Interview | Projekt "Neuköllner Schwimmbär" - "Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten geht immer weiter zurück"

Kinder beim Schwimmunterricht (imago images)
Bild: imago images

Als das Projekt "Neuköllner Schwimmbär" gegründet wurde, konnten über 40 Prozent der Drittklässler im Bezirk nicht schwimmen. Seither hat sich vieles geändert. Allerdings nicht alles zum Guten, wie Trainerin Daniela von Hoerschelmann erzählt.

rbb|24: Frau von Hoerschelmann, Sie sind Projektkoordinatorin des 2014 gegründeten Projekts "Neuköllner Schwimmbär". Das klingt erstmal putzig, hat aber einen ernsten Hintergrund.

Daniela von Hoerschelmann: Wir sind gegründet worden mit Hinblick auf die massiv schlechte Nichtschwimmer-Quote in Neukölln. Diese ewig rote Laterne mit mehr als 40 Prozent an Kindern, die nicht schwimmen gelernt haben im Schul-Schwimmunterricht, hat uns damals dazu bewogen. Und das ist es, was uns auch heute noch am Herzen liegt: die Kernkompetenz Schwimmen, die eben auch nur in der dritten Klasse erreicht werden kann, weiterhin zu fördern und zu fordern.

Können Sie Erfolge beziffern?

Mir hat mal ein Lehrer aus Neukölln gesagt: Das, was wir in einer Woche leisten, dafür brauchen sie bis Weihnachten. Und wir sind jetzt in Neukölln tatsächlich bei einer realen Quote von um die 20 Prozent an Nichtschwimmern. Das sind allerdings Vor-Corona-Zahlen. Die Entwicklung ist ja jetzt bei allen tendenziell eher schlechter.

Schwimmtrainerin Daniela von Hoerschelmann (Quelle: privat)
Daniela von Hoerschelmann ist Schwimmtrainerin und Projektkoordinatorin vom "Neuköllner Schwimmbär".Bild: privat

Wieviele Kinder nehmen an dem Projekt teil?

Wir haben normalerweise in einem Schwimmbär-Jahr ungefähr 1.200 Schüler und Schülerinnen aus Neukölln. Zudem haben wir jetzt im bereits zweiten Jahr ein Sommerprojekt. Da kommen allerdings nicht nur Neuköllner Schülerinnen und Schüler, sondern wir haben auch welche aus Treptow-Köpenick und Tempelhof-Schöneberg mit dabei. Wir haben sogar Familien, die aus Lichtenberg und Pankow kommen.

Wo und wie kriegen Sie diese enorme Anzahl an Kindern denn unter ein Dach?

Im Kombibad Lipschitz-Allee, mit 31 Trainern und Trainerinnen und Assistenzkräften. Es sind 40 Kinder pro Kurs, sechs Kurse pro Tag. Ein Kurs dauert eine Woche und geht über fünf Tage und jeweils 45 Minuten. Das Ganze haben wir jetzt über den Zeitraum von sechs Wochen angeboten.

Also alles bestens - trotz Corona?

Tatsächlich hat es das Land Berlin auch im vergangenen Jahr geschafft, im Wechselunterricht Schulschwimmen anzubieten. Das wurde von den Schulen aber nicht so wahrgenommen. Und ich glaube, das ist ein Fehler. Die Kernkompetenz für das Leben ist Schwimmen. Und das haben sie [Schülerinnern und Schüler; Anm. d. Red.] nur in der dritten Klasse. Das, was man aufholen müsste beim Lesen und Schreiben, ist vielleicht noch in den kommenden sieben Jahren möglich. Das Schwimmen allerdings nicht mehr, weil wir nicht mehr die Kapazitäten haben in den Schwimmhallen.

Während Corona wurde gemutmaßt, dass ganze Jahrgänge an Kindern gar nicht mehr schwimmen lernen würden.

Dem würde ich widersprechen. Ich habe das auch gelesen, mit sehr viel Erstaunen. Ich denke, dass mindestens die Hälfte aller Schulen trotzdem das Angebot wahrgenommen haben. Aber die Hälfte reicht natürlich nicht aus.

Wie lange unterrichten Sie schon Kinder im Schwimmen?

Seit zwölf, dreizehn Jahren.

Haben Sie in diesem Zeitraum Veränderungen festgestellt?

Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten bei den Schülerinnen und Schülern geht immer weiter zurück. Und damit ist natürlich auch die Entwicklung im Schwimmen deutlich schwieriger.

Haben Sie dafür konkrete Anhaltspunkte?

So Sachen wie Radschlagen, Handstand und Rollen - das können die Kinder heute fast nicht mehr.

Können Sie sich das erklären?

Der Vereinssport ist generell zurückgegangen. Ebenso wie das Engagement der Eltern, das wird auch immer geringer. Das darf ich fast gar nicht sagen, weil ich stellvertretende Landeselternsprecherin bin.

Dann geben Sie Eltern oder solchen, die es werden wollen, doch zumindest in Sachen Schwimmen mal einen Tipp!

Wirklich sinnvoll wäre es, ganz banale Dinge zu machen: Zum Beispiel beim Duschen auch mal den Kopf unter Wasser zu halten. Wir müssen die Kinder nicht vor dem Wasser schützen, sondern es als etwas Natürliches wahrnehmen. Man muss nicht zum Babyschwimmen gehen. Aber ein Wassergewöhnungskurs ist eine gute Möglichkeit. Oder einfach mal mit den Kindern schwimmen gehen. Man muss auch gar nicht so hohe Erwartungen haben. Wenn man mit den Kindern Spaß hat, dann lernen die das ganz automatisch.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Ilja Behnisch.

Sendung: rbb UM6, 28.07.2021, 18 Uhr

13 Kommentare

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  1. 13.

    "... Rechtschreibkorektur meines Handys ..." ... digitales TippEx ;-).

  2. 12.

    Ich verlasse mich lieber auf die Rechtschreibkorektur meines Handys, dafür kümmere ich mich mehr um meine
    Enkel um so mehr und mach mir keinen Kopf oder lustig wie andere schreiben. Aber manche haben ja nichts anderes zu vermelden.

  3. 10.

    Handstand und Rolle.. Bin ü50, ohne KiKa, Computer und Handy groß geworden, konnte schon als Kind gut Schwimmen und Reiten, aber Handstand konnte ich noch nie und Rolle rückwärts war immer ein Horror… Zum Schwimmen gehört vielmehr Selbstvertrauen und Ausdauer als so manche akrobatische Fähigkeit. Vielleicht mangelt‘s heutzutage eher daran…

  4. 9.

    " ... Die Eltern haben ggf. keinen zeitlichen Mehraufwand und die Kinder lernen spielerisch das Schwimmen."
    Sorry, aber die alleinige Verantwortung auf die Schule abzuwälzen, ist doch wohl nicht ernst gemeint, oder?
    Eltern haben keine Zeit und können nicht mit ihren Kindern im Wasser (auch Badewanne/Dusche)spielen?

  5. 8.

    "Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten geht immer weiter zurück" Ja, ich denke jeder kann bestätigen dass das Berliner Lehrerchor eindeutig überaltert ist :-).

  6. 7.

    Vor allen sollten Ihre Kinder mit Ihnen die gute alte Rechtschreibung noch einmal auffrischen .

  7. 6.

    "Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten bei den Schülerinnen und Schülern geht immer weiter zurück."
    Naja, zum "Ausgleich" gibts ja wohl den "Daddeldaumen".

    "Dann geben Sie Eltern .... in Sachen Schwimmen mal einen Tipp!"
    "Wirklich sinnvoll wäre es, ganz banale Dinge zu machen: Zum Beispiel beim Duschen auch mal den Kopf unter Wasser zu halten."
    Wenn ich manchmal so Eltern sehe, bin ich mir nicht sicher, ob die wissen, das dies auf Freiwilligkeit bei den Sprößlingen basieren sollte und " Waterboarding" was anderes ist.

  8. 5.

    In Berlin ist das Schulschwimmen fester Bestandteil im Stundenplan der 3. Klassen.
    Aber bei zunehmenden Zahlen an Kindern, die sich nicht mal ins Becken trauen, sinkt leider auch die Quote derer, die am Ende des Schuljahres immernoch nicht schwimmen können.

  9. 4.

    Dem kann man einfach nur bepflichten. Vor allem die Eltern müssen was tun. Heute hieß es im Radio das die Kinder im Lockdown ziemlich gelitten haben, weil sie ohre Freunde nicht treffen konnten und gar nichts machen konnten. Andererseits sind meine Kinder und später auch wir, nachdem wir geimpft waren jeden Tagen, wir hatten ja dank Corona ja auch alle viel mehr Zeit für die eigene Familie, mit den Jungs in den Wald, an xen See, zum Spielen auf die Wiese. Man brauch nich stumpfsinnig vor der Glotze mit den Kindern sitzen und kann auch so ihre koeperlich es Koennen foerdern.

  10. 3.

    Schwimmunterricht sollte regulär so in der 3. oder 4.Klasse stattfinden, also regulärer und Pflichtunterricht. Und keine Diskussionen zulassen, ob da was gegenspricht oder nicht. Das könnte ganz einfach in die Stundenpläne integriert werden und es ist etwas nützliches. Die Eltern haben ggf. keinen zeitlichen Mehraufwand und die Kinder lernen spielerisch das Schwimmen.

  11. 2.

    Lage zum Schwimmen in Berlin m.E. sehr gut beschrieben! Danke!
    Für mich war neu, dass es dieses Projekt bereits seit 2014 gibt.
    Widerlegt doch die Meinung einiger, dass Corona an Nicht-Schwimm-Schülern "schuld" ist.
    Der Hinweis für Eltern: einfach, sinnvoll und doch wohl für alle machbar!

    Eine Frage hätte ich noch:
    Nehmen Grundschüler wegen Religion nicht am Schwimmunterricht teil bzw. werden "befreit"?
    Oder hoffentlich nur noch ein altes Klischee.

  12. 1.

    Nicht nur das, auch die kognitiven aufgrund der Mediennutzung.

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