Themenwoche | LGBTIQ+ im Sport: Der Schiedsrichter - Spiegel der Gesellschaft

Symbolbild Schiedsrichter (imago images)
Bild: imago images

Amateur-Schiedsrichter wie Julian Schneider sehen sich immer wieder Beleidigungen ausgesetzt. Dass Schneider homosexuell ist, macht die Sache nicht leichter. Auch wenn sich die Verbände in die richtige Richtung bewegen. Von Ilja Behnisch

"Es ist jetzt nicht so, dass ich mich vor dem Spiel hinstelle und sage: Ich pfeife hier und bin schwul", sagt Julian Schneider, 32 Jahre alt und offen homosexuell. Seit 2014 ist der gebürtige Rheinländer im Berliner Jugendfußball als Unparteiischer unterwegs.

2017 hat er dem rbb-Radiosender Fritz ein Interview mit dem Titel "Wenn jemand Schwuchtel ruft, ist das Spiel für mich gelaufen" gegeben. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) habe ihm in einer Mail zum Interview gratuliert. Auf dem Platz sei er nie darauf angesprochen worden.

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Überhaupt, so Schneider im Gespräch mit rbb|24, habe er keinerlei direkte Diskriminierungserfahrung. Vielmehr gebe es einfach diese "Tage, an denen es nicht so gut läuft", nennt es Schneider. "Wir haben ein Problem mit Gewalttätigkeit. Der Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft. Aber das ist nicht der Regelfall." Es überwiegen für ihn die positiven Seiten an der Schiedsrichterei, auch wenn man für knapp 20 Euro Aufwandsentschädigung pro Partie in der Regel der Buhmann ist. "Am Ende hat man wahrscheinlich einen guten Tag, wenn beide Seiten gleichermaßen unzufrieden sind", sagt Schneider mit Witz und klarer Stimme, die erahnen lässt, dass ihn so schnell nichts aus dem Gleichgewicht schubst.

Ein "kleines bisschen Einfluss"

Vielleicht spricht der Jurist aus ihm, wenn Schneider über sein Hobby als Schiedsrichter sagt: "Es macht tatsächlich Spaß. Ich glaube, man tut relativ viel für diesen Sport, indem man dafür sorgt, dass es läuft." Ein wenig missionarischer Eifer schlägt dann aber doch noch durch. Auch wenn der Fußballplatz kein Ort sei, "an dem man Aufklärung leistet, sondern ein Ort, an dem man Regeln durchsetzt", so Schneider, sei er im Jugendfußball ganz richtig aufgehoben, denn: "Da kann man noch relativ viel machen. Ich habe zumindest die Idee, ein kleines bisschen Einfluss zu nehmen. Wenn man sich die Herrenmannschaften anschaut, da sind die Verhaltensmuster nicht mehr zu ändern."

Die Verhaltensmuster, die Schneider meint, sind vor allem auch die Sprachmuster. Fußball, das ist auch toxische Männlichkeit. Das ist eine Umgebung, in der "schwul" ein Schimpfwort und "Schwuchtel" an der Tagesordnung ist. Nicht gegenüber ihm, dem homosexuellen Schiedsrichter. Sondern ganz allgemein. "Es wird als Schimpfwort genutzt, das ist schlimm genug", sagt Schneider, "aber man darf das nicht persönlich nehmen." Dennoch, so Schneider, "wäre es ein wichtiger Punkt, zu bemerken, dass mit Worten Menschen verletzt werden."

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Lob für Berliner Fußball-Verband

Der "Profisport", sagt Schneider, "ist das wichtigste Vorbild". Zwar warte er nicht darauf, dass sich nun ein aktiver Profi oute und schlagartig sei alle Diskriminierung verflogen. Dennoch habe man am Beispiel des Ex-Profis Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere als homosexuell outete, gesehen, wie wichtig ein solcher Schritt für die Gleichberechtigung von sexueller Vielfalt gewesen sei. Nie habe er auch nur ein schlechtes Wort über den Schritt Hitzlspergers vernommen, so Schneider, der sagt: "Es wäre grundsätzlich wichtig, dass es mehr Sichtbarkeit gibt."

Sichtbarkeit wie im Fall von Fifa-Schiedsrichter Tom Harald Hagen aus Norwegen, der sich im Oktober 2020 outete. Nachdem ein Spieler in einem von ihm geleiteten Spiel der ersten norwegischen Liga mit der Beleidigung eines anderen Spielers als "Schwuchtel" für Aufsehen gesorgt hatte. Die Konsequenz? Eine Welle der Sympathie und Bestätigung, von den Medien über die Fans bis hin zum Verband.

Verbände sind generell nicht gerade der erste Adressat, wenn Julian Schneider daran denkt, Lob zu verteilen, aber: "Es gibt seit Neuestem eine psychologische Betreuung im Berliner Fußball-Verband." Dennoch wünscht sich Schneider, dass man "die Themen sexuelle Vielfalt und Diskriminierung noch mehr in den Fokus rückt." Und nicht nur allgemeine, sondern ganz spezielle Ansprechpartner zur Verfügung stehen. So wie beim Deutschen Fußball-Bund, der seit Anfang des Jahres eine Anlaufstelle geschafften hat für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt.

Umzug in die USA

Ein "richtiger Schritt", sagt Julian Schneider, "aber noch ist es ein bisschen früh, das zu evaluieren". Er glaubt, dass ihm bis dato vor allem seine persönlichen Umstände geholfen haben: "Wenn ich früher angefangen hätte (als Schiedsrichter; Anm. d. Red.), hätte ich vielleicht eher Zweifel", so Schneider. Dazu sei eine gewisse Gleichgültigkeit nützlich: "Wenn ich über jedes 'schwul' oder 'Schwuchtel', das ich Umfeld eines Spielfelds wahrnehme, eine Stunde nachdenken würde, dann würde ich das schon längst nicht mehr machen."

Dass er dem Berliner Fußball demnächst den Rücken kehrt, hat dann auch ganz profane Gründe. Schneider geht beruflich in die USA. Aber auch dort will er Fußball-Spiele leiten, denn: "Football ist mir zu kompliziert." Ein Problem gibt es noch: "Ich habe beim Verband nachgefragt. Offensichtlich weiß niemand, wie das organisiert ist." Kann man nur hoffen, dass zumindest das kein Spiegel der Gesellschaft ist.

Sendung: rbb24, 20.07.2021, 22 Uhr

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