Themenwoche | LGBTIQ+ im Sport: Der Verband - "Die Uefa hat dazu keine Haltung und bisher keine Lösungen"

Eine Regenbogenfahne und Deutschland-Fans vor dem EM-Spiel gegen Ungarn. / imago images/Smith
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Der Berliner Christian Rudolph ist seit einem halben Jahr Ansprechpartner der neuen Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt des DFB. Ein Gespräch über wachsende Unterstützung, Regenbogen-Armbinden - und Nachholbedarf bei der Uefa.

 
 

rbb|24: Christian Rudolph, Sie arbeiten seit etwas mehr als einem halben Jahr in der vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) geschaffenen Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Wie fällt ein erstes Resümee aus?

Christian Rudolph: Der Start war sehr aufregend und die Anlaufstelle hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich denke, wir haben gezeigt, wie wichtig ein solches Angebot ist. Wir konnten ganz viele Kontakte aufbauen, haben viele Anfragen bekommen - und konnten viele Interviews beantworten. Wir sind auch schon die ersten Schritte gegangen. Wir haben eine 'Arbeitsgruppe Trans*' gegründet, die sich mit dem Spielrecht für trans*, inter* und diverse Menschen auseinandersetzt. Wir wollen für alle ermöglichen, dass sie diskriminierungsfrei am Fußball teilnehmen können.

Wie sieht diese Arbeit ganz konkret aus?

Das Spielrecht für trans*, inter* und divers ist bislang nur in Berlin, Hamburg, Mittelrhein und in Sachsen-Anhalt geregelt. Die letztgenannten drei sind jetzt erst gerade neu dazugekommen. Das konnte ich zum Beispiel mit unterstützen. Der Sport ist im Fußball ganz oft noch klar binär geordnet. Da wollen wir ran - das wollen wir verändern.

Zur Person

Christian Rudolph, Ansprechpartner der neuen Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt des DFB. / rbb
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Christian Rudolph gehört dem Bundesvorstandes des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) an.

Der Berliner engagiert sich bereits seit 2007 in dem Verband.

Seit dem 1. Januar 2021 ist er erster Ansprechpartner für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt beim DFB. Die neu geschaffene, nationale Kompetenz- und Anlaufstelle befindet sich in Trägerschaft des LSVD. Rudolph füllte diese Rolle zuvor auch bereits im Berliner Fußball-Verband aus.

Binär geordnet heißt: Man geht überhaupt nur davon aus, dass entweder Mann oder Frau mitspielen dürfen ...

Richtig. Bisher gibt es halt nur männlich oder weiblich in der Spielordnung. Trans* ist da noch gar nicht vorgesehen. Divers - das dritte Geschlecht - bisher auch nicht. Da müssen wir das gesamte Spielsystem verändern. Auch das Meldewesen, damit wir die Mitglieder so erfassen können. Wir wollen allen die Möglichkeit geben, wirklich aktiv am Sport teilzunehmen und nicht nur geduldet zu werden.

Als die Stelle geschaffen wurde, gab es vereinzelt auch Stimmen, dass sich der DFB damit das Wohlwollen der LGBTIQ+-Community erkaufen will. Wie haben Sie das erlebt?

Wir haben lange um diese Anlaufstelle gekämpft. Von daher sind wir glücklich, dass wir diese Anlaufstelle jetzt als Community haben. Ich habe natürlich einen großen Auftrag, die Rechte der Community jetzt auch zu vertreten - und im DFB etwas zu verändern. Ich glaube, wer mich und auch den LSVD kennt, weiß: Wir sind kein Feigenblatt. Wir wollen wirklich an den Strukturen arbeiten.

Bisher haben wir dafür auch ganz klar die Unterstützung. Im vergangenen halben Jahr konnten wir uns nicht nur mit dem Spielrecht auseinandersetzen, sondern auch Fachaustausche für die Landesverbände organisieren. Da versuchen wir aufzuklären und zu sensibilisieren. Dazu kommen Kampagnen wie die Sport Pride, die ganz klar unterstützt worden sind - auch im Rahmen der Europameisterschaft. Das Tragen der Regenbogen-Armbinde von Manuel Neuer war da ein ganz klares Statement, das wir mit dem DFB konkret umsetzen konnten.

Es war nur eines von vielen Zeichen für Toleranz und Offenheit, die Spieler bei der Europameisterschaft auf dem Platz gesetzt haben. Gleichzeitig wurden aber Regenbogenfahnen konfisziert, das Stadion in München durfte nicht angestrahlt werden und Spieler wurden auf Social Media beleidigt. Wie ist Ihre Bestandsaufnahme dessen, was bei dem Turnier alles passiert ist?

Erstmal war wichtig, dass wir im Pride-Monat Juni aktiv werden - und dafür auch die Unterstützung vom DFB bekommen haben. Man muss wirklich sagen: Die Nationalmannschaft hat das ganz klar unterstützt. Das war für uns schon ein großer Erfolg. Gerade bei einem großen Turnier offiziell so mit der Regenbogen-Armbinde aufzulaufen - auch wenn die Uefa der Meinung war, das erstmal in Frage zu stellen und zu prüfen. Letztendlich hat sie dem stattgegeben. Die ganze Diskussion später hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Verbände sich damit auseinandersetzen. Ich bin der Meinung, dass die Uefa da keine Haltung und bisher auch keine Lösungen zu hat. Sie geht mit dem Problem nicht um. Und das haben wir jetzt bei dieser EM ganz klar gesehen.

 
 

Was ist denn die Angst der Uefa?

Sie ist ein großer Dachverband und will alle Mitgliedsorganisationen vertreten. Aber auch der DFB ist eine Mitgliedsorganisation - und jetzt auch nicht irgendeine. Ich glaube, es ist gar nicht die Angst. Sie haben sich schlicht nicht damit beschäftigt. Das finde ich fatal, denn ein großer Verband wie die Uefa sollte und muss das auch mit vorgeben. Es kann ja nicht sein, dass in St. Petersburg und Baku die Regenbogenwerbung mit den Werbepartnern, die diese Europameisterschaft auch mitfinanzieren, nicht möglich ist.

Inwiefern kann der Fußball eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft und andere Sportarten einnehmen, wenn andere Sportarten doch eigentlich weitaus progressiver sind?

Der Fußball hat hier vor allem eine hohe Verantwortung, weil ihm doch eine sehr große Aufmerksamkeit zugemessen wird. Wir schauen alle auf den Fußball. Ich habe selten die Frage gehört, wann es ein Coming-out in anderen Sportarten gibt. Wir stellen uns diese Frage immer im Männerbereich des Fußballs. Mit dem Geld, dass im Fußball ist, habe ich die Erwartung, dass es in diesem Bereich auch vernünftig eingesetzt wird und die LSBTI-Community auch unterstützt wird. Dass wir Anlaufstellen schaffen in den Verbänden und den Vereinen, aber eben auch Kampagnen machen, die aufklären, sensibilisieren und versuchen, alle mitzunehmen.

Warum gibt es im Sport überhaupt diese - nicht zuletzt von außen herangetragenen - festgefahrenen Rollenbilder von Athletinnen und Athleten, die nur für ihren Sport leben und sonst charakterlich fast keine anderen Facetten, starke Meinungen und Lebensweisen haben dürfen?

Ich denke, dass der Sport - und nicht nur der Fußball - sich lange in einer eigenen Blase bewegt hat. Es werden immer dieselben Typen gefördert und befördert. Es fehlt ganz klar die Diversität - gerade wenn ich mir die Führungsspitzen anschaue. Wir haben sieben Millionen Mitglieder. Und ich finde nicht, dass diese sieben Millionen Mitglieder beim DFB beispielsweise auch im Präsidium abgebildet werden. Eine Präsidentin seit den 1970er Jahren: Was soll ich da sagen?

 
 

Die - ich nenne sie mal - Teflonbeschichtung von vielen Athleten und Athletinnen, von denen in gewisser Weise erwartet wird, dass sie einfach nur ihre Leistung bringen: Ist das ein Problem von innen aus dem Sport heraus oder wird es von außen befördert, von den Zuschauerinnen und Zuschauern?

Wir erleben gerade, dass durch Social Media vor allem die jungen Athlet*innen ihre Stimme erheben. Sie haben ihre eigenen Plattformen. Das wurde eben von Verbänden und Vereinen bisher nicht stark genug unterstützt. Weil man immer versucht hat, alles abzubilden, für alle erreichbar zu sein - und den Sport komplett unpolitisch zu halten.

Aber wir haben junge Athlet*innen, die eben Erfahrungen machen. Das sind nicht nur solche, die die LSBTI-Community macht. Wir sprechen auch über Rassismus, Antisemitismus und Sexismus. Wir sprechen über Übergriffe, über die der Deckmantel gelegt wird, dass der Sport so viel erreichen kann. Natürlich hat der Sport viele Werte. Ich selbst bin auch Sportler und mag ihn wirklich ungern in solch einem Licht sehen. Aber wir müssen darüber sprechen, damit sich die Situation verändert - für die Athlet*innen, aber eben auch das gesamte Umfeld. Damit meine ich auch den Zuschauer*innen-Bereich.

In der Sportwelt wird sehr viel daran festgemacht, ob ein Profisportler ein Coming-out hatte. Es gilt als nach wie vor ein riesiges Ding. Der BR-Volleys-Spieler Benjamin Patch hat im vergangenen Jahr eher beiläufig in einem Interview gesagt, dass er queer ist - und war danach fast überall Schlagzeile. Wir haben Sie das wahrgenommen?

Ich würde mir wünschen, dass es für alle so einfach ist - und die Athlet*innen genau diese Gelegenheit haben. Ich finde es eine furchtbare Situation für die Athlet*innen, die ihre Liebe und ihre Partnerschaften zurückhalten müssen. Dabei sollte es das Normalste der Welt sein, dass wir über unsere Liebe sprechen. Benjamin Patch ist ein gutes Beispiel dafür.

 
 

Ihre Stelle ist als Pilotprojekt auf eineinhalb Jahre angelegt. Von heute auf morgen oder in eineinhalb Jahren kann dieses Problem vermutlich nicht gelöst werden. Gibt es eine Langzeitstrategie?

Ich muss leider sagen: Wir werden - glaube ich - immer diese Diskussionen haben. Wir werden es leider immer erleben, dass Menschen ausgegrenzt werden. Aber genau deshalb ist es eben wichtig, dass Vereine und Verbände eine ganz klare Haltung haben, unterstützen und dem auch einen Riegel vorschieben können. Dadurch verändert sich die Situation Stück für Stück. Mit hoffentlich in naher Zukunft Coming-outs im gesamten Sport haben wir vielleicht mehr Offenheit und Sichtbarkeit, sodass wir uns an diese Bilder gewöhnen, über die Situation von Menschen sprechen - und verstehen, worum es geht. Genau diese Sichtbarkeit fehlt aktuell vor allem.

Was hat das für Folgen?

Ich habe oft das Gefühl, dass die Menschen sagen: 'Ja, Regenbogen, das ist alles super.' Aber wir sehen ja, wenn Zahlen veröffentlicht werden, wie darauf reagiert wird, wenn sich zum Beispiel queere Paare in der Öffentlichkeit zeigen, Händchen halten und sich küssen. Da ist die Ablehnung dann groß. Über diese Lebenssituation der Menschen müssen wir noch viel mehr sprechen. Ich glaube, viele können sich gar nicht vorstellen, unter welchem Druck sie stehen. Das ist ja nicht ein einziges Coming-out, sondern ein ständiges. Bei jeder neuen Bekanntschaft ist es ein neues Coming-out.

Sie sind ein Mensch, der den Sport und seine Welt kennt. Als Sie die Stelle angetreten haben, wird Ihnen bewusst gewesen sein, dass es einiges aufzuholen gibt. Was überwiegt nach den ersten Monaten im Amt: Ernüchterung über die Zustände oder Optimismus, dass das gelingt?

Ich bin ein sehr, sehr positiver Mensch. Und ich muss auch sagen, dass sich in den zehn Jahren, die ich aktiv bin, schon eine ganze Menge geändert hat. Wir sprechen jetzt über das Spielrecht trans*, inter*, divers. Dass wir das wirklich schaffen werden, hätte ich damals nicht gedacht. Ich bin also zuversichtlich und sehe auch, wie die Unterstützung wächst, wie wichtig diese ist - und was durch sie wirklich passiert ist.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Shea Westhoff, rbb Sport.

10 Kommentare

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  1. 10.

    "Die Uefa hat dazu keine Haltung und bisher keine Lösungen". Muss sie auch nicht. Liegt nicht im Geschäftsbereich.

  2. 9.

    Die "LGBTIQ+-Community", jetzt auch mit Plus und Minus, was das auch heißen mag, kann doch gern in Kreuzkölln ihre Aufläufe veranstalten, und für Etliche ist es auch ein touristisches Ereignis, aber was hat denn die UEFA damit zu tun?

  3. 8.

    Also Frauenfußball abschaffen.
    Und nur noch gemischte Spielgruppen zulassen.
    Macht zwar jahrzehntelange Entwicklungen und jahrzehntealte Sozial-Projekte kaputt. Die Wissenschaft müsste dann mal konkret die Anzahl der möglichen Geschlechter beschreiben.
    Um die Spielregeln und Ausstattung der Spielorte so anzupassen, dass in jeder Spielgruppe mindestens 2 Anhehörige der jeweiligen Geschlechter vertreten sein können. Da müssten dann wohl einige hundert männliche Fusball-Profis in anderen Berufen untergebracht werden. Es würde auch einfach viel Geld sparen, wenn niemand mehr zum Training gehen würde.

  4. 7.

    Super, das Angebot und die Vielfalt im Fußball und im Sport generell,wird sich sprunghaft vergrößern.
    Neben den Bundes-, 1. , 2. , 3., Liga für Männer und Frauen gibt es dann vielleicht auch gleichartige Liga jeweils für Homosexuelle, Lesben, Transen und Sonstige * . Oder alles gemischt?
    Interessant, wie sich die Menschen zunehmend über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definieren wollen, zumindest die Minderheiten.

  5. 6.

    Wahre Worte

  6. 5.

    Ich unterstütze jedes einzelne Ziel - Jeder wie er will - und genau deshalb lehne ich diese alles in einen Topf Bewegungen mittlerweile ab. Die Regenbogen-Flagge ist doch mittlerweile fast auch mehr politischer Lifestyle, statt reale Werte. Gefühlt kommt alle 24h eine weitere Gruppe hinzu die repräsentiert werden muss und zum Teil auch völlig widersprüchlich. Es gibt auch Migranten die völlig Erzkonservativ sind und gegen Rassismus und dennoch wird keine Regenbogen-Fahne an die Moschee gehangen oder für LGBTQ+ Demos abgehalten. Beim Thema Sexismus erleben wir auch mittlerweile radikale Trans-Gruppen die erfolgreichen Frauen wie J.R Rowling Online Morddrohungen zu schicken, weil die Autorin sich explizit für Frauenrechte ausgesprochen hat. Es geht doch teilweise nur noch um Dogma und Macht und nicht um gesellschaftliche Toleranz. Das konsequente vertreten von liberalen Werten sehe ich nicht mehr, stattdessen nur Rosinenpicken und oft politische Vereinnahmung.

  7. 4.

    Hab ich was überlesen? Sollen nun gemischte Teams spielen? Soll es eine Liga für divers gegründet werden? Bislang sind Männerteams den Frauenteams physisch überlegen. Da schlagen selbst unterklassigere Männerteams höherklsssige Frauenteams. Ich weiß keine praxistaugliche Lösung, bin aber offen für Ideen.

  8. 3.

    .. ich bin dafür das Geschlecht um jeden Streit zu vermeiden, an sich abzuschaffen. Ich mag halt nur die Sonne oder den Regen.

  9. 2.

    Die breite Masse der Fußballanhänger hat mit dieser speziellen Problematik nichts zu tun, und es würde den Gedanken einer internationalen Sportvertretungsorganisation weit überdehnen, insbesondere ist die UEFA auch in vielen Staaten präsent, wo derartige Sonderwünsche auf totales Unverständnis stoßen würden, was dann die UEFA weltweit schwächen würde. Das wäre nicht im Interesse der breiten Anhängerschaft der UEFA,

  10. 1.

    Wenn ich sehe, wie viele (bzw. eher wie wenige) Menschen in Deutschland sich bisher zu einem dritten "diversen" Geschlecht bekennen, frage ich mich, ob das im Interview genannte Spielrecht für trans*, inter* und divers im Fußball überhaupt in absehbarer Zeit realisiert werden kann; die Wahrscheinlichkeit, für diese Gruppe ganze Mannschaften zusammenzubekommen, scheint mir sehr gering zu sein.
    Oder habe ich hier was komplett falsch verstanden?

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