Analyse | 1:2-Niederlage gegen Wolfsburg - Altbekannte Probleme kosten Hertha den Sieg

Sa 21.08.21 | 22:05 Uhr | Von Till Oppermann
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Kritischer Blick: Pal Dardai nach der Hertha-Niederlage gegen Wolfsburg. / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Soeren Stache
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Am zweiten Spieltag verspielt Hertha zum zweiten Mal die Führung - und enttäuscht rund 18.000 Fans bei ihrer Rückkehr ins Olympiastadion. Trainer Pal Dardai muss sich fragen, ob er altbekannte Probleme übersehen hat. Von Till Oppermann

 

Hertha bleibt Hertha. Dieses Gefühl haben viele Fans verspürt, als sie am Samstag das Olympiastadion verließen. 17 Monate musste die große Mehrheit von ihnen wegen der Pandemieregeln auf die Heimspiele verzichten. In der Zwischenzeit feuerte der Verein zwei Mal den Trainer, der langjährige Geschäftsführer Sport Michael Preetz wurde gegen Fredi Bobic ausgetauscht und Hertha verpflichtete zahlreiche neue Spieler.

Bei der 1:2-Heimniederlage gegen den VfL Wolfsburg gibt es für die 18.241 Zuschauer trotzdem zahlreiche Déjà-vus: Die fehlende Balance zwischen Defensive und Offensive, klaffende Lücken im defensiven Mittelfeld und ein Konzentrationsfehler im Abwehrverhalten ziehen sich wie ein blau-weißer Faden durch die vergangenen Jahre. "Wir haben heute wieder verloren und null Punkte. Da gibt es nichts schönzureden", kommentiert der ernüchterte Coach Pal Dardai die Situation nach dem Spiel.

 

Die Spieler haben alles gegeben

Anders als nach der Auftaktniederlage gegen Köln verzichtet Dardai jedoch darauf, seine Mannschaft zu kritisieren: "Ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen." Und tatsächlich, an Einstellung mangelte es den Herthanern in den gut 90 Minuten zuvor gegen Wolfsburg nicht. Das gesamte Spiel warfen sich die Gastgeber in die Zweikämpfe und nahmen dabei auch keine Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit.

Gerade Stürmer Davie Selke, der eben erst eine Gehirnerschütterung auskuriert hat, ging schon in den ersten Minuten mit vollem Körpereinsatz in jeden Zweikampf und lag danach mehrmals mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen. Damit er den Wolfsburger Spielaufbau nicht allein stören musste, wurde aus Herthas 4-2-3-1-System gegen den Ball ein flaches 4-4-2, weil Kevin-Prince Boateng neben ihm in die vorderste Reihe rückte.

 

Arbeiter Selke tut der Mannschaft gut

Eine Reaktion auf das schwache Pressing gegen den 1. FC Köln, als sich in Herthas Defensive wieder und wieder große Lücken auftaten, weil unter anderem Offensivstar Matheus Cunha die disziplinierte Arbeit verweigerte. Danach war Dardai so wütend, dass er den Brasilianer öffentlich kritisierte. Am Samstag fehlte Cunha im Kader, ein Abgang noch in diesem Sommer ist nicht unwahrscheinlich. Den Denkzettel für Cunha kommentiert Dardai vielsagend: "Bei unserer Mannschaft geht keiner mehr spazieren, das hat man heute gesehen." Stattdessen sei sein Team im Kampfmodus gewesen und habe diszipliniertes Mittelfeldpressing geboten, so Dardai.

Tatsächlich gelang es der Mannschaft gegen Wolfsburg, die Abstände eng zu halten. Kein Spieler scherte aus dem Kollektiv aus. Allerdings: Obwohl in der ersten Hälfte mit Selke, Boateng und Santi Ascacibar mindestens drei besonders giftige Akteure auf dem Feld standen, gelang es Hertha selten die gegnerische Ballzirkulation zu stören. Am Ende hatten die Niedersachsen 59 Prozent Ballverlust. Wenn sie das Spielgerät verloren, lag das häufig eher an ungenauen Pässen im letzten Drittel, als an Herthas defensiver Organisation. Und sowieso: Es sagt viel über den Entwicklungsstand der teuren Mannschaft aus, dass es ihr guttut, wenn ein Ausnahmekönner wie Cunha durch einen Arbeiter wie Selke ersetzt wird.

 

Suat Serdar im defensiven Mittelfeld falsch aufgehoben

Das größere Problem am sonnigen Nachmittag im Olympiastadion hatten aber nicht die Spieler zu verantworten. "Das fehlende Quäntchen Glück" war laut Dardai der Grund dafür, dass es den Wolfsburgern gelingen konnte, durch zwei späte Tore Herthas Führung in eine Niederlage zu verwandeln. Dabei verkennt er aber, dass es für die fehlende Balance zwischen Pressing und eigenem Ballbesitz eine taktische Erklärung gibt.

Denn seiner Mannschaft gelang es defensiv wie offensiv zu keinem Zeitpunkt, die Hoheit im zentralen Mittelfeld zu erlangen. Nachdem Hertha in der guten ersten halben Stunde beim 1. FC Köln das Spiel über Boateng als tiefem Sechser sehenswert mit flachen Pässen eröffnet hatte, beorderte Dardai den Routinier gegen Wolfsburg ins offensive Mittelfeld, um besser gegen den Ball zu stehen. Stattdessen bildeten Ascasibar und Suat Serdar eine Doppelsechs. Eine Fehlbesetzung, gerade im Bezug auf Suat Serdar.

 

Das 1:0 als Willensleistung

Ihn beraubte die tiefe Position seiner größten Stärken: Weil er das Spiel selbst eröffnen musste, konnte er weder seine Dynamik noch seine Drehungen in den freien Raum ausspielen. Warum Dardai stattdessen nicht Lucas Tousart aufbot, der gerne viel Feld vor sich hat, bleibt sein Geheimnis.

Trotzdem sah es kurz so aus, als könne Hertha gewinnen: Obwohl ein geordneter Spielaufbau quasi nicht stattfand, war Herthas Führung durch einen Elfmeter von Dodi Lukebakio in der 63. Spielminute zu diesem Zeitpunkt nicht unverdient. Denn nach einer schwachen und torlosen ersten Halbzeit - in der Hertha gar nicht erst in Wolfsburgs Hälfte vorstieß und Wolfsburger wiederum ungenaue Pässe und Flanken schlugen, sobald sie vor Herthas Strafraum auftauchten - kamen die Berliner druckvoll aus der Kabine. Durch gutes Nachsetzen erzwangen sie einige Standards und setzten sich vor dem Wolfsburger Tor fest. Das 1:0 war am Ende eine Willensleistung.

 

Dardai reagiert spät und falsch

Aber nur mit Willen kann man kein Bundesliga-Spiel gewinnen. Auch in der Druckphase fehlten spielerische Impulse und Druck aus Herthas Sechserraum. In Köln stabilisierte Dardai seine Zentrale mit einer Umstellung auf eine Fünferkette mit drei Innenverteidigern. Am Samstag setzte er stattdessen weiter auf die Viererkette mit Ascasibar und Serdar davor. Das rächte sich in der 74. Minute. Da konnten die Wolfsburger unbedrängt durch Herthas Mittelfeld spazieren. Schlager schickte seinen Mitspieler Ridle Baku mit einem einfachen Flachpass durch die Mitte auf die Reise, der schüttelte problemlos Ascasibar und Innenverteidiger Dedryck Boyata ab und erzielte den Ausgleich.

Auch als Dardai dann einige Minuten darauf endlich wechselte, setzte er weiter auf die Viererkette. Erfolglos. Kurz vor Schluss ging Wolfsburg in Führung, begünstigt vom blauäugigen Abwehrverhalten der Gastgeber: "Ein Einwurf in Überzahl, wir klären den Ball nicht und stehen nicht an der richtigen Stelle", fasst Dardai das verhängnisvolle Ende zusammen. Das sei zwar schade, aber unglücklich gelaufen, entschuldigt er. Herthas Torschütze Dodi Lukebakio teilt diese Meinung: "Die Tore kamen aus dem Nichts. Das eine war ein Konter, das andere aus dem Nichts in der Box."

Eine Deutung, der man auch widersprechen kann. Denn beide Tore deuteten sich an. Weil das instabile Mittelfeld und die Konzentrationsfehler in entscheidenden Situationen Hertha zwei Saisons begleiten. Mit der Fünferkette hatte Dardai am Ende der vergangenen Saison ein Gegenmittel gefunden. Im nächsten Spiel den FC Bayern könnte die Mannschaft den Fans so das nächste Déjà-vu ersparen.

 

Sendung: rbb24, 21.08.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

11 Kommentare

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  1. 10.

    Anstatt die vielen Millionen Euro in den maroden Fussballclub zu investieren wäre es besser das Geld in den Ausbau von Radwegen zu investieren

  2. 9.

    Nee, hier muss es eher heißen: " sind wir noch da?"
    Berechtigte Frage, wenn man auf dem 18. Platz steht.
    Gut, die Prinzessin hat die 119. Gelbe Karte seiner Spielerkarriere bekommen - das ist doch was, oder?

  3. 8.

    Natürlich sind es altbekannte Probleme? Meint Ihr, die gehen über den Sommer weg? Nach der Saison ist vor der Saison. Meint hier wirklich jemand, die Probleme verschwinden über Nacht? Man kann eine Mannschaft nicht wie ein Auto reparieren, es ist eher wie eine Renovierung der Wohnung. Geht auch nicht schnell. Was sich aber ändern muss, ist Dardais Einstellung. Er muss das Ergebnis in den Blickpunkt stellen, wenn er ein Spiel kommentiert. Und eine Niederlage ist eine Niederlage. Jede Art der Schönfärberei ist kontraproduktiv.

  4. 7.

    Mit Sarkasmus ist niemandem geholfen. Und die Tabelle nach zwei Spieltagen anzuschauen ist ähnlich kindisch wie die Frage „sind wir bald da?“ kurz nach der Abfahrt.

  5. 6.

    Berlin war und ist leider kein gutes Pflaster für guten Fußball. Hertha hat immer Phasen, in denen einem der Spaß am Fußball verdorben wird. Auf jeden Fall ist diese Saison keine Zeit für Experimente. Die letzte wurde schon mit Vereinsgeschichte verplempert. Bobic ist gefragt. Dardai ist gefrag. Macht ein Team aus den Spielern. Allein dieser Streit auf dem Platz, wer den Elfmeter schiesst war bezeichnend, dass der Teamspirit noch fehlt. Berlin will besseren Fußball sehen Jungs.

  6. 5.

    Pottblitz! Unter dem alten Trainer gibt es die altbekannten Probleme. Wer hätte das erwartet.

  7. 4.

    Gute Analyse, super Statement Herr Oppermann!
    Zwischen den Zeilen gelesen ins Schwarze getroffen. Alles stimmig. Umsetzen muss es der Trainer. Ich hoffe sehr, es gelingt ihm. Dazulernen geht immer. Sofern der Kopf frei ist.

  8. 3.

    Alte Probleme?
    Ein altes Problem ist der Trainer, ideenlos, unflexibel, schönredend. Vom Umbruch weit entfernt.
    Auch die Einkaufspolitik ist daran Schuld.
    Um der Hertha etwas Glanz zu verleihen, wird glanzloses Abgewracktes eingekauft, wie Khedira und jetzt diesen Prince. Dachte man bei der Hertha, dass alleine die Namen den Gegner erschrecken?
    Der Eine spielte nur Minuten in einer Saison, der Andere spielt ja, sammelt aber Gelbe Karten.
    Zwei verlorene Spiele - sieht aus, als festigt man einen Abstiegsplatz.
    Gegen die Bayern gibt es die nächste Klatsche.

  9. 2.

    Gute Analyse. Unter Dardai wird Hertha immer eine "Arbeitermannschaft" sein, bei der es vom System her keine Entwicklung geben wird. Das reicht zum Durchwurschteln in der Bundesliga im letzten Drittel der Tabelle. Abstiegssorgen muss man m.E. aber nicht haben, da gibt es in dieser Saison zu viele andere Kandidaten. Aber schöner Fußball ist irgendwie anders und damit hatten die 90 nervigen Minuten gestern nichts zu tun.

  10. 1.

    Nur einen einzigen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz. Respekt, wer hätte das vor der Saison gedacht!

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