jahren zusammengewachsen sind. Aus zwei Stützpunkten, Cottbus/Frankfurt sowie Potsdam, wurde 2009 einer: der Olympiastützpunkt Brandenburg. Das war eine wichtige Strukturentscheidung. Nimmt man alle Erfolge zusammen, haben wir tolle Athleten gehabt, die sich hier vorbereitet haben. Ich erinnere mich an Maik Bullmann, ein Ausnahme-Athlet im Ringen. Oder Sebastian Brendel und Ronny Rauhe im Kanu.

Für mich ist es aber auch eine große Sache, dass wir viele paralympische Sportler haben, die diese guten Bedingungen am Olympia-Stützpunkt nutzen können. Hängen geblieben ist bei mir aber auch die Geschichte von Gewichtheber Ronny Weller. Er hatte durch einen tragischen Unfall seine Frau verloren und war selbst schwer verletzt. Er kämpfte sich da durch und krönte seinen Kampf mit dem Olympia-Sieg 1992 in Barcelona.

In Barcelona holten Brandenburger Sportler 22 Medaillen, in Rio de Janeiro waren es noch sieben. Hat man in den Anfangsjahren noch vom DDR-Leistungssport-System profitiert?

Sicherlich hat man davon profitiert. Dann haben wir völlig neue Strukturen aufgebaut und neue Projekte entwickelt. Und das haben wir gut gemacht, wenn man etwa die Sportanlagen sieht. Da ist in den letzten Jahren viel passiert, das ist mustergültig. Und die jungen Leute haben die Chance, sich in Eliteschulen zu entwickeln und einen sportlichen Weg zu gehen.

Aber natürlich sind heute die Entwicklungsmöglichkeiten vielfältiger. Die jungen Menschen haben viel mehr Auswahl als früher. Wer sich aber für den Leistungssport entscheidet, findet hier alle Voraussetzungen, sich bis zur Weltspitze zu entwickeln. Man muss natürlich hart trainieren. Das musste der Sportler früher und auch heute.

Nichts ist in Stein gemeißelt, Olympische Spiele sind immer Wegpunkte, an denen wieder über Strukturen und Förderung nachgedacht wird. Sind Sie abhängig vom Erfolg?

Es ist schon so, dass Olympische Spiele Spiegelbilder der Arbeit sind. Aber wir hatten erst 2016 eine Leistungssport-Reform eingeläutet. Die Zahl der Olympia-Stützpunkte wurde weiter gestrafft auf derzeit 13, und Brandenburg ist dabei ein sehr stabiler. Wir betreuen 14 Bundesstützpunkte und drei paralympische Trainingsstützpunkte. Ich habe derzeit keine Sorge, dass einer unserer Bundesstützpunkte in Gefahr ist. Sie sind alle anerkannt bis 2024, danach werden die Karten neu gemischt. Aber ich gehe davon aus, wenn die Kaderentwicklung und Nachwuchsarbeit so fortgesetzt werden, dass die Bundesstützpunkte über dieses Datum hinaus ein stabiler Faktor sein werden.

Mit Blick auf die Olympischen Spiele in Tokio: Wie viele Medaillen müssen Brandenburger Sportler mit nach Hause bringen?

Ich muss erst einmal meinen Hut ziehen, wie unserer Sportler die wahnsinnige Belastung durch Corona bewältigt haben. Wir haben zwar durchtrainieren können, dennoch war die Belastung für alle sehr groß. Also freuen wir uns jetzt erst einmal auf den Abschluss der Nominierungen. Wir werden etwa 25 Athleten im olympischen und zehn Athleten im paralympischen Bereich dabeihaben.

Und dann kommt es oft auf die Tagesform an: Wer hat die stärksten Nerven und kann seine Leistung auf den Punkt abrufen? Der wird am Ende vorne sein. Schön wäre, wenn wir ein Ergebnis wie beim letzten Mal erzielen können, also um die zehn Medaillen.

Ist es aus Sicht der Athleten richtig, die Olympischen Spiele jetzt stattfinden zu lassen?

Ja, aus Athleten-Sicht schon. Es wäre für sie ein harter Schlag gewesen, wenn sie nicht stattfinden können. Ich finde es auch gut, dass man alles getan hat, um die Athleten zu schützen. Sie werden unter strengsten Schutzmaßnahmen nach Tokio reisen, ständig kontrolliert, und sie sind in der Regel geimpft. Ich hoffe, dass dann alles reibungslos läuft und die Sportler eine Chance haben, ihre Leistung abzurufen. Natürlich sind die Sportler nicht im luftleeren Raum und sie wissen, dass die Bewältigung der Corona-Pandemie die oberste Priorität hat.

Werden Sie als Leiter des Olympiastützpunktes Brandenburg nach Tokio fliegen?

Das ist leider nicht möglich. Ich hätte das gern gemacht, aber es sind ja keine Zuschauer zugelassen. Aber ich kenne es ja, bei Olympia dabei zu sein. Früher als Kampfrichter beim Boxen und später im Rahmen der Brandenburger Olympiadelegation. Aber in diesem Jahr geht es leider nicht aufgrund der Corona-Pandemie.

Das Interview führte Michael Lietz.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung.

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.07.2021, 08:30 Uhr

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