Union im DFB-Pokal bei Türkgücü München - Wer ist hier eigentlich der Favorit?

Fr 06.08.21 | 20:20 Uhr
  4
Urs Fischer an der Seitenlinie bei einem Testspiel. (Quelle: imago images/Contrast)
Bild: imago images/Contrast

Das erste Pflichtspiel der Saison führt Union Berlin nach München - aber nicht etwa zu den Bayern, sondern zu Drittligist Türkgücü. Vor der ersten DFB-Pokalrunde klingt Union-Coach Fischer trotzdem fast so, als sei sein Team der Außenseiter.

Das Personal

Die Personalie mit der wohl größten Strahlkraft vorneweg: Stürmer Max Kruse steht für das erste Pflichtspiel der Saison im Kader von Trainer Urs Fischer. Nach dem Vorrunden-Aus mit dem deutschen Team bei den Olympischen Spielen in Tokio hat der 33-Jährige zwar noch nicht lange zusammen mit der Mannschaft trainiert, die Reise nach München wird er trotzdem mit antreten. Ob er bei Drittligist Türkgücü am Sonntag (15 Uhr) wirklich zum Einsatz kommt, ließ der Schweizer Coach auf der Pressekonferenz vor der Partie aber offen.

Ein dickes Fragezeichen steht hinter Mittelfeldmann Sebastian Griesbeck, der nach seiner Verletzung zwar Fortschritte macht, aber noch nicht wieder bei vollen Kräften ist. Noch deutlich unwahrscheinlicher ist ein Einsatz des angeschlagenen Offensiv-Mannes Sheraldo Becker. Ansonsten hat das Trainerteam bis auf den langzeitverletzten Grischa Prömel alle Startelf-Kandidaten zur Verfügung.

Es fehlen: Grischa Prömel (Probleme in der Leistengegend), Leon Dajaku (Blinddarm-Operation)

Die Form

Puh, was soll man über die Form einer Mannschaft sagen, die noch kein einziges Pflichtspiel in dieser Saison absolviert hat? Wenn die Testspiele ein Gradmesser sind, dann präsentieren sich die Eisernen in beachtlichem Zustand. In fünf Vorbereitungs-Kicks gab es vier Siege und ein Unentschieden, bei einem Torverhältnis von 13:4. Gerade die Neuzugänge hinterließen einen überaus positiven Eindruck. Stürmer Andreas Voglsammer beispielsweise knipste in den fünf Testspielen vier Mal - das Zusammenspiel mit Sturmpartner Kevin Behrens funktionierte vor allen Dingen im Test gegen Dynamo Dresden hervorragend.

Wie der physische Zustand der Mannschaft ist, die nach dem Pokalspiel noch eine Woche Vorbereitung vor dem Budnesliga-Start hinter sich bringen muss, ist für Außenstehende schwer zu beantworten. In den Freundschafts-Duellen mit beispielsweise Viktoria Berlin, Dynamo Dresden oder Athletic Bilbao wechselte Urs Fischer sein Team nach 45 Minuten jeweils fast komplett durch. Wie die Kicker mit der Belastung über 90 Minuten in einem Pflichtspiel klarkommen, muss sich zeigen. Aber eins ist sicher: Es wird physisch und psychisch eine große Herausforderung.

Der Gegner

"Schwierige Aufgabe", so beschreibt Trainer Fischer Gegner Türkgücü München. Der Drittligist ist nach zwei Spieltagen in der Liga noch ungeschlagen - aber auch noch sieglos. Zwei Unentschieden (0:0 gegen Verl und 2:2 gegen Halle) und dementsprechend zwei Punkte ergeben den zehnten Tabellenplatz. "Es ist eine kompakte Mannschaft", analysiert Coach Fischer die Qualitäten des Kontrahenten, "sie haben Spieler mit viel Erfahrung". Da hat der Schweizer Recht: Stellvertretend für diese Erfahrung steht Kapitän Mergim Mavraj, der von Bundesliga-Aufsteiger Greuther Fürth nach München wechselte und insgesamt 158 Partien in Deutschlands höchster Spielklasse vorzuweisen hat.

"Sie sind eine Mannschaft, die versucht, Fußball zu spielen", so der Union-Coach weiter. "Aber sie versuchen auch, immer wieder mit langen Bällen auf ihren Zielspieler Sliskovic gefährlich zu werden." Ach ja, Petar Sliskovic, noch so einer mit viel Erfahrung. Der 30-Jährige (ehemals beim MSV Duisburg, Dynamo Dresden und Mainz 05 unter Vertrag) erzielte in der vergangenen Drittliga-Saison 13 Tore, in der aktuellen Saison ist er noch torlos.

Unioner im Fokus

Bei vielen Fans, aber auch bei vielen Journalistinnen und Journalisten, wird der erste Blick nach Bekanntgabe der Unioner Startelf gegen Türkgücü schleunigst zur Torwartposition schweifen. Wer hütet das Tor von Union Berlin, das ist nämlich hier die Frage. Mit Frederik Rönnow haben sich die Eisernen im Kasten verstärkt, der 29-Jährige kam von Eintracht Frankfurt mit großen Ambitionen nach Köpenick.

"Ich bin hier, ich will spielen", sagte der Däne unlängst. Die Nummer Eins der vergangenen Saison, Andreas Luthe, dürfte etwas dagegen haben. "Wir werden eine Entscheidung treffen und einer wird im Tor stehen", ließ Trainer Fischer in bekannter Manier nichts durchblicken. Doch bei aller Geheimniskrämerei: Luthe, der in der abgelaufenen Spielzeit mit starken Leistungen überzeugte, ist die wohl deutlich wahrscheinlichere Variante. Der Unioner im Fokus ist vor dem Pflichtspielauftakt also kein Mensch, sondern eine Position - die des Keepers.

Besonderheiten

Wer Urs Fischer bei der Pressekonferenz genau zugehört hat, der konnte fast den Eindruck gewinnen, Union sei der unterklassige Außenseiter und Türkgücü München der turmhohe Favorit. Sätze wie "wir bauchen einen guten Tag, um uns für die nächste Runde zu qualifizieren" sind normalerweise eher die Sache des Underdogs. Klar, jeder der den Schweizer Trainerfuchs ein paar mal häufiger vor Spielen hat referieren hören, der weiß: Fischers Understatement und vor allen Dinge das "Starkreden" des Gegners gehört zum festen Repertoire.

Aber vor dem Saisonstart ist das etwas anderes. In den Worten des Trainers scheint die Sorge vor dem Unbekannten mitzuschwingen - in dem Fall ist das Unbekannte der Zustand seines eigenen Teams. Wie viel aus dem Training lässt sich in einem Pflichtspiel auf den Platz übertragen, gegen eine Mannschaft, die bereits im Spiel-Rhythmus ist? Fischer wird es am Sonntag herausfinden - gemeinsam mit 1.350 Union-Fans (Stand Freitagnachmittag, 06.08.2021). Ja, Sie haben richtig gelesen - Auswärtsfans sind wieder erlaubt. Auch das ist eine Besonderheit.

Das erste Pflichtspiel ist, wie in jeder Saison, auch in Teilen ein Blindflug. Die Favoritenrolle aus diesem Grund neu zu verteilen wäre dann aber doch etwas übertrieben.

Sendung: rbb24, 06.08.2021, 21:45 Uhr

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    "Sympathischsten" ? Wohl kaum!! Understatement und jammern. Was ist daran sympathisch ?? Ehrlichkeit macht sympathisch.

  2. 3.

    Zitat: "Wir brauchen einen guten Tag..."
    Was braucht man dann in der 1. Bundesliga und in der ECL???
    Dem Gegner Respekt zollen, klar! Aber so eine "Underdog-Position" als Bundesliga-7. gegen einen mittelmäßigen Drittligisten einzunehmen, klingt für mich weder sympathisch noch erfolgreich!

  3. 2.

    Union macht das nach wie vor sehr professionell, jeder Gegner (egal aus welcher Liga) verdient Respekt und wird deshalb auch ernst genommen. Es ist genau diese Professionalität die Union Berlin zum derzeit erfolgreichsten (und sympathischsten) Club der Hauptstadt gemacht hat. Viel Erfolg in Runde 1 des DFB-Pokals!

  4. 1.

    Union stapelt tief und hat Angst sich zu blamieren

Nächster Artikel