Themenwoche | LGBTIQ+ im Sport: Die Amateurspieler*innen - Sichtbarkeit für alle

Fußballerin mit Regenbogen-Kapitänsbinde (imago images/David Catry)
Bild: imago images/David Catry

Während der Herrenfußball auf das erste Outing eines aktiven Profis zu warten scheint, kümmern sich Pia Mann und die "Kickout"-Kampagne um die Sichtbarkeit und das Selbstverständnis derer, die nicht im Rampenlicht stehen. Von Ilja Behnisch

Das Wort "eigentlich", es gehört zum Fußball wie Tore und Ball. Und eigentlich ist das Wort "eigentlich" dabei immer ein Ärgernis. Mal ein kleines. Dann zum Beispiel, wenn es heißt: "Eigentlich" war der Ball über der Linie. Oder: "Eigentlich" war es Abseits. Und viel zu häufig ein großes Ärgernis. Wenn es um Dinge geht, die eigentlich nicht zu akzeptieren und dennoch Alltag sind.

Denn "eigentlich" sollte es egal sein, woher ein Mensch kommt oder welche Hautfarbe er hat. Und "eigentlich" sollte das Geschlecht beim Fußball keine Rolle spielen. Oder die Frage, welchem Geschlecht sich jemand zugehörig fühlt. Und weil diese Dinge aber eben doch eine Rolle spielen, weil Diskriminierung zum Fußball-Alltag gehört, braucht es Menschen, die zumindest versuchen, daran etwas zu ändern. Menschen wie Pia Mann (39).

Nicht angesprochen gefühlt

Pia Mann ist Sozialarbeiterin, Spielerin beim DFC Kreuzberg und ehrenamtlich für "Discover Football" und die "Kickout"-Kampagne aktiv. "Discover Football" [discoverfootball.de], 2009 gegründet, engagiert sich für Frauenrechte, Emanzipation und Gleichberechtigung und versucht, den Fußball zu nutzen, um Frauen zusammenzubringen, die sich ansonsten nie getroffen hätten. Die "Kickout"-Kampagne hingegen, Anfang Mai und in enger Zusammenarbeit mit dem "Kicker"-Sportmagazin [kicker.de] vorangetrieben, hat sich vor allem Sichtbarkeit zum Motto gemacht.

Es habe, so Pia Mann im Gespräch mit rbb|24, Anfang des Jahres mit "Teachout" und "Actout" ähnliche Initiaven von Lehrern und Schauspielern gegeben und mit der "Ihr könnt auf uns zählen"-Kampagne des Fußballmagazins "11Freunde" eine Bewegung, die Outings von Fußballern unterstützt hätte. Doch "wir haben uns damit nicht angesprochen gefühlt", sagt Pia Mann, "also haben wir gesagt: Dann nehmen wir es selbst in die Hand."

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Eigentlich ein ganz einfacher Satz

Die "11Freunde"-Kampagne, die auf den Wortmeldungen von über 800 Profi-Fußballern basierte und später unter anderem auch vom DFB unterstützt wurde, habe als "heteronormativ gelesen werden können", so Mann, und gesagt: "Wenn ihr euch outen wollt, dann stehen wir hinter euch." Das habe Pia Mann und ihre Mitgründerinnen von "Kickout" nicht zufriedengestellt. "Zumal es sich unserer Meinung nach an Profi-Spieler*innen und vor allem an männliche Profi-Fußballer gerichtet hat."

Mit "Kickout" wolle man vielmehr zeigen, dass es längst queere Menschen gibt im Fußball, in jeder Altersklasse und auf jedem Spielniveau. Mann sagt, es ginge um Sichtbarkeit und mehr Selbstverständlichkeit. "Wir wollen queeren Personen Mut machen. Die vielleicht in Strukturen stecken, die es ihnen nicht ermöglichen, sie selbst sein zu können." Jeder soll so sein können, wie er sein wolle. Eigentlich ein ganz einfacher Satz. Und doch so schwer. "Kickout" will denen, für die es schwierig ist, Mut machen.

Die Verbände bewegen sich in die richtige Richtung

106 Menschen stehen dafür inzwischen mit ihren Namen ein. Wie nötig ihre Sichtbarkeit ist, belegt Pia Mann mit einem Beispiel aus ihrer Erfahrung als Spielerin des DFC Kreuzberg. So wurde eine transgeschlechtliche Mitspielerin vom gegnerischen Team aufgefordert, ihren Pass vorzulegen, man habe Zweifel an der Weiblichkeit.

Das, so Mann, falle normalerweise längst nicht mehr an, Spielerpässe seien digital hinterlegt und die direkte Vorlage eine klar diskriminierende Erfahrung. Zumal im Berliner Fußballverband, der "ja als einziger Landesverband eine Regelung für trans- und intergeschlechtliche Personen für den Spielbetrieb hat. Der aber noch nicht weit genug geht, weil er sich in einem binären System bewegt. Es geht immer noch um einen Geschlechtseintrag in den Dokumenten", so Mann. Zwar bewege es sich in die richtige Richtung, der DFB dränge auch weitere Verbände zur Nachahmung, aber insgesamt sei noch viel zu tun.

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Strukturelle Probleme

Mann sieht strukturelle Probleme, sagt: "Es muss klar sein, dass wenn auf dem Spielfeld der Satz 'Du schwule Sau' fällt, dass das geahndet wird." Anti-Diskriminierung müsse in der Trainer-Ausbildung thematisiert und Schiedsrichter sensibilisiert werden. Und es gäbe zwar Ansprechpartner bei den Verbänden, doch seien diese in aller Regel noch ehrenamtlich beschäftigt. Auch das gelte es zu hinterfragen.

In Berlin, so Mann, sei man zwar in "vielerlei Hinsicht viel liberaler als im Rest Deutschlands. Ich komme aus Gelsenkirchen, da ticken die Uhren schon nochmal anders." Aber dennoch, die gängigen Klischees bestünden weiter: "Männer, die Fußball spielen, müssen richtige Männer sein. Und im Umkehrschluss können Frauen, die Fußball spielen, keine richtigen Frauen sein." Klingt ziemlich gestrig. Leider nur eigentlich.

Sendung: rbb24, 22.07.2021, 22 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Guter Kommentar!
    Sehr wohl, das sollte boykottiert werden.
    (Genauso, wie sich manch Profi-Radsportteam und vor allem die Radsportler selbst mal fragen sollten, für welchen Staat und welches System sie da Werbung machen.)

  2. 3.

    Ich muss mal sagen das ich diese ganze Kampagne vom DFB eh sehr verlogen finde .
    Bei der EM laufen alle mit der Regenbogenfahne rum und nächstes Jahr geht es dann feucht fröhlich nach Katar wo die
    Menschenrechte mit Füßen getreten werden und Homosexualität mit 6 Monaten Haft und 90 Peitschenhieben bestraft wird.
    Bin mal gespannt ob dann auch alle ihre Regenbogen Binde tragen . Konsequent wäre dort nicht anzutreten aber da scheint es dann sicher etwas anderes zu sein!

  3. 2.

    Ich habe das Interview nun mehrmals gelesen, aber ehrlich gesagt verstehe ich trotzdem nicht, was Pia Mann konkret erreichen möchte.
    Will sie, dass sich queere Menschen grundsätzlich outen oder lieber nicht?
    Dass Menschen beim Fußball nicht mit " Du schwule Sau" beleidigt usw werden sollen, ist doch klar und da sind sich doch die allermeisten einig, denke ich.

  4. 1.

    "Aber dennoch, die gängigen Klischees bestünden weiter: ..."
    Dieses Altherrengelaber hört man nicht nur im Fußball. Betreibt man als Frau Kampfkunstsportarten, kommen auch mal "Terrorzicke" oder "Kampflesbe" aus manchen "drittbezahnten" Mündern. Bei den Bekleidungsvorgaben sieht es auch nicht anders aus. Aktuelltes Beispiel sind die norwegischen Beachvolleyballerinnen.
    https://www.spiegel.de/sport/beachhandball-em-geldstrafe-fuer-norwegerinnen-wegen-zu-langer-hosen-a-4cc0af95-b657-4ce4-baf7-fed2dd007506
    Da fragt sich Frau doch, ob die "Herren" wirklich noch sportaffin sind oder der Playboy zu teuer ist.

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