Interview | Ex-Unioner Felix Kroos - "Der Aufstieg mit Union war die Krönung meiner Karriere"

Felix Kroos wird 2020 bei Union Berlin verabschiedet. Quelle: imago images/Bernd König
Bild: imago images/Bernd König

Diesen Sommer gab Felix Kroos sein Karriereende bekannt. Die erfolgreichste Zeit seiner Laufbahn erlebte der 30-Jährige beim 1. FC Union. Im Interview spricht er über die Außergewöhnlichkeit des Vereins, den Aufstieg und neue Freiheiten in seinem Leben.

rbb|24: Vor rund zwei Wochen haben Sie das Ende Ihrer Karriere als Profi-Fußballer bekanntgegeben. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

Felix Kroos: Die Entscheidung habe ich natürlich da erst offiziell gemacht, für mich stand sie schon ein bisschen länger fest. Es ist eine Zeit, in der ich sehr selbstbestimmt bin, mir keiner etwas vorschreibt. Das hatte ich sehr lange beziehungsweise noch gar nicht in meinem Leben. Es fühlt sich gut an, auch wenn es natürlich neu und ungewohnt ist - da muss man sich schon dran gewöhnen. Ich habe Urlaub gemacht, um komplett abzuschalten. Bis jetzt habe ich die Entscheidung noch zu keiner Sekunde bereut.

Wie sieht Ihr neuer Alltag aus? Schlafen Sie aus und trinken vielleicht auch mal ein Bier mehr als es früher möglich war?

Ausschlafen ist schwierig mit einem kleinen Kind (lacht). Sonst genieße ich es aber so gut wie möglich. Ich esse das, was ich will und kann mich abends auch mal an die Bar setzen. Obwohl, das habe ich früher auch gemacht - aber vielleicht nicht in der Häufigkeit. Es ist natürlich alles noch sehr frisch, aber die Freiheit fühlt sich schon mal sehr gut an.

Für Sie ging es 2008 im Herrenbereich von Hansa Rostock los. Was sind Ihre Erinnerungen an die ersten Schritte im Profibereich - damals ja mit Hansa in der zweiten Bundesliga?

Das ist zwar schon eine Weile her, ich werde es aber natürlich nie vergessen. Die ersten Profispiele und dann noch für meinen Verein, von dem ich als Kind Fan war. Es war natürlich besonders, in dem Stadion zu spielen, in dem ich vorher nur als Fan war, um die Mannschaft anzufeuern. Ich habe nur positive Erinnerungen an die Zeit, die mich sehr geprägt hat. Es war zwar eine intensive Phase, in der ich ein bisschen erwachsener wurde, trotzdem aber natürlich noch relativ entspannt, weil ich zum Beispiel noch zuhause gewohnt habe.

2010 ging es für Sie zu Werder Bremen. Zunächst spielten Sie hauptsächlich in der zweiten Mannschaft, kommen in sechs Jahren in Bremen aber auch auf 65 Bundesliga-Einsätze. Als es jetzt um eine mögliche Fortsetzung Ihrer Karriere ging, haben Sie neben Union Berlin auch mit Werder gesprochen. Die Zeit an der Weser muss also besonders gewesen sein.

Natürlich. Ich war das erste Mal von zuhause weg, für mich begann das selbstständige Leben und ich wurde wirklich erwachsen. Hinzu kam, dass ich auf und neben dem Platz gute Freunde kennengelernt habe. Ich habe mich in der Stadt super wohl gefühlt. Ich durfte dort einmal Champions League spielen, bekam meinen ersten Bundesliga-Einsatz und habe einfach viele tolle Menschen kennengelernt. Das hat mich geprägt.

Ihre erfolgreichste Zeit als Profi erlebten Sie aber beim 1. FC Union. Insgesamt standen Sie mehr als 100 Mal für Union auf dem Rasen und schafften 2019 mit dem Klub den historischen Aufstieg in die Bundesliga. Union wird gerne als "besonderer Klub" beschrieben. Was ist aus Ihrer Sicht das Spezielle an diesem Verein?

Du merkst sofort, "hier ist etwas besonders", wenn du in den Verein kommst. Der Klub sieht sich als Gemeinschaft. Das betrifft nicht nur die Mannschaft, das Trainer-Team und die Vereins-Mitarbeiter, sondern auch alle Fans. Es gibt niemanden, der rechts oder links ausschert, sondern man wird immer unterstützt. Dieses Gemeinschaftsgefühl habe ich nirgendwo sonst so stark gespürt. Als ich in Köpenick ankam, hatte ich das Gefühl, dass der sportliche Anspruch erstmal gar nicht so hoch war. Das hat sich dann aber gewandelt und der Anspruch wuchs immer mehr - auch in Richtung Aufstieg, was ja dann auch als klares Ziel formuliert wurde. Ich war von meinem ersten Tag an so begeistert und habe mich so mit dem Klub identifiziert, dass der Aufstieg in die Bundesliga mit Union dann auch zu meinem persönlichen Ziel wurde. Dass das geklappt hat, ist der größte Erfolg und die Krönung meiner Karriere. Auf diese Leistung, die wir alle zusammen erbracht habe, bin ich deshalb besonders stolz.

Welche Szenen sind Ihnen aus dieser Zeit besonders im Gedächtnis geblieben?

Es war ein Wechselbad der Gefühle. Am letzten regulären Spieltag in Bochum hatten wir die Chance, direkt aufzusteigen. Als wir das verpassten, waren wir für eine kurze Zeit schon am Boden. Der Moment des Abpfiffs nach der Relegation lässt sich mit Worten dann nicht beschreiben. Das sind Gefühle, die ich vorher nie erlebt habe und die ich wahrscheinlich auch nie wieder erleben werde. Dann erinnere ich mich natürlich an die Feier nach dem Spiel, aber auch an die Fahrt über die Spree ein paar Tage später und die Ankunft in Köpenick, wo alles voller Rot gekleideter Menschen war. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Jedes Mal, wenn ich durch Berlin und entlang der Spree fahre, habe ich diese Bilder wieder vor Augen. Das sind Gefühle und Momente, die man nie vergessen wird. Wir haben Geschichte geschrieben und das nimmt uns keiner mehr. Dafür bin ich sehr dankbar.

All das sind Erinnerungen an ein absolutes Highlight in Ihrer Karriere. Gibt es denn auch Dinge in den letzten 13 Jahren Ihrer Fußball-Karriere, die Sie bereuen?

Nein, auf keinen Fall. Ich treffe die Entscheidungen immer so, wie ich sie in dem Moment für richtig halte. Gerade im Fußball weißt du nie, was kommt und wie es läuft. Ich habe jede Erfahrung - egal, ob positiv oder negativ - mitgenommen und habe im Fußball sehr viel gelernt - dafür bin ich dankbar. Deshalb schaue ich auch mit Wehmut auf die Zeit zurück, fühle aber auch eine gewisse Erleichterung, dass es vorbei ist.

Vor einiger Zeit sind Sie unter die Podcaster gegangen ("Einfach mal Luppen" mit Bruder Toni, Anm. d. Red), außerdem sind Sie letztes Jahr zum ersten Mal Vater geworden - langweilig dürfte Ihnen nicht werden. Gibt es trotzdem schon weitere Zukunftspläne für die Zeit nach der aktiven Karriere?

Mit Plänen tue ich mir schwer, weil es dann am Ende eh immer anders kommt (lacht). Aber Ideen habe ich auf jeden Fall. Das Einzige, was feststeht, ist aber, dass wir als Familie die nächsten Jahre in Berlin verbringen werden, sobald wir eine Wohnung oder ein Haus gefunden haben - was sich nicht leicht gestaltet aktuell (lacht). Alles andere ist noch nicht spruchreif. Da nehme ich mir auch Zeit, um Entscheidungen zu treffen. Ich habe immer gesagt, dass ich mir nach meiner Karriere auch einfach ein paar Monate nehmen will, in denen ich keine Verpflichtungen habe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jonas Bürgener, rbb sport. Es handelt sich um eine leicht gekürzte Fassung.

Sendung: rbbUM6, 04.08.21, 18 Uhr

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