Themenwoche | LGBTIQ+ im Sport: Die Fans - "Auf der gesamten Bandbreite des Fußballs hat sich schon sehr viel verändert"

Das Banner der Aktion "Fußballfans gegen Homophobie". / imago images/Thomas Frey
Bild: imago images/Thomas Frey

Vor einem Jahrzehnt ging aus der Fan-Szene von Tennis Borussia die Aktion "Fußballfans gegen Homophobie" hervor. Mit dabei: Martin Endemann. Ein Gespräch über erste Reaktionen, Fortschritte in der Kurve - und einen guten Shitstorm.

rbb|24: Herr Endemann, 2011 haben Sie aus der aktiven Fanszene von Tennis Borussia heraus die Aktion "Fußballfans gegen Homophobie" gestartet. Was war damals der Impuls dafür - und welche Ziele hatten Sie?

Martin Endemann: Wir wollten etwas bei Tennis Borussia machen und vor Ort ein Zeichen setzen. Das Thema Homophobie im Fußball war damals auch noch nicht so präsent, wie es heute vielleicht ist - mit all den Dingen, die in den vergangenen zehn Jahren passiert sind.

Bei dieser Vor-Ort-Aktion ist es aber nicht geblieben ...

Dass es eine größere Sache wird, der sich viele Fans von anderen Klubs anschließen, hatten wir so gar nicht geplant. Wir haben aber gemerkt, dass deutschland- und wie sich im weiteren Verlauf herausgestellt hat - auch europaweit für Fans sehr viel Bedarf da ist, in den Stadien zu zeigen, dass sie Homophobie im Stadion ablehnen.

 

Zur Person

Martin Endemann, "Fußballfans gegen Homophobie". / imago images/Zink
imago images/Zink

Martin Endemann ist Politologe.

2011 rief er mit der aktiven Fanszene von Tennis Borussia Berlin die Aktion "Fußballfans gegen Homophobie" ins Leben.

Er ist der Sprecher von Football Supporters Europe (FSE). Das Netzwerk von Fußballfans in Europa hat Mitglieder in 48 UEFA-Mitgliedsländern.

 

Ganz zentral ist auch das Banner, das schon viele Stadien gesehen hat. Was macht es so wichtig?

Es sorgt für Sichtbarkeit und die ist der zentrale Schlüssel. Wir haben ja auch eine gesellschaftliche Veränderung zu dem Thema durchgemacht. LGBTIQ-Personen sind auch in anderen Bereichen des Lebens viel sichtbarer geworden. Ob in Politik, Fernsehen, Film oder Musik. Der Fußball war da wie bei vielen Sachen ein bisschen später dran. Es ging darum zu zeigen, dass - auch wenn es keine offen schwulen Fußballer in der Bundesliga gibt - sehr viele Fans da sind, die auf ihrer Seite stehen würden. Und es gibt auch sehr viele LGBTIQ-Fans, die regelmäßig zu den Spielen gehen.

 

Gab es schon Aktionen und Zusammenschlüsse, als "Fußballfans gegen Homophobie" gegründet wurde?

Ja, wir waren natürlich nicht die Vorläufer. Super wichtig war auch die Gründung der schwul-lesbischen Fan-Klubs einige Jahre vorher, die es inzwischen auch bei sehr vielen Vereinen gibt und die sich zu dem Netzwerk "Queer Football Fanclubs" zusammengeschlossen haben. Das war das erste Mal, dass Menschen im Stadion gesehen haben: Aha, es gibt ja auch schwul-lesbische Fans, die unserem Verein folgen. Und es sind gar nicht so wenige. Die haben ihren eigenen Fanklub.

Das war natürlich ein ganz zentraler Punkt. "Fußballfans gegen Homophobie" war dann der Zusammenschluss von selbst nicht zwingend schwul-lesbischen Fans, die gesagt haben: Ja, aber wir supporten euch und die Sache ebenso.

Wie waren damals die ersten Reaktionen auf die Aktion?

Das ist immer sehr standortabhängig. Wie auch sonst in der Gesellschaft. Das Stadion ist als Mikrokosmos immer ihr Spiegelbild. Es gibt natürlich Fan-Szenen, die sind - ich sage es jetzt mal vorsichtig - ein bisschen problematischer. Da sind solche Sachen nicht einfach. Aber im Großen und Ganzen hatten wir vor allem positive Reaktionen. Das lag auch daran, dass wir immer gesagt haben: Wir wollen nicht, dass irgendwo einfach nur aus dem Nichts ein Banner aufgehängt wird. Wir wollen, dass vorab in der Fan-Szene über das Thema geredet wird. Wir wollen, dass die Leute vor Ort Info-Veranstaltungen machen. Wir wollen, dass alle aktiven Fan-Gruppen mitgenommen werden.

 
 

Waren diese positiven Rückmeldungen für Sie damals überraschend? Sie sagen selbst: Das Thema war damals noch nicht so präsent.

Ja und nein. Man muss schon konstatieren, dass vor zehn oder 15 Jahren homophobe Beleidigungen im Stadion allgegenwärtig waren. Während Rassismus, Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen zu dieser Zeit schon eher ein Tabu waren, waren homophobe Sprechchöre, Gesänge und Banner noch viel mehr en vogue. Da haben Leute viel weniger darüber nachgedacht, dass es ebenso problematisch ist. Es gab so eine Art der Hierarchisierung von Diskriminierungsformen. Insofern haben uns die Rückmeldungen natürlich ein bisschen überrascht, aber sie haben auch nur bewiesen, was wir immer gesagt haben: Fußballstadien sind kein übler Ort. Es gibt überall korrekte Leute. Und die meisten sind absolut offen für einen bunten Fußball.

 

Die Anfänge von "Fußballfans gegen Homophobie" liegen ja nun rund zehn Jahre zurück. Was hat sich seitdem womöglich verändert oder verbessert?

Es hat sich ganz viel verbessert. In mehr und mehr Stadien sind homophobe Sprechchöre tabu oder sehr, sehr selten geworden - zumindest von größeren Massen mitgesungen, wie es früher der Fall war. Das ist natürlich vor allem ein Erfolg der Fan-Szenen selbst, die sehr viel sensibilisiert haben. Zudem sind viel mehr Vereine und Verbände zu dem Thema aktiv geworden. Es gibt eben nicht nur von Fans geführte Aktionen, sondern auch innerhalb der Klubs wird versucht, ein Umfeld herzustellen, in dem sich jeder wohlfühlt. Es gibt einige Bundesligisten, die viel Arbeit dazu gemacht haben. Verbände haben in den vergangenen Jahren angefangen, Leute zu diesem Thema einzustellen. Auf der gesamten Bandbreite des Fußballs hat sich da schon sehr viel verändert.

Wie unterschiedlich ist der Umgang mit den Thema in den Fan-Kurven in Deutschland und Europa?

Es ist sehr länderspezifisch - und hat immer viel damit zu tun, wie die politischen Voraussetzungen sind und die Akzeptanz von LGBTIQ. Es ist ganz klar, dass es in Großbritinnien oder Deutschland, wo LGBTIQ-Rechte und eine Sichtbarkeit im öffentlichen Leben gegeben sind, im Fußballstadion ähnlich tolerant ist. Das ist anders in Ländern, in denen es LGBTIQ-feindliche Gesetze oder religiöse Vorbehalte gibt. Wenn man nach Polen oder Ungarn schaut mit den Gesetzgebungen gegen LGBTIQ in den vergangenen Monaten und Jahren, ist es nicht überraschend, dass sich eine negative Stimmung demgegenüber auch in den Stadien widerspiegelt. In solchen Ländern ist es für potentielle Aktivisten und LGBTIQ-Fans, die in die Stadien gehen, täglich schwieriger, sich offen zu zeigen.

 

Es gibt Spieler wie Philipp Lahm, die aktive Fußballer vor einem Coming-out warnen - maßgeblich wegen der Reaktionen, die von außen zu erwarten seien. In den sozialen Netzwerken, aber natürlich auch von den Rängen. Wie schätzen Sie das ein?

Ja, das ist immer so ein bisschen die Gretchenfrage: Wie schlimm wird es? Die Debatte um die sich zu outenden Fußballer ist schwierig. Es ist ja nicht so, dass alles gut ist, sobald sich ein, zwei oder drei Fußballer geoutet haben. Der gesamte Fußball muss im Endeffekt ein Umfeld schaffen, in dem sich Spieler wohlfühlen, sich zu outen. Da haben alle eine Verantwortung.

 

Aber gibt es genau dieses Umfeld schon? Philipp Lahm sagt ja: Nein.

Ich muss ihn ein wenig in Schutz nehmen. Er war einer der ersten prominenten Fußballer überhaupt, die sich schon vor zehn, 15 Jahren für LGBTIQ-Rechte eingesetzt haben. Er hat damals ein Interview für ein Schwulen-Magazin gegeben und war da sogar auf dem Cover. Ja, seine Aussage war unglücklich formuliert. Und es wird tatsächlich auch wird Leute geben, die sich negativ dazu äußern. Ich bin aber der Meinung, so ein Coming-out wäre bei einem Spieler wahrscheinlich nur kurz ein Thema und die überwältigende Mehrheit der Leute würde sehr positiv reagieren.

 

Zuletzt ist bei der Europameisterschaft wieder deutlich geworden, dass Homophobie im Fußball nach wie vor ein Thema ist. Was muss also noch passieren, damit alle Sportler oder auch Fans - egal mit welcher sexuellen Ausrichtung - ohne Beleidigungen und Diskriminierungen zusammen ihrer Leidenschaft für den Sport nachgehen können?

Da sind alle in der Verantwortung. Die Fan-Szenen müssen es natürlich in den Kurven so hinkriegen, dass man keine Angst haben muss. Sie müssen immer einschreiten, wenn etwas passiert. Aber es geht nicht nur um die Kurven. Die Vereine müssen im Klub selbst ein entsprechendes Umfeld schaffen. Es geht darum, wie mit den Mitarbeitern umgegangen wird. Was für eine Kultur bei ihnen herrscht. Und wie sie geschult sind - vom Steward bis zu denen, die hinter den Kulissen arbeiten.

 

Was sagen die Vorfälle bei der EM über die Wahrnehmung dieser Verantwortung aus?

Die Uefa hatte offenbar die Bedeutung dieses Themas total unterschätzt. Vor 20 Jahren hätte diese ganze Diskussion um das Münchner Stadion in Regenbogenfarben niemanden interessiert. Da hätte ein Großteil der Leute gesagt: Was ist das denn für eine dumme Idee? Es ist super, dass das heute anders ist, dass es dafür einen absoluten Shitstorm gibt. Es zeigt, dass das Thema nicht nur den Betroffenen selbst wichtig ist, sondern von einer breiten Masse unterstützt wird.

Ich war selbst beim Spiel Deutschland gegen Ungarn, wo verschiedene Menschenrechts- und Fangruppen zu Protesten vor dem Stadion aufgerufen hatten - für LGBTIQ-Rechte. Es war schon beeindruckend zu sehen, wie viele Fans unterstützt haben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Surkamp.

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